Sie rückte kurz vor der Verleihung überraschend in den Favoritenkreis auf: Die neue Literatur-Nobelpreisträgerin heißt Herta Müller. Für Kritiker kam das wenig überraschend, sie hatten ihr Werk fast einhellig positiv bewertet.
Herta Müller zeichne «mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit» begründete heute Punkt 13 Uhr Peter Englund, ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, die Verleihung des Nobelpreises an die Berlinerin. Nach zehn Jahren geht der weltweit wichtigste Literaturpreis damit wieder nach Deutschland. 1999 war Günter Grass ausgezeichnet worden.
Müller, die 1953 im lange deutschsprachigen Banat in Rumänien geboren wurde, hat schriftstellerisch vor allem ihre Erfahrungen mit dem alles und alle unterdrückenden System der rumänischen Ceausescu-Diktatur verarbeitet. Ihr neuer Roman Atemschaukel über die Deportation deutschstämmiger Rumänen nach dem Zweiten Weltkrieg in die damalige Sowjetunion wurde von der Kritik fast einhellig positiv aufgenommen.
Ihre Berufslaufbahn begann Müller als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Weil sie eine Zusammenarbeit mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate ablehnte, wurde sie entlassen und begann mit dem Schreiben. Bei ihrem erstes Buch Niederungen (1982) verzichtete sie nach eigenem Bekunden darauf, in Rumänien zu veröffentlichen. Sie gab privat Deutschunterricht, bis der Geheimdienst die Eltern ihrer Schüler unter Druck setzte.
1985 beantragten sie und ihr Mann aus politischen Gründen die Ausreise nach Deutschland, worauf sie mit einem Reise- und Publikationsverbot belegt wurden. Ihre Resignation und innere Zerrissenheit auf dem Sprung in eine neue Heimat kommen in der Erzählung Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt (1986) und in der Prosasammlung Barfüßiger Februar (1987) deutlich zum Ausdruck. Seit ihrer Einreise nach Westdeutschland im März 1987 nahm sie zahlreiche Gastdozenturen und -professuren wahr und wirkte an verschiedenen Hochschulen in Europa und in den USA.
Müller veröffentlichte zunächst in der deutschsprachigen Zeitschrift des rumänischen Schriftstellerverbands Neue Literatur. 1984 erschien in der BRD ihr Erzählband Niederungen in der Originalfassung. Das Manuskript hatte die Autorin aus dem Land schmuggeln lassen und es um zusätzliche Texte ergänzt. Kritiker feierten die Autorin als «Entdeckung» (Der Spiegel) und rühmten die Dringlichkeit ihrer Prosa, während sie in ihrer Heimat als Nestbeschmutzerin beschimpft wurde. In Niederungen beschreibt sie das Landleben der deutschsprachigen Bevölkerung in Banat als grauenhafte Anti-Idylle, wahrgenommen aus der unerbittlichen Perspektive eines Kindes.
Der Alltag in einem totalitären Land steht im Mittelpunkt ihres ersten Romans Der Fuchs war damals schon der Jäger. Ihr zweiter, viel beachteter Roman Herztier (1994) beschreibt «die Kindheit als Schule der Angst, in der die Schrecken der Diktatur ihre Urszene haben» (Süddeutsche Zeitung). Herztier als eines von Müllers zentralen Büchern weist unverkennbar Ähnlichkeiten mit dem Leben der Autorin auf.
Seit vier, fünf Jahren hat die Berlinerin eine typische «Karriere» als Nobelpreis-Kandidatin durchlaufen: Erst mal so hingestreut als überraschend genannte und außerdem noch ziemlich junge Anwärterin, gehörte sie zuletzt zum festen Bestandteil aller Spekulationen. Unmittelbar vor der Verkündung war sie in den Topkreis der Kandidaten aufgerückt.
ped/ruk/reu/news.de/dpa