Musikpresse in Deutschland Krisenstimmung statt Feierlaune

Drei der wichtigsten deutschen Musikmagazine feiern in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Doch statt Feierlaune macht sich Krisenstimmung breit. Und das haben die Magazine selbst mit verschuldet.

Musikexpress (Foto)
Der Musikexpress feiert seinen 40. Geburtstag - und blickt lieber zurück als nach vorne. Bild: Axel-Springer-Verlag

Es hätte ein Urknall werden können. Im November 1994 wagte sich der Rolling Stone nach Deutschland. Das Magazin, 1967 in der damaligen Hippie-Hauptstadt San Francisco gegründet, hatte Rockjournalismus in eine neue Liga geführt. Spätere Literatur-Größen wie Tom Wolfe, Lester Bangs und Hunter S. Thompson schrieben für den Rolling Stone, die Fotos kamen ab 1969 von Annie Leibovitz, die dadurch zur Star-Fotografin wurde.

Von Anfang an lieferte der Rolling Stone Journalismus auf höchstem Niveau - und beschränkte sich dabei keineswegs auf die Musikwelt. Das Magazin erregte auch mit politischen Recherchen Aufsehen und hatte in seiner besten Zeit einen kulturellen Einfluss, wie ihn später nur noch MTV erreichte. So wurde der Rolling Stone zur berühmtesten Musikzeitschrift der Welt. Bester Beleg ist der Song von Dr. Hook, der sich auf das Cover Of The Rolling Stone wünschte. Später spann der Hollywood-Film Almost Famous weiter an der Legende.

Rolling Stone und Co.: Die besten Cover aus 40 Jahren

Als dieses Magazin (nach einem ersten gescheiterten Versuch in den 1980er Jahren) nun in Deutschland Fuß fassen wollte, waren die Erwartungen groß. Doch 15 Jahre später ist klar: Die Revolution fiel aus. In diesem Jahr feiert zwar neben dem Rolling Stone auch der 1969 gegründete Musikexpress einen runden Geburtstag, der Metal Hammer begeht sein 25. Jubiläum. Doch in der Popwelt ist Deutschland weiterhin nur Diaspora, und der unterentwickelte deutsche Musikjournalismus hat seinen Teil dazu beigetragen.

«Langhaariger Brieffreund gesucht»

Denn Deutschland ist zwar der drittgrößte Musikmarkt der Welt, doch wirklich durchdrungen wurde die Republik nie vom Phänomen Pop. Ein gutes Beispiel ist der Musikexpress. Der erschien schon längst in Holland, bevor es einen deutschen Ableger gab (der bis 1975 sogar noch in den Niederlanden produziert wurde). Die erste Ausgabe vom August 1969 bietet abenteuerliche Rechtschreibung, Kleinanzeigen, in denen nach Brieffreunden gesucht wird, die unbedingt langhaarig sein sollten, und vor allem viele Bilder.

Kein Wunder: Wollte man seine Stars damals sehen, musste man sich in der Regel ihre Platten kaufen, um sie auf dem Cover zu bewundern, oder ein Konzert besuchen, um sie live zu erleben. An Pop in der seriösen Presse, gar an MTV oder MySpace war nicht zu denken. Stattdessen gab es im Musikexpress einen Nachruf auf Brian Jones, der schon «als Junge seine Vorliebe für Negermusik entdeckte». Und einen Leserbrief, in dem eine Dame aus Innsbruck schon damals fragt, ob die Rolling Stones nicht längst zu alt seien, «um überhaupt noch den Mund aufzubringen».

Das Niveau stieg später beträchtlich Doch der Musikexpress blieb immer Begleiter des Geschehens, wurde nie zum Akteur. Auch nicht, als er 1983 die 1967 gegründete Zeitschrift Sounds schluckte. Ähnlich konnte der deutsche Rolling Stone nie an sein Mutterblatt heranreichen.

Jubiläen in der Musikpresse: Glückwünsche von den Stars

Heute gehören Rolling Stone, Musikexpress und Metal Hammer zum Springer-Verlag - und haben ihre besten Zeiten hinter sich. Jedes der drei Magazine verkauft pro Monat rund 50.000 Exemplare. Dabei kratzte der Musikexpress einst an der 200.000-Marke, auch der Metal Hammer hatte eine sechsstellige Auflage und der Rolling Stone fand vor zehn Jahren noch doppelt so viele Leser wie jetzt. Mehr als 100.000 Exemplare setzt in Deutschland derzeit nur ein Musikmagazin ab: Intro - eine Kostenlos-Zeitschrift.

