Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Lippels Traum, ein Kinderbuchklassiker der 1980er Jahre, ist zum zweiten Mal verfilmt worden – prominent besetzt mit Moritz Bleibtreu und Anke Engelke. Überzeugen kann in Lars Büchels Familienfilm, der wie so viele daran krankt, Kids-tauglich sein zu wollen, aber nur der Hauptdarsteller: Karl Alexander Seidel.
Drei Dinge gibt es, die Lippel ganz besonders gerne mag: Sammelbilder, eingemachtes Obst und Bücher. Und es gibt drei Menschen, die er ganz besonders gerne mag: Seinen Vater, seine Mutter und Frau Jeschke, die Nachbarin. So zumindest war es einmal, nein, eigentlich ist es immer noch so, denn das Buch, in dem Lippel die Hauptrolle spielt, gibt es ja noch: Lippels Traum, geschrieben von Paul Maar – 1984.
2009 ist davon nicht mehr viel geblieben. Natürlich, in der zweiten Verfilmung des Kinderbuchklassikers, die Regisseur Lars Büchel gedreht hat, gibt es immer noch den elfjährigen Lippel (Karl Alexander Seidel), und auch Bücher liebt er nach wie vor. Sammelbilder aber oder eingemachtes Obst, Frau Jeschke, die es ihm kocht, all das ist verschwunden. Und sogar Lippels Eltern fielen dem Drehbuch zum Opfer, geblieben ist nur sein Vater (Moritz Bleibtreu), alleinerziehend, und der ist nicht mehr Journalist, sondern Koch.
Und so beschließen Lippels Eltern eines Tages auch nicht, für eine Woche nach Wien zu fahren. Stattdessen muss sein Vater beruflich in die USA. Zumindest aber bei der übrigen Rahmenhandlung haben die Drehbuchautoren versucht, sich am Buch zu orientieren. Und bei denen handelt es sich immerhin um Ulrich Limmer und Paul Maar.
Damit Lippel die Woche nicht allein zurechtkommen muss, engagiert sein Vater Frau Jakob (Anke Engelke) und lässt ihm gegen die Langeweile ein Buch mit den Märchen aus 1001 Nacht da. Nach einem Streit aber verbietet das unerträgliche Kindermädchen Lippel das Lesen, eine umso härtere Strafe, als Lippel krank geworden ist und das Bett hüten muss. Im Buch darf er wenigstens zwischendurch nochmal raus. Und dann wären da ja auch noch Arslan (Steve-Marvin Dwumah) und Hamide (Amrita Cheema), zwei neue Mitschüler, die er gerade erst kennengelernt hat, und nicht zu vergessen Muck, der streunende Hund, den Frau Jakob natürlich auch nicht leiden kann.
In dieser Situation kommen Lippel seine Träume zu Hilfe. Wenn er schon nicht lesen darf, dann träumt er die Geschichten eben weiter. Und er träumt sich die Personen hinein, die ihm so begegnen. Da wird sein Vater zum König aus dem Morgenland, Arslan und Hamide zu Prinz und Prinzessin, Frau Jakob zur fiesen Schwester des Herrschers und Muck, ja, der bleibt der treue Muck.
Lippels Traum ist einer der großen Kinderbuchklassiker der 1980er Jahre, ein Buch über das Träumen und die Fantasie, über Freundschaft und Integration. Der Film, und das verwundert aufgrund der Drehbuchmitarbeit Paul Maars, macht es sich da einfacher. Er erzählt eine nette Geschichte. Mehr zunächst nicht.
Und er krankt an der fehlenden Ausgewogenheit der Darsteller, am Casting. Mit Karl Alexander Seidel haben Stefany Pohlmann und Nicole Fischer einen Lippel-Darsteller gefunden, der fast das gesamte restliche Team an die Wand spielt, allen voran Steve-Marvin Dwumah und Amrita Cheema. Doch sogar Anke Engelke und Uwe Ochsenknecht, der in einer Gastrolle als Lehrer beziehungsweise Herbergswirt auftritt, müssen sich zu sehr anstrengen, um dagegen anspielen zu können, und rutschen dabei unnötigerweise ins Groteske ab.
