Die Frau im Käfig
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Wer temporeiche Thriller und charakterstarke Ermittler mag, wird Carl Mørck lieben. Der Sonderermittler aus Jussi Adler-Olsens großartigem Roman Erbarmen gerät an der Seite seines skurrilen Assistenten Assad gleich im ersten Fall in einen atemlosen Wettlauf und ein brutales Verbrechen.
Seit dem solche Storrys auch hier in Deutschland zur Realität geworden sind, fällt mir das Lesen solcher Fiktionen doch sehr schwer.
Eigentlich ist Carl Mørck durch, am Ende. Von seiner Frau lebt der Polizist seit Jahren kostspielig getrennt, einer seiner Partner hat den letzten Einsatz gar nicht überlebt, der andere, Hardy, liegt querschnittsgelähmt im Krankenhaus, und sein Chef und seine Kollegen geben ihm insgeheim die Schuld an diesem Desaster. Deshalb wollen sie ihn auch ruhig stellen, als Chef des neu gebildeten Sonderdezernats Q, das Uralt-Fälle wieder aufrollen soll. Hübsch ausgedacht haben sie sich das.
Zu allem Überdruss darf er auch noch in den Keller des Kopenhagener Polizeipräsidiums umziehen und bekommt einen neuen Assistenten: Hafez el-Assad ist Syrer, sagt er zumindestens, und irgendwie nicht ganz koscher. Eigentlich also ist Mørck durch, am Ende. Doch gleich sein erster Fall wird zu einem atemlosen Rennen, einem Albtraum.
Die erste Akte, die sich der Ermittler schnappt, ist die von Merete Lynggard, einer seit Jahren verschwundenen Politikerin, die einmal eine große Karriere im dänischen Parlament vor sich hatte. Schnell findet Mørck heraus, dass die Kollegen, die den Fall seinerzeit behandelt haben, nicht gerade gründlich waren. Und er findet heraus, dass Assad, sein Assistent, mehr zu sein scheint, mehr zu können scheint, als er vorgibt.
Jussi Adler-Olsen, der mit seinen Thrillern in Dänemark bereits äußerst erfolgreich ist, hat mit Erbarmen (Originaltitel: Frau im Käfig) einen Roman vorgelegt, der zwei Handlungen parallel verfolgt: Die Ermittlungen Mørcks und die Situation Merete Lynggards, die 2002 auf der Fähre von Rødby nach Puttgarden spurlos verschwindet. Die Polizei vermutet damals, sie sei etrunken. Doch sie ist nicht tot, sondern findet sich in einem dunklen Gefängnis aus Beton wieder. Doch wer hält sie hier fest? Und warum?
Merete weiß das selbst nicht, als nach 126 Tagen plötzlich das Licht angeht und eine Stimme zu ihr sagt: «Herzlichen Glückwunsch zu deinem Geburtstag, Merete. Gratulation zu zweiunddreißig Jahren. Ja, heute ist der 6. Juli. Du hockst jetzt hier seit hundertsechsundzwanzig Tagen, und das ist unser Geburtstagsgeschenk: Das Licht wird von nun an ein Jahr lang eingeschaltet bleiben. Es sei denn, du kannst uns diese eine Frage beantworten: Warum haben wir dich in dieses Verlies gesperrt?»
Das aber kann sie nicht und zur Strafe erhöhen ihre Entführer Jahr für Jahr den Druck in ihrem Verließ. Bar für Bar. «Wir wissen nicht genau, welchen maximalen Luftdruck der menschliche Organismus aushält», sagt die Stimme. «Aber das finden wir mit der Zeit schon gemeinsam heraus.» «Lieber Gott», flüstert da Merete, «Lass das alles nicht wahr sein. Bitte, lass es einfach nicht wahr sein.»
Doch es ist wahr und Carl Mørck macht sich auf die Spur dieses Verbrechens und rollt dabei mit Assad und Hardys Hilfe die Vergangenheit Merete Lynggards auf. Den Verkehrsunfall etwa, bei dem ihre Eltern starben und ihr Bruder geistesgestört zurückblieb. Oder ihre politische Karriere und die Frage, warum sie sich offensichtlich nie mit Männern eingelassen hat. Doch er muss sich auch um seine eigene Vergangenheit kümmern, ständig kämpft er an zwei Fronten – um das Leben der Frau und um sein eigenes Leben, mit seiner eigenen Schuld. Und dann sind da auch noch seine ehemaligen Kollegen, die einen ominösen Mörder suchen und nicht so recht vorankommen.
Adler-Olsen hat alles in dieses Buch hineingepackt, was für einen guten Thriller unerlässlich ist. Einen temporeichen Fall, einen lädierten, aber charakterstarken Ermittler, der mit seinem kongenialen Assistenten und dem querschnittsgelähmten Hardy ein reichlich ungewöhnliches Team abgibt. Dazu ein bisschen Liebe, ein bisschen Erotik, ein bisschen Gesellschaftsporträt und bissigen Humor. «Der erste Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q» steht auf dem Umschlag und man hofft, dass es nicht der letzte bleibt. Zu charmant sind Mørck und Assad, dieses völlig ungleiche Paar, zu genial, zu unterhaltsam obendrein.
Vor allem aber ist es die atemlose Spannung, die Adler-Olsens Roman auszeichnet, die schlichte Sprache, mit der er die körperlich und seelisch so brutalen Ereignisse glaubwürdig beschreibt, der komplexe und bis ins Detail durchdachte Plot seiner Geschichte. Wie er die Handlung genüsslich seziert, mit den Details spielt, wie er all die Einzelteile am Ende ganz langsam, fast unerträglich, zu einem großen Ganzen zusammensetzt, wie er die Rätsel auflöst, sucht seinesgleichen.
Nicht vielen Autoren gelingt es, eine solch nervenzehrende Athmosphäre aufzubauen wie Adler-Olsen in diesem Buch, packend, bedrückend und voller Tempowechsel. Stoff, wie geschaffen für eine erfolgreiche Reihe, wie geschaffen für die Leinwand. Hoffen wir auf beides.
Autor: Jussi Adler-Olsen
Titel: Erbarmen
Originaltitel: Kvinden i buret
Verlag: dtv
Seitenzahl: 420 Seiten
Preis: 14,90 Euro
Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2009
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