Alte Männer, alte Männer, alte Männer

Das ist Symptom einer allgemeinen Krise im Printmarkt und im Musik-Segment. So sind in den USA in diesem Jahr renommierte Blätter wie Jazztimes oder Blender vom Markt verschwunden. Und in Deutschland erscheint Spex nur noch alle zwei Monate, weil es nicht mehr genug Werbekunden gibt.

Längst versuchen die Platzhirsche, die fehlenden Umsätze in anderen Geschäftsfeldern zu erwirtschaften: Der Rolling Stone verkauft Bildbände, der Musikexpress gibt Bücher heraus, das Metal-Hammer-Logo kann man auch als T-Shirt erwerben. Und alle größeren Magazine versuchen sich als Konzertveranstalter. So wird der Rolling Stone in fünf Wochen zu einem kleinen Festival an der Ostsee einladen: Musik wird kombiniert mit Wellness-Angeboten und Weinproben. Die Konzerte finden selbstverständlich drinnen statt und übernachtet wird im Strandhotel statt im Schlafsack.

Das zeigt die Zielgruppe, und das zeigt das Problem: Die Leserschaft altert. Alte Männer schreiben für alte Männer über alte Männer - so könnte man ketzerisch die Ausrichtung des Rolling Stone beschreiben. Der Musikexpress versucht sich neuerdings zwar als Leitmedium für Indie-Musik zu etablieren, doch die jungen Leser sind auch hier in der Unterzahl.

Kein Wunder also, dass die Macher zum Jubiläum lieber zurück blicken als nach vorne: Rolling Stone, Musikexpress und Metal Hammer bringen Jubiläumsausgaben auf den Markt. Im Musikexpress erinnert sich Bernd Gockel, 13 Jahre lang Chefredakteur das Magazins und inzwischen in gleicher Funktion beim Rolling Stone tätig, an die Geschenke der Plattenfirmen, die heute längst nicht mehr so üppig fließen wie in den 1980er Jahren. Und im Rolling Stone schreibt Ex-Redakteur Benjamin von Stuckrad-Barre über die wilden Anfangsjahre, seine kauzigen Chefs und den überschaubaren Glamour von Dienstreisen zu Klaus-Lage-Konzerten.

Auch diese Anekdoten zeigen, dass den Magazinen ein Problem auf die Füße fällt: In Deutschland schreiben sie schon immer eher für die Plattenfirmen als für die Fans. Von den Labels bekommen sie ihre Platten, Konzertkarten und Anzeigen - und haben sich somit abhängig gemacht. In der Krise der Musikindustrie sitzen sie deshalb mit im Boot.

Wer beispielsweise nach England blickt, sieht, dass es auch anders geht. Dort floriert etwa der New Musical Express (NME). Die Zeitschrift berichtet selbst über Bands, die noch nie eine Platte veröffentlicht haben. Die Reporter sind unterwegs in der Szene, bei Konzerten, mit den Künstlern - und werden so zu Trendsettern. In deutschen Magazinen hingegen tauchen die Namen von aufstrebenden Künstlern meist zuerst in den Leserbriefspalten auf. Und wenn die Leser näher dran sind an aktuellen Entwicklungen als die Journalisten, dann bekommen die Magazine ein ernstes Problem.

mik/ped/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Cordula
  • Kommentar 2
  • 25.11.2009 15:02

Na ja, vielleich liegt es auch ein bißchen an den Lesern. Ich kann mir vorstellen, dass die sagen würden: Warum schreibt ihr über Bands die keiner kennt? Schreibt doch lieber über R.E.M. etc... Vielleicht könnte man ja ne Mischung versuchen.

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  • osberlin
  • Kommentar 1
  • 07.10.2009 19:26

Richtig so! Und nicht nur diese drei Hefte, sondern auch alle weiteren bis hinunter zu den Stadtmagazinen, deutschen Majors und deutschen Bands (bis auf Cobra Killer, 1000Robota, und wenige andere). Was in England geht, geht hier nicht weil kein Journie auf ein Konzert einer Band geht die "nur" 15 Leute zieht, wie vorgestern bei den Lovvers in Köln. Stattdessen das ewig langweilige durchnudel von Grönemeyer, Distelmeyer, Element of Crime und Co. OS., www.dorfdisco.de

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