«Grenzgänger des guten Geschmacks»
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Unzählige Male ist das Satire-Blatt Titanic schon verklagt worden. Und mehrfach schrammte die Zeitschrift wegen teurer Prozesse nur knapp an der Pleite vorbei. Über den 30. Geburtstag wundern sich deshalb die Zeitschriften-Macher selbst.
An den ehemaligen SPD-Kanzlerkandidaten Björn Engholm, der auf einem Titel in der Badewanne des toten Uwe Barschel abgebildet wurde, mussten 40.000 Mark überwiesen werden. 27 Hefte wurden gleich ganz verboten - zuletzt im Sommer 2006, als der damalige SPD-Chef Kurt Beck als «Problembär außer Rand und Band: Knallt ihn ab!» auf dem Cover vorgestellt wurde. Dennoch hat die Titanic überlebt. 30 Jahre lang.
Über dieses fortgeschrittene Alter wundern sich auch die Zeitschriften-Macher selbst. Mit einer kleinen Mannschaft, die neben freien Mitarbeitern aus nur zwei fest angestellten Redakteuren besteht, hangelt sich die Titanic so durch. Und im Zeitalter der schicken Hochglanzformate kommt das Blatt optisch weiterhin eher wie eine Schülerzeitung daher. Es fehlt einfach das Geld für besseres Papier, wie Grafiker Thomas Hintner sagt. Seit 18 Jahren gehört der Titanic-Veteran zur Redaktion, die in einem schönen Altbau im Frankfurter Studentenviertel Bockenheim untergebracht ist.
Um die 70.000 Exemplare verkauft das Blatt nach eigenen Angaben im Schnitt und kann sich damit finanziell auch ohne Anzeigen über Wasser halten. Das ist vor allem der Anhänglichkeit langjähriger Titanic-Autoren zu verdanken, die inzwischen als Buchautoren oder als Mitarbeiter von etablierten Medien erfolgreich sind. Dazu gehören Schreiber wie Eckart Henscheid, Bernd Eilert und Max Goldt oder Zeichner wie F. W. Bernstein oder Greser&Lenz. Auch frühere Chefredakteure wie etwa Welt-Kolumnist Hans Zippert (Zippert zappt) halten dem Blatt die Treue.
Gegründet wurde das «endgültige Satiremagazin» 1979 in der Nachfolge der Pardon als neues Leitmedium der «Neuen Frankfurter Schule». Neben Peter Knorr gehörte deren berühmtes Viergestirn - Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, F.K. Waechter und Hans Traxler - zu den Titanic-Vätern. Alles sollte anderes gemacht werden, lautete die Devise. Alles sollte infrage gestellt werden. So werden statt Leserbriefe zum Beispiel «Briefe an die Leser» verfasst.
Vom Glanz der alten Garde zehrt das Magazin noch heute. Geblieben ist der Anspruch. «In jedem Artikel wird die Systemfrage gestellt», sagt Chefredakteur Leo Fischer, der mit seinen 28 Jahren jünger als das Magazin ist. Er weiß, dass sich der Humor in der Republik, für den die Zeitschrift lange Zeit etwa mit kreativen Begriffen wie dem «Teuro» stilprägend war, gewandelt hat. Die Titanic müsse subversiver als die heutige Comedy-Kultur sein, meint Fischer.
Dafür fährt die Zeitschrift schon gerne mal grobschlächtige Geschütze auf. In den vergangenen Jahren hat sich die Titanic verstärkt auf Aktionssatire verlegt, die außerhalb des Heftes stattfindet. Schon 1988 hatte die Zeitschrift ihren Chefredakteur Bernd Fritz in eine Wetten, dass ..?-Sendung eingeschleust, der behauptete, die Farbe von Buntstiften allein am Geschmack zu erkennen.
Im Jahr 2000 schickte die Zeitschrift am Vorabend der Entscheidung ein Fax an die Wahlmänner des Weltfußballverbandes FIFA in Zürich und versprach ihnen für ein positives Votum «einen Fresskorb mit deutschen Würsten und Kuckucksuhr». Die WM, für die damals eigentlich Südafrika favorisiert war, kam dann bekanntlich nach Deutschland.
2004 gründete der damalige Chefredakteur Martin Sonneborn Die Partei. Diese hat derzeit 6000 Mitgliedern und sich zum Ziel gesetzt, die Mauer wiederaufzubauen. Im aktuellen Jubiläums-Heft haben sich «freischaffende CIA-Mitarbeiter» der Titanic im Saarland bei der Linken von Oskar Lafontaine nach kommunistischen Umtrieben umgesehen.
Zur Feier des 30. Geburtstags kommt die Titanic nun auch noch ins Museum: Die Frankfurter Caricatura (Museum für Komische Kunst) widmet der Zeitschrift vom 3. Oktober an eine eigene Ausstellung.
ped/kat/news.de/dpa
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