Pearl Jam gehen 20 Jahre zurück, aber das Dazwischen hört man ihnen an. Yoko Ono setzt sich ihre Band neu zusammen und arbeitet weiter daran, Beatles-Fans vor den Kopf zu stoßen. Außerdem gibt's neue Platten von The Black Crowes, Mika und Debütantin Ingela.
Mika: The Boy Who Knew Too Much
Manchmal klingt es so, als habe Mika mit seinem zweiten Album Keith Wests unvollendete Teenage Opera vollenden wollen. Denn seine Teenager-Zeit mit allen pubertären Katastrophen zwischen Mädchen und Erwachsenwerden ist Thema von The Boy Who Knew Too Much. Nur ist Mika gerade mal halb so alt wie das 1967 als Grocer Jack in die Annalen der One Hit Wonder eingegangene Excerpt. Und deshalb klingt We Are Golden eher nach den Boygroups der 1980er. Mika vermischt wie im nicht weniger bunten Debüt Life In Cartoon Motion Glam-Pop mit Glam-Rock, pendelt zwischen Bay City Rollers und Freddie Mercury. Das ganze mit viel Humor, einem bunten Strauß Melodien und viel Sinn für Show. Blame It On The Girls injiziert Mikas Programm nach dem hymnischen We Are Golden mit der dringend benötigten Ironie; danach geht's Schlag auf Schlag durch den bunten, wie das Licht in einer Diskokugel stetig changierenden Popkosmos Mikas. Ab Rain und Dr. John beginnt der 26-Jährige, das Cartoon-Debüt musikalisch zu übertreffen. Und das gibt es bei Zweitlingswerken ganz selten zu hören.
Interpret: Mika
Titel: The Boy Who Knew Too Much
Plattenfirma: Casablanca/Universal
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2010
Pearl Jam: Backspacer
Backspace ist die Taste am PC-Keyboard, mit der man alle vorangegangenen Zeichen weglöschen kann. Und so ist es natürlich kein Zufall, dass Pearl Jams neues Album Backspacer immer wieder mit dem Debüt Ten verglichen wird und nach Meinung einiger Fans Eleven heißen könnte. War nun alles dazwischen verzichtbar? Wohl nicht. Pearl Jam, 1990 in Seattle gegründet, könnten 2009 nicht zurückgehen, wenn sie bis dahin nicht vorangegangen wären. Ihre neue Platte klingt in den Rocknummern so, dass es nicht verwundert, dass sich Bono als Pearl-Jam-Fan geouted hat: The Fixer, Got Some und Johnny Guitar haben eine Stadionrock-Qualität, die neben U2 bestehen kann. In den Balladen ist Eddie Vedders Stimme Maß aller Dinge. Allerdings zerfasern Pearl Jam in Just Breathe und Speed of Sound in eine harmonische Schönheit, die fast im Widerspruch zu kraftvollem Rock wie in Supersonic und dem eröffnenden Gonna See My Friend stehen. Mit Backspacer gehen Pearl Jam zurück auf Los: ein Neustart am Ende eines in vielerlei Hinsicht verlorenen Jahrzehnts.
Interpret: Pearl Jam
Titel: Backspacer
Plattenfirma: Island/Universal
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2010
The Black Crowes: Before The Frost...
Die Black Crowes gehören zu den Bands mit einem typischen Sound, der sie schon nach wenigen Takten identifizierbar macht. Das kann dazu verleiten, ihre Musik als Variationen der immerselben Ideen abzutun. Das wäre in ihren Fall zutiefst oberflächlich, ignorant und ungerecht. Gerade seitdem sie sich aus der kommerziellen Welt der großen Plattenfirmen verabschiedet und sich bei einem Independent-Label unabhängig gemacht haben, klingen die Brüder Chris und Rich Robinson und ihre vier Mitstreiter mit ihrem sorfgältig weiterentwickelten Faces-Sound wieder frisch und unverbraucht. Und dass sie auch ganz anders klingen können, dokumentieren sie mit einem dem Album beiliegenden Download-Gutschein für das Ergänzungsalbum Until The Freeze. Von Good Morning Captain bis The Last Place That Love Lives liefert das Album den auf dem Webseiten-Layout versprochenen winterlichen Hüttenzauber. Die Black Crowes stehen für Rock als Lebenseinstellung - und was das ist, lässt sich höchst vergnüglich auf Drummer Steve Gormans aktiver Lebensberatungsseite What's Wrong With Steve nachlesen.
Interpret: The Black Crowes
Titel: Before The Frost...
Plattenfirma: Silver Arrow
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2010
Yoko Ono Plastic Ono Band: Between My Head And The Sky
Seit den ersten Bettszenen und den ersten gemeinsamen Aufnahmen, die Yoko Ono mit John Lennon einspielte, hat sich nicht viel an der Rezeption ihrer Pop-Werke getan. Yoko Ono steht lebenslänglich unter Verdacht, die Beatles auseinandergebracht zu haben. Das wollen ihr vor allen Dingen die harten Fans nicht mehr verzeihen. Darüberhinaus gibt die inzwischen 76-jährige Künstlerin und Friedensaktivistin sich auch musikalisch jede Mühe, Beatles-Fans vor den Kopf zu stoßen. Mit einer neu besetzten und um Sean Lennon und Yuka Honda (Cibo Matto) erweiterten Plastic Ono Band arbeitet sie weiter am Seziertisch der Rockmusik: Ihre Lieder hören sich zugegebenermaßen immer so an, als wollte sie ihr Objekt bis in die Fasern erforschen. Dass dabei Folkmelodien und die Geräusche von elektronischen Gerätschaften auftauchen, ist ein schöner Surplus. Die lautmalerischen Exkursionen der Ono stehen weniger im Vordergrund der Tracks, Between My Head And The Sky ist ein Band-Album geworden, das um die Begriffe Improvisation und Soundscape kreist und mit Beständigkeit unter dem Trend-Radar durchrauscht. Das ist gelungen. Viel mehr nicht.
Interpret: Yoko Ono Plastic Ono Band
Titel: Between My Head And The Sky
Plattenfirma: Chimeramusic
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2010
Ingela: All These Choices
Die schwedische Sängerin und Komponistin Ingela legt mit All These Choices ein beeindruckendes Debütalbum vor. Sie schrieb alle zehn Songs selbst und engagierte keinen Geringeren als Roman Andrén, Schwedens Beatgröße in Sachen Freestyle-Jazz als Produzenten. Der Sound der Platte sollte so lebendig und live klingen, aber nicht eingespielt werden. Und genauso klingen Ingelas wunderschöne Stücke. Mal jazzig-frisch, mal melancholisch-intensiv, mal groovig-lässig, nie langweilig oder abgedroschen. Dabei ließ sich die Schwedin von Marita Rita, Rickie Lee Jones, Brazil und Samba inspirieren. Ingela glänzt nicht nur mit ihrer zart-zerbrechlichen, klaren, ausdrucksstarken Stimme, sondern erweist sich auch als großartige Komponistin, Arrangeurin, kluge Songschreiberin. Ingela ist hoffentlich bald kein Geheimtipp mehr. Hört man Talking Eyes möchte man den Repeat-Button nicht mehr loslassen.
Interpret: Ingela
Titel: All These Choices
Plattenfirma: Ajabu
Erscheinungsdatum: 18. September 2009