Kaum ein Schauspieler kommt mit beiden Rollen klar, der in der Realität und der in Lippels Träumen. Moritz Bleibtreu gibt einen überzeugenden Vater mit kurzem Auftritt ab, als König aus dem Morgenland aber bleibt er blass. Anke Engelke überspitzt die Rolle der Frau Jakob unnötig, ist dafür aber als Intrigantin in den Geschichten aus 1001 Nacht die Idealbesetzung. Lediglich Christiane Paul, die – wohl als Ersatz für Frau Jeschke – eine Angestellte im Restaurant von Lippels Vater beziehungsweise die Tochter des Herbergswirts spielt, überzeugt in beiden Rollen. Sie aber muss auch nur lieb sein, das nimmt man ihr gerne ab.
Daneben muss sich Paul Maar fragen lassen, warum er die eigentlich so vorzügliche Handlung seines Buches derart zerfleddert hat. Wo die im Buch eigentlich erst anfängt, ist sie im Film bereits zu Ende. Wo im Buch die Charaktere den Plot tragen, versucht der Film es umgekehrt, er versucht, durch den Plot die Charaktere zu tragen. Und wo im Buch, als Lippel am Ende traurig ist, dass er seinen Traum nicht zu Ende träumen kann, seine Mutter kommt und ihm die Geschichte zu Ende erzählt, ist die Geschichte im Film einfach zu Ende. Natürlich nicht, ohne noch ein klein bisschen Liebe einzubauen. Wer sich da wohl in wen verliebt?
Man wird den Eindruck nicht los, Paul Maar habe sein Buch modernisieren wollen, durch den alleinerziehenden Vater etwa oder die überzogenenen Figuren der Frau Jakob und des Lehrers Färber. Eine Modernisierung, die unnötig gewesen ist. Ebenso aber wird man auch den Eindruck nicht los, Maar habe sich gescheut, einige der Konflikte, die im Buch eine Rolle spielen, auch im Film zur Sprache zu bringen. Die Ausländerfeindlichkeit von Frau Jakob etwa wird vollkommen ausgeblendet. Kam ihm die im Jahr 2009 vielleicht zu platt vor, zu schlicht?
Es ist diese im deutschen Kino so oft zu findende Tendenz, alles auf das Heute zuschneiden zu wollen, jede Geschichte Kids-tauglich zu machen. Dass ein Klassiker, eine so zeitlose Geschichte, von sich aus trägt, dass Lippels Traum einfach eine gute Geschichte ist, dieses Vertrauen scheint selbst Paul Maar nicht gehabt zu haben, ganz zu schweigen von Lars Büchel. Vielleicht wäre es gut gewesen das Buch so zu nehmen, wie es ist, den FIlm ohne Prominenz zu besetzen und ihn ohne Schnickschnack zu produzieren.
So ist aus dem hervorragenden Stoff zwar immer noch gute Unterhaltung geworden, vor allem aber für all diejenigen, die die Vorlage nicht kennen. Alle anderen dürften enttäuscht werden. Maar hat, im Vorwort seines Buches, ein Zitat von Blaise Pascal aufgegriffen: «Wenn wir jede Nacht das gleiche träumten, würde es uns genauso beschäftigen wie alles, was wir täglich sehen.» Und Maar schreibt: «Als ich die Notiz oben las, stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn jemand wirklich jede Nacht vom gleichen träumte. Könnte der überhaupt noch zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden?» In Büchels Film jedenfalls fällt das, anders als im Buch, nicht mehr schwer. Und das ist wohl seine größte Schwäche.
Titel: Lippels Traum
Regie: Lars Büchel
Hauptdarsteller: Karl Alexander Seidel, Anke Engelke, Moritz Bleibtreu, Christiane Paul, Amrita Cheema, Steve-Marvin Dwumah, Uwe Ochsenknecht, Edgar Selge
Spielzeit: 101 Minuten
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2009
FSK: ab 6 Jahren
Kinostart: 8. Oktober 2009