Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
20 Jahre Tatort, 48 Fälle: Das ist Ulrike Folkerts als Ludwigshafener Ermittlerin Lena Odenthal. Vermisst heißt die Jubiläumsfolge und ist eine reichlich verzwickte Angelegenheit.
Wer ist Lena Odenthal? Die Antwort gibt sie selbst, als sie den Mörder schon überführt hat: «Lena O., nicht mehr ganz jung. Beziehung: Katze. Freunde: Kollegen, mehr nicht. Seit 20 Jahren wühle ich in Mord und Totschlag, finde selten etwas Nettes dazwischen.» Das ist der Steckbrief, den ihr Drehbuchautor Christian Darnstädt geschrieben hat. Bei einer anderen Schauspielerin würden diese Worte kokett klingen, nicht so bei Ulrike Folkerts, nicht bei Lena Odenthal. Im Grunde sagen die paar Sätze auch nicht viel aus über eine Frau, die vor 20 Jahren Tatort-Kommissarin wurde. Im Oktober 1989 war das. Bewegte Zeiten damals.
In Die Neue löste Lena Odenthal ihren ersten Fall. Burschikos kam sie rüber, mit schnittiger Kurzhaarfrisur, Lederjacke und einer gewissen Ruppigkeit, die immer auch eine große Verletzlichkeit kaschierte. Auf die alten Zeiten wird im aktuellen Fall ein paar Mal angespielt, etwa wenn Lena von ihrem mittlerweile pensionierten Vorgänger gefragt wird, wo sie denn ihre Lederjacke gelassen habe.
Lena Odenthal war nicht die erste Kommissarin im Tatort. Vor ihr gab es schon andere Frauen mit Dienstmarke. Nicole Heesters beispielsweise. Trotzdem kam erst mit Lena Odenthal ein neues Element in die Krimireihe. Nicht nur frischer Wind, das wäre zu wenig. Lena Odenthal war ein völlig neuer Ermittler-Typus. Sie hat den Boden bereitet für all die Kommissarinnen, die nach ihr kamen – für die Sängers, die Lindholms und die Blums.
Ein Hauch von Einsamkeit
Das ist die eine Seite. Die andere: Lena ist sich über die Jahre treu geblieben, hat keine Tatort-Mode mitgemacht. Vor allem nicht den Trend, das Privatleben immer weiter in den Vordergrund zu schieben, bis der Fall dahinter fast verschwindet. Schon klar, auch Lena Odenthal hat sich in den 20 Jahren verändert. Das bleibt nicht aus und muss auch sein. Ulrike Folkerts drängte immer wieder darauf, neue Facetten von Lena zu zeigen. Das hat gut geklappt. Verletzlicher ist sie geworden, emotionaler. Trotzdem ist Lena Odenthal eine Ermittlerin geblieben, für die der Fall alles ist. Geblieben ist auch der Hauch von Einsamkeit, der sie umweht. Keine Typen im Bett. Streicheleinheiten bekommt nur ihr Kater Miekesch. Hart, so ein Leben. «Tagsüber geht’s und nachts weine ich still in die Kissen», hat Lena Odenthal schon in Die Neue vor 20 Jahren gesagt.
Dabei gibt es durchaus immer wieder Männer in ihrem Leben. Nicht nur Kollege Kopper (Andreas Hoppe), der mit ihr die Wohnung teilt. Lena darf sich durchaus verlieben. Nur geht das nie gut aus. Auch in Vermisst ist das so. Es gibt tiefe Blicke bei Pasta, Trüffeln und Rotwein. Der Typ erwischt Lenas schwache Seite. Er ist ein Abenteurer, lebt auf seinem Boot. Vorher saß er im Knast. Hat seine Frau getötet. Happy End? Kann es nicht geben.
