Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
«Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie», soll Beethoven einst gesagt haben. Recht hatte er. Denn Musik beantwortet Fragen, die noch längst nicht gestellt wurden. Weil sie wandlungsfähig ist - wie der britische Tenor Russell Watson.
Um Himmels willen, Oper! Welchem Irrtum ist das Ohr erlegen, das sonst nur in beißenden Rocktönen, Metalklängen, einer Portion Folk und zuweilen sogar Techno seinen Frieden findet? Einem Klangentführer: der Stimme.
Oder anders: «The Voice». Ganz unverdient trägt Russell Watson diesen Namen nicht, den man fast als großen Bruder von Paul Potts betrachten könnte. Die Karrieren der beiden ähneln sich. Nur dass es bei Watson nicht die Oper war, die ihn zur Musik brachte. Dafür hatte er Neil Diamond und Elvis Presley, mit deren Titeln er sich sein schmales Gehalt als Fabrikarbeiter aufbesserte.
Encore (franz. für Zugabe) war 2001 das zweite Album des Briten, der in Deutschland eher selten zu hören ist. Bekannt wurde er hier erst, als der Titelsong Where My Heart Will Take Me aus der Science-Fiction-Serie Star Trek: Enterprise in den Radios hoch und runter spulte. Das Original hatte einst Rod Steward für den Film Patch Adams zum Besten gegeben.
Die Titelauswahl auf der Platte allerdings ist umso bekannter. Es sind Klassiker wie O sole mio, Pelagia's Song aus dem Film Corelli's Mandoline oder das Ave Maria. Gab's schon, bei Pavarotti und Co. Doch Watson ist anders. Irgendwie elektrisierend, irgendwie befreiend. Er lässt die Gedanken fliegen, löst Anspannung. Wandelt zwischen leisen Tönen und kraftvollen Vibrationen. Vom großen Zeh bis in die letzte Haaresspitze kriecht die Gänsehaut, wenn er sich in E lucevan le stelle aus Puccinis Oper Tosca der Dramatik hingibt.
Was Watson aber vor allem auszeichnet, ist seine Wechselhaftigkeit. Er lässt sich nicht auf Klassik festlegen, bleibt auch dem Pop und rockigeren Titeln treu, wagt sich in späteren Alben sogar an Soul und Swing. Und das ist gut so. Denn es wäre eine Verschwendung seiner unglaublichen Stimme, blieben seine Interpretationen linear. Nicht zuletzt deshalb gibt sich Watson auf Encore duettfreudig - mit Lulu wie mit Lionel Richie.
Musik hat Ecken und Kanten - und die sind auf diesem Album deutlich zu spüren. Manche liebt man, andere hasst man. Doch das ändert sich, immer wieder. Je öfter das Album den Weg in den CD-Player findet.
Und es ist eine Platte, die man laut hören muss. Richtig laut. So laut, dass der eigene Körper wie von selbst zu vibrieren beginnt - selbst bei den leisen, den nachdenklichen Tönen. Erst dann wirkt die Scheibe so richtig, ist intensiv - und einfach nicht mehr aus dem Kopf zu verbannen.
Und so hat Encore ihren Platz gefunden. Die Platte mag nicht die älteste im CD-Sammelsurium sein. Aber wohl eine, die am meisten unter Abnutzung gelitten hat. Die Hülle spricht Bände.
ped/news.de