Sa., 26.05.12

Michael Haneke 10.10.2009 «Ich bin nicht süchtig nach Schuld»

Michael Haneke (Foto)
«Natürlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft unserer Welt», sagt Regisseur Michael Haneke. Bild: ddp

Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald

Mit Das weiße Band präsentiert Michael Haneke eine Gewalt- und Schuldstudie und ist damit der deutsche Kandidat für den Oscar. Mit news.de spricht der 67-jährige Regisseur über schwere Kost im Film und wie er mit Romy Schneider im Gitterbett lag.

Ihr Film geht für Deutschland ins Oscar-Rennen – sehr zum Ärger von Österreich. Der Streit, welches Land Anspruch auf einen Film hat, reicht zurück bis Sissy und Der Fälscher. Bei Ihnen stammen Geld und Akteure aus Deutschland. Ist es dennoch ein österreichisches Werk?

Haneke: Es ist ein Haneke-Film. Der Rest ist mir egal. (lacht)

Einmal mehr zeichnen Sie ein düsteres Bild der Gesellschaft – haben Sie keine Hoffnung?

Haneke: Natürlich mache ich mir Sorgen um die Zukunft unserer Welt. Und ein Drama ist dazu zu da, Konflikte zu zeigen und nicht die Idyllen. Allerdings bin ich nicht der weise Buddhist in der Klosterzelle, der alle Antworten auf die Grundfragen dieser Welt geben kann. Ich sehe Das weiße Band als einen Film über die Strenge, als einen strengen Film über die Strenge.

Von einem Regisseur, der selbst streng erzogen wurde?

Haneke: Nicht so sehr, mein Vater ist zwar Protestant, aber ich stamme aus eine Schauspielerfamilie, da ist nicht alles so streng.

Wären Sie einverstanden mit dem Prädikat «Beste Literaturverfilmung ohne Romanvorlage»?

Haneke: Wenn es Ihnen Spaß macht, gern. (lacht) Die Entscheidung, einen Erzähler einzusetzen und in Schwarzweiß zu drehen, soll dafür sorgen, die Geschichte ein bisschen zu distanzieren und mehr Objektivität in die Erzählweise zu bringen.

Wie weit verstehen Sie den Film als Studie über das Entstehen von Faschismus?

Haneke: Durch die Zeit und den Ort ist das Thema Faschismus naheliegend. Ich möchte aber nicht, dass man den Film alleine darauf reduziert. Es geht vielmehr um die Ursprünge von jeder Form von Terrorismus. Wenn Prinzipen oder Religionen verabsolutiert werden, werden sie automatisch pervertiert und unmenschlich. Sobald eine Idee zur Ideologie wird, wird sie gefährlich, Absolutheitsansprüche sind die Wurzeln von jeder Art des Terrorismus.

Bei Kindern muss man viel Geduld aufbringen

Woher kommt Ihre Faszination für die Frage von Schuld?

Haneke: In unserer jüdisch-christlichen Welt bekommen wir alle die Schuldfrage schon mit der Muttermilch eingeimpft. Das normale Unterhaltungskino verdrängt diese Dinge gerne. Wer sich ernsthaft mit der Welt auseinandersetzt, kommt gar nicht am Thema Schuld vorbei. Mich wundert eher, wie wenig davon gesprochen wird. Ich bin nicht süchtig nach Schuld und gewiss kein Freund von Gewalttätigkeiten – aber man kann die Augen davor ja nicht einfach verschließen.

Wie schwierig war die Arbeit mit Ihren Kinder-Darstellern?

Haneke: Meine große Angst war es, nicht die passenden Kinder zu finden. Im Drehbuch kann man sich vieles ausdenken, ob es dann auch funktioniert, ist eine ganz andere Sache. Deshalb legten wir besonderen Wert auf die Besetzung und haben 7000 Kinder getestet. Dabei wurden wir zum Glück fündig, denn wenn ein Kind begabt ist, kann man auch leicht mit ihm arbeiten. Nur bei den ganz Kleinen muss man eben etwas mehr Geduld aufbringen, weil die sich einfach nicht so lange konzentrieren können – aber das weiß man ja schon vorher.

Der Streit zwischen Arzt und Hebamme wirkt modern, auch einen Ausdruck wie «Behinderter» kann man sich für die damalige Zeit schwer vorstellen – gehört für Sie auch das zur Verfremdung?

Haneke: Der rüde Streit hat nichts mit modern oder altmodisch zu tun. In historischen Romanen findet man Auseinandersetzungen in dieser Härte zwar selten, weil es damals eben nicht üblich war, solche Dinge zu beschreiben – aber warum soll es das so nicht gegeben haben? Ich kann mich an kein modernes Wort im Film erinnern, der Ausdruck «behindert» stammt vom Erzähler, der 50 Jahre später auf die Ereignisse zurückblickt.

Ich habe keine Botschaft

Was würden Sie als Botschaft Ihres Filmes sehen?

Haneke: Ich habe keine Botschaft. Ich halte es da mit dem alten Sam Fuller, der einmal sagte: «Wenn du eine Botschaft hast, verschicke sie mit der Post».

Die Figur des Lehrers ist der einzige Mann, der positive Gefühle zeigt.

Haneke: Er ist der einzige, der über die Situation nachdenkt.

Die anderen, ungebildeten können das nicht?

Haneke: Schade für sie!

Privat immerhin sind Sie ein fröhlicher Mensch?

Haneke: Ich hoffe doch sehr. Fröhlich ist vielleicht übertrieben, aber ich sehe keinen Grund, in den Keller zu gehen, um zu lachen. Ich finde es ohnehin falsch, die Arbeit über bestimmte Themen mit der Psychologie des Autors zu erklären. Wenn manche Situationen schlimm dargestellt werden, liegt es oft eher an diesen schlimmen Situationen als daran, dass der Autor ein Schwarzseher ist.

Soll Filmkunst schwer konsumierbar sein?

Haneke: Ich erwarte als Zuschauer eines Films oder Leser eines Buches, dass ich selbst in Frage gestellt werde. Nur dann habe ich etwas davon. Wenn ich lediglich in dem bestätigt werde, was ich ohnehin bereits weiß, verliere ich nur Zeit. Da würde ich lieber spazieren gehen. In Zeiten der seichten Medienberieselung ist Kunst tatsächlich schwierig zu konsumieren. Wobei meine Filme keineswegs schwer zugänglich sind - man muss nur den Willen haben, sich darauf einzulassen.

Stimmt es eigentlich, dass Sie mit Romy Schneider einst gemeinsam in der Entbindungsstation waren?

Haneke: Meine Mutter und die Mutter von Romy Schneider waren damals in Salzburg sehr befreundet. Deswegen kann ich sagen, ich war mit der Romy Schneider im Gitterbett. Leider habe ich diese Frau, die ich unglaublich toll finde, später nie kennen gelernt.


Der Filmregisseur und Drehbuchautor Michael Haneke wurde 1942 in München geboren und lebt und arbeitet in Wien. Er erhielt in diesem Jahr für Das weiße Band bereits die Goldene Palme in Cannes. Der Film mit Susanne Lothar, Ulrich Tukur und Burghart Klaußner in den Hauptrollen spielt am Vorabend des Ersten Weltkrieges und schildert die mysteriösen Vorfälle in einem dörflichen Schulchor.

ped/car/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Mine
  • Kommentar 1
  • 11.10.2009 11:30
 

Romy war schon eine Ausergewöhnliche Frau eine Talentierte so etwas kommt nicht so schnell wieder .

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