Gaming Sickness Wenn Videospiele zum Kotzen sind

Spielephänomene (Foto)
Je realistischer, desto übler: Computerspiele können den Kreislauf durcheinander bringen. Bild: ap

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Mancher Videospieler kennt das: Scheinbar grundlos wird ihm schlecht. Am Inhalt des Spiels liegt es nicht. Auch nicht an der eigenen Gesundheit. Schuld ist die Gaming Sickness, ein Phänom, das sich bei hochgradig realen Spielen zeigt.

«Manchen Spielern ist schlecht geworden, während sie immersive Spiele spielten», berichtet Professor Heiko Hecht von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Immersiv sind Games, wenn Spieler vollkommen in diese eintauchen können. Doch Gaming Sickness ist keine Krankheit. Eher eine Irritation der Sinne. «Übelkeit tritt auf, wenn die Stellungs- und Gleichgewichtsorgange gegenteilige Reize melden», erklärt der Experte für Allgemeine experimentelle Psychologie. Das sei etwa der Fall, wenn das Auge eine nach vorn kippende Bewegung wahrnimmt, dass Innenohr aber meldet «Du stehst mit beiden Beinen fest auf dem Boden».

Schuld sind die visuellen Sinne, «die so stark ausgeprägt sind, dass sie alle anderen übertrumpfen». Das passiert auch, wenn man sich in einem 360-Grad-Kino eine fahrende Achterbahn ansieht. Straucheln, weggucken oder umfallen sind typische Reaktionen.

Reisekrankheit und Gaming Sickness
Spielend gegen den Brechreiz
Brechreiz auf hoher See (Foto) Zur Fotostrecke

Videospielgrafiken hingegen simulieren eindrucksvolle Eigenbewegungen. Der Konflikt zwischen Auge und Gleichgewicht entsteht, weil die Spieler vor dem Bildschirm sitzen. «Dauert das länger - wir reden hier nur von Minuten -, wird den Spielern übel», erklärt Hecht. Ein normales Alarmsignal des Körpers, das nichts anderes besage als: «Um Himmels willen erstmal zurückziehen.»

Eine Frage der Identifikation

Ob Shooter oder Rollenspiel – welches Spielgenre über den Bildschirm flimmert, ist egal. Entscheidend sei, wie real die Grafik ist, aber auch, wie stark sich Spieler mit den Ereignissen identifizieren. Bestes Beispiel dafür ist Mirror's Edge von Publisher Electronic Arts, dessen Kameraführung den Sinnen ordentlich Streiche spielt.

Im Grunde gilt: Je langweiliger das Spiel, desto geringer die Immersion und umso seltener sind Spiele «zum Kotzen». Hechts Forschungsergebnisse belegen das. Weil Computersimulationen nicht real genug waren, wurde Videomaterial von einem Auto benutzt, dass auf dem Nürburgring Schleifen dreht. Zehn Minuten sollten die Probanden im Geiste mitfahren - ohne Knöpfe zu bedienen oder Gas zu geben.

Das Ergebnis: «Bei allen Versuchspersonen, ausnahmslos, gab es Anzeichen von Gaming Sickness. Niemand ist immun», so das Resümee. Und die Symptome zeigen sich schnell, wiesen Hecht und sein Team anhand einer Skala nach. Null stand für «keine Symptome», 20 für «Ich brauche die Kotztüte». Minütlich wurde der Befindlichkeitsgrad abgefragt.

Zehn Spielminuten reichen

Hecht: «In den ersten Minuten passierte nichts. Nach vier Minuten zeigten sich leichte Anzeichen, dann gingen es rapide nach oben.» Innerhalb von zehn Minuten erreichten die Probanden Skalenwerte zwischen 13 und 15. Bis zur Kotztüte habe man es nicht kommen lassen. Dennoch: Von 100 Testpersonen mussten bis zu zehn den Versuch vorzeitig abbrechen.

Manche Menschen sind resistenter. Und: «Man kann dagegen antrainieren», ist der Experte überzeugt. «Beim ersten Mal wird einem schlecht, beim zehnten Mal nicht mehr.» Ob sich Gaming Sickness ganz ausschalten lässt, ist bislang nicht klar. «Piloten, die unter der Simulatorkrankheit leiden, sind nach jahrelangem Training symptomfrei.» Ein mühsamer Weg, der auf eines hinausläuft: den Konflikt aushalten lernen.

Die Forscher haben ein kleines Lauftraining entwickelt, bei dem sich die Testpersonen ständig um die eigene Achse drehen müssen. «Nach ein paar Wochen wurde den Probanden nicht mehr schwindlig», sagt der Mainzer Professor.

Regelmäßig Pausen machen

Der Gaming Sickness zuvorkommen kann, wer ein paar Grundregeln befolgt: nicht zu dicht am Bildschirm sitzen, damit das Auge Umgebungsreize bekommt, zwischendurch vom Monitor aufblicken, regelmäßig Pausen beim Spielen machen.

Macht sich die Übelkeit schon breit, sollten Spieler auf keinen Fall etwas essen, dafür aber tief durchatmen und etwas trinken. Eine lange Pause ist Pflicht. «Ein paar Minuten reichen nicht, um wieder herunter zu kommen», betont der Psychologe. Wer bereits Schweißausbrüche hatte, sollte den Rechner erstmal ganz links liegen lassen.

kat/kab/news.de

Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • CMOVS
  • Kommentar 7
  • 01.09.2014 16:48

Je langweiliger, desto geringer die Immersion!? Das kann ich nicht bestätigen, denn ich hab gerande Landwirtschaftssimulator 2013 getestet, und obwohl das Game kotzelangweilig ist, und die Grafiken bestenfalls annehmbar, wurde mir dabei übel. Daran kann's also auch nicht liegen...

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  • Anja
  • Kommentar 6
  • 13.05.2012 01:34

Hallo, habe seit Jahren Gaming Sickness. Seit kurzem habe ich festgestellt, dass Alkohol (gewisse Menge) die Übelkeit überwindet, da sie das überempfindliche Nervensystem "lahm legt". Natürlich nicht so viel, dass einem vom Alk auch übel wird.

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  • XAct76
  • Kommentar 5
  • 07.05.2012 22:19

Ob Medikamente dagegen helfen, weiß ich nicht. Das habe ich noch nie getestet, bin aber auch kein Freund der Pharmaindustrie. Ich selber habe Gaming Sickness das erste Mal mit Unreal zu spüren bekommen, hatte aber auch vorher schon wenig angenehme Erlebnisse mit selbst aufgenommenen Videos und Kinofilmen wie Twister und Air America. Was ich die letzten Jahre allerdings gelernt habe: Licht an beim Zocken. Wenn ich merke, dass es doch los geht mindestens eine halbe Stunde hinlegen und die Augen schließen. Erst wenn es wieder richtig gut ist erneut zocken gehen...

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