Das Multitalent von den Ärzten hat sich verändert. War Bingo noch Glamour-bunt, so ist Code B mit weniger Opulenz, dafür aber effektiver inszenierten Gitarren, rauer und punkrockiger geworden.
Was würde man der Liebe erzählen, wenn man sie an irgendeiner Bar träfe? Bela B. hat sich Gedanken darüber gemacht - er würde sie als Altes Arschloch Liebe bezeichnen. Weil sie, wenn man sich auf ihre Seite geschlagen hat, irgendwann zurück schlägt. Das hat sie auf Code B, zwar schon zwei Songs vorher, im Geburtstagsleid getan, aber der Lamenti von Bela B. kann man eigentlich gar nicht überdrüssig werden. Weil er sie punktgenau und - das ist die große Überraschung des neuen Albums - praktisch ohne Ironien und damit zeitlos artikuliert.
Ein Song über die Globalisierungskritiker, die mit gutem Gewissen eine Limonande trinken, die früher nur im Biomarkt erhältlich war, obwohl deren Verbindung zum Globalisten Coca Cola recherchierbar ist, war längst überfällig. Zum besseren Verständnis der Dialektik der Bobos gibt es deshalb jetzt den Bobotanz.
Las Vegas muss Bela B. offenbar zu steril geworden sein. Er und seine Band, die immer noch Los Helmstedt heißt, sind musikalisch und inhaltlich in der Stadt angekommen, die wie keine andere Metropole der Welt Glamour und Schmutz, Charme und Schande vereint - Paris. Ähnlich sexy wie beim Lee Hazlewood-Song von Bingo lassen der Bobotanz und Hilf dir selbst den Popo wackeln. Allerdings diesmal nicht in der Surfmusik-Variante, sondern in der weniger offensichtlichen, aber umso reizvolleren frankophilen Inszenierung. Immer wieder lässt Serge Gainsbourgfranzösischer Chansonnier grüßen, wie im Onennightstand, der davon erzählt, warum wechselnde Liebschaften nicht nur wegen AIDS sehr schlecht sind.
Ninjababypowpow zuckt aufgeregt um die Geschichte eines Tankstellenkassierers, Liebe und Benzin, die Bela B. im Duett mit seiner Schauspielerkollegin Emmanuelle Seigner singt, kann in ihrer gebrochenen Sinnlichkeit nur der Imagination eines leidenschaftlichen Cineasten entsprungen sein. Eine zusätzliche Dimensionierung erfährt Code B durch das Gastspiel eines Helden Belas, Chris SpeddingEnglischer Rockgitarrist, der für Interpreten wie Elton John, Brian Eno, John Cale und Annette Peacock im studio arbeitete. Er produzierte auch die ersten Demoaufnahmen für die Sex Pistols. . «Es gibt zwar im Vergleich zu Bingo und des Gastspiels von Lee Hazlewood, dessen Namen sogar ein Song auf dem Album trug, keine direkte, augenscheinliche Huldigung an Chris Spedding, abgesehen von den Songs auf Code B, für die er Gitarren einspielte», sagt Bela B. «Aber im Grunde ist die komplette neue Platte eine Spedding-Huldigung, weil er mich mehr als jeder andere Gitarrist inspirierte. Und ich habe diesmal nicht nur alles selbst geschrieben und mit der Ausnahme eines Songs auch alles arrangiert, sondern viel mehr Gitarrenarbeit selbst geliefert als auf Bingo.»
Schwarz/Weiss erfüllt einen Fanwunsch der völlig anderen Art. Marcel Eger, bekennender Ärzte-Fan, Hobbydrummer und Abwehrspieler des FC St.Pauli, trommelt zusammen mit Bela B., dem bekennenden St.Pauli-Fan, den Beat zum empathischsten Song des Albums. «Es gibt kein Schwarz und Weiß mehr, wo hast du nur den Scheiß her», lautet die Kernaussage des Songs, die im Grunde auch die Metabotschaft des Albums ist. Vor allem weil die Platte mit allzu bequemen, kollektiv verankerten Bela B.-Klischees nach Herzenslust bricht. Onenightstand ist mit seiner erhobenen Augenbraue ein Indiz dafür, ein anderes Dein Schlaflied, dessen Duktus sich an der reinsten Form der Liebe orientiert und den tätowierten Helden aller Antagonisten in einem völlig anderen, nicht weniger extremen Licht beleuchtet.
«In mir steckt auch immer noch der Zwölfjährige», sagt Bela B. Stimmt, im Powerpunkrock-Opener Rockula beispielsweise, der sich neben The Wahrheit und Onenightstand eines 300-Kehlen-Bela B.-Fanchors bedient. Ansonsten muss der radikalen und gradlinigen Lichtgestalt Bela B. aber durchaus bewusst sein, dass selbst die radikalste Stimme angesichts des Chors der Mutationen des allgegenwärtigen TV-Einerleis kaum noch Aufmerksamkeit zuteil wird. Nicht, dass er jemals tatsächlich versucht hätte, zu schockieren, aber wenn etwas an Code B schockt, dann sind es die unfassbare Musikalität des Bela B., die scheinbar von Album zu Album zunimmt, und die individuelle Logik, mit der er sich als Texter, Komponist und eben einfach als Bela B. jeglichen kultivierten Klischees entzieht.
Interpret: Bela B.
Titel: Code B.
Plattenfirma: BPX 1992/Sony
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2009