Vermisst kreist immer wieder um die Frage der Identität. Wer ist Lena Odenthal? Keiner weiß es. «Ich bin eine Nicht-über-mich-Nachdenkerin», sagt Lena einmal. Um Identität geht es aber auch ganz konkret. Eine blonde, sehr elegante Frau sitzt mit Genickschuss in einem Ludwigshafener Biergarten. Vor ein paar Minuten hat sie noch mit Lena telefoniert. Es ging um eine Aussage in einem Mordfall, der zwölf Jahre zurückliegt. Damals wurde ein gewisser Nick Ritterling (Thomas Sarbacher) verurteilt. Wegen Mordes an seiner Frau. Mit einem fingierten Autounfall wollte er die Tat vertuschen.
Der ideale Widerpart
Lena und Kopper machen Ritterling ausfindig. Er wurde vor wenigen Wochen entlassen. Zu der Tat bekennt er sich. Der Fall scheint also längst gelöst. Welche Aussage wollte die Frau, deren Pass sie als Michaela Bäuerle ausweist, noch machen? Die Ermittlungen ergeben, dass sie unter dem Namen Michelle Bouyer in Nizza lebte – auf großem Fuß, als Eigentümerin eines Modegeschäfts auf dem mondänen Boulevard des Anglaises. Eine Spur führt zu ihrem Liebhaber Jan Seegmeister (Jeroen Willems) und seiner Frau Conny (Corinna Harfouch). Die weiß von der Affäre ihres Mannes, hasst ihn dafür, deckt ihn aber trotzdem.
Sie ist die starke Gegenspielerin, die Lena Odenthal braucht, um zu Hochform aufzulaufen. Corinna Harfouch spielt diese Conny glänzend. Die verkniffenen Mundwinkel zucken immer ein bisschen – vor Verachtung, aber auch vor Schmerz um den Mann, den sie an eine andere verloren hat. Harfouch ist in diesem Tatort der ideale Widerpart für Lena, die versucht, den Fall Ritterling und den Mord an Michaela Bäuerle zusammen zu bringen. Die Geschichte wird dabei immer verschachtelter, die Auflösung zum Puzzlespiel, dem der Zuschauer sehr konzentriert folgen muss.
Conny Seegmeister setzt einen Detektiv auf Lena an. Er soll herausfinden, wer diese Frau ist. Kopper erwischt ihn, als er in die Wohnung einbricht. Auf dem Notizzettel, den er bei ihm findet, steht nur Triviales. «Keine Vereinszugehörigkeit. Fährt allein in den Urlaub.» Dürftige Erkenntnisse. Lenas Geheimnis lässt sich nicht so leicht lüften. Sie bleibt unergründlich, ungreifbar - auch nach 20 Tatort-Jahren und 48 Fällen. Das macht einen Großteil ihrer Faszination aus. Die Geschichte der Lena O. ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Sie wird weiter ermitteln – und nachts heimlich in ihr Kissen heulen.
Tatort: Vermisst, Sonntag, 11. Oktober, 20.15 Uhr, ARD
nak/ham/news.de
Über eben dieses Thema wurde auch schon im Tatort-Forum diskutiert... Dort einigte man sich darauf, dass es im Gesetz heißt, man darf nicht für DASSELBE verbrechen 2x hinter gitter, aber es war ja nicht dasslebe, sondern nur das GLEICHE, weil es ja nicht zum selben zeitpunkt war... das heißt, Ritterling saß das erste ma unschuldig im gefängnis, das zweite mal schuldig... also...?
jetzt antwortenKommentar meldenIch sehe das ganz genauso, wie mein Vorgänger. Wir sind hier in Deutschland und da kann man nicht für das gleiche Verbrechen 2x verurteilt werden. Hatte schon überlegt, wie ich das als "Beschwerde" mal wo anbringen kann. Somit kommt mir das hier ganz gelegen!!!!!!
jetzt antwortenKommentar meldenIch finde es schon komisch, das man zweimal für Mord hinter Gittern muß! War eigentlich der unlogischste Fall von Lena O. !
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