So., 12.02.12

Herta Müller Schreiben gegen das Vergessen

Von Wilfried Mommert

Artikel vom 08.10.2009

Die diesjährige Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller wird als Meisterin der lyrischen Prosa angesehen. Ihre Kindheit in Rumänien erlebte sie als Schule der Angst und legt davon in ihren Werken beredt und bedrückend Zeugnis ab.

Auch ihr gerade erschienener Roman Atemschaukel rückt ihr persönliches Schicksal in den Mittelpunkt. Thema ist die in ihrer Heimat lange Zeit tabuisierte Deportation deutschstämmiger Rumänen am Ende des Zweiten Weltkriegs in die damalige Sowjetunion. Auch Müllers Mutter war fünf Jahre im Arbeitslager. Müller ist mit dem Roman auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert, der in der kommenden Woche verliehen wird.

Das Buch, das mit dem Satz «Alles, was ich habe, trage ich bei mir» beginnt, wurde von manchen Kritikern schon als «Meisterwerk» gepriesen. Der Erfolg stärkte diesmal die Favoritenrolle Müllers für den Nobelpreis, für den sie bisher eher nur als Außenseiterin gehandelt worden war.

Der Roman basiert auf den Gesprächen Müllers mit ehemals Deportierten. Zweite wichtige Quelle sind die autobiografischen Texte des 2006 gestorbenen Büchner-Preisträgers Oskar Pastior, an denen die beiden Autoren gemeinsam gearbeitet hatten. Mit dem jetzigen Erfolg ihres Buches hatte sie nicht gerechnet. «Alle Welt spricht von 20 Jahren Mauerfall und dann komme ich mit einer alten Deportationsgeschichte», sagte sie einen Tag vor der Nobelpreisentscheidung in Berlin dazu.

Seit Anfang der 90er Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört die Frau, die nie Schriftstellerin werden wollte, mit Büchern wie Der Fuchs war damals schon ein Jäger, Herztier und Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb. Und das, obwohl sie nach eigenen Worten eine Biografie hat, mit der man «hierzulande nicht so richtig umgehen kann».

Dabei begegne einem mit Herta Müller «starke Literatur und ein starker Mensch», meinte einmal der frühere Chef der Stasi-Unterlagenbehörde Joachim Gauck bei der Auszeichnung Müllers mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Autorin habe dem Dunkel des Ostens viele Melodien abgelauscht, nicht zuletzt jene, «die uns schwer auf die Seele fallen, weil sie an das Geräusch der Ketten erinnern». Immer protestierte Herta Müller gegen verordnetes Denken und entmündigtes Sprechen.

Das Lebenswerk der heute 56-jährigen deutsch-rumänischen Autorin ist von den Erfahrungen mit der Diktatur und dem Gefühl der Fremdheit in der eigenen Heimat geprägt. Ihre Bücher zeugen vom Schreiben gegen das Vergessen, die dunklen und schmerzhaften Erinnerungen an eine düstere Vergangenheit im totalitären System des Ceausescu-Regimes, dem die im seinerzeit deutschsprachigen Banat geborene Autorin erst 1987 entkommen konnte. Zusammen mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner beantragte sie die Ausreise und ging nach Deutschland.

Aber auch danach hat sie die Augen nicht verschlossen und Bedrohungen aufmerksam registriert. So gehörte sie in den 90er Jahren zu der Gruppe von Schriftstellern, die in Deutschland gegen Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit zu Lesungen in Asylbewerberheimen aufbrachen. «Ich kann mich nicht wegschleichen und will mich nicht täuschen, sondern das ertragen, was ich sehe», sagte sie bei der Entgegennahme des Kleist-Preises. Das kennzeichnet auch das gesamte Werk der Schriftstellerin mit dem messerscharfen Stil ihrer Texte.

In Niederungen beschrieb Müller das Landleben der deutschsprachigen Bevölkerung im Banat als «Anti-Idylle», aus der Perspektive des Kindes. Das für sie überraschend positive Echo auf das Buch in Deutschland irritierte sie: «Ich war überzeugt, verwechselt zu werden.»

Der später folgende Prosaband Reisende auf einem Bein entstand 1989 bereits in West-Berlin und spiegelt das Fremdsein in der neuen Heimat wider. Immer wieder muss sich Müller in ihren Werken den Schatten der Vergangenheit stellen. Der Alltag in einem totalitären System ist auch Thema ihres Romans Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992). Herztier (1994) beschreibt das Leben der Oppositionellen in Rumänien.

Als Fortsetzung ihrer «Chronik der Gewalt» bezeichneten Kritiker die 1997 erschienene Geschichte eines Verhörs Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet, ein Roman auch über Einsamkeit, Trunksucht, Angst und Verrat - nie verschwundene Alpträume der traumatisierten Schriftstellerin Herta Müller. Im Jahr 2000 erschienen die literarischen Collagen Im Haarknoten wohnt eine Dame. 2003 veröffentlichte sie einen Essay-Band mit dem Titel Der König verneigt sich und tötet und 2005 die Text-Bild-Collagen Die blassen Herren mit den Mokkatassen.

Müller erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Kleist-Preis, den Ricarda-Huch-Preis der Stadt Darmstadt, den Marie- Luise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt, den Europäischen Literaturpreis Aristeon, den Franz-Kafka-Preis sowie den Joseph- Breitbach-Preis, den mit insgesamt 120.000 Euro höchst dotierten Literaturpreis für deutschsprachige Autoren. Seit 1995 ist Herta Müller Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

ped/nak/reu/news.de/dpa
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Herta Müller: Schreiben gegen das Vergessen » Medien » Nachrichten

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