«Ein jämmerlicher Zustand»
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Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Artikel vom 01.10.2009
Wolfgang Doebeling ist eine der markantesten Stimmen im deutschen Musikjournalismus. Im Interview erklärt der Rolling-Stone-Autor, dass viele Kollegen ihren Job nicht ernst genug nehmen - und warum das Internet alles nur noch schlimmer macht.
«Dass sich ein Magazin mit Inhalten wie der Rolling StoneDer Rolling Stone gilt als berühmteste Musikzeitschrift der Welt. Er wurde 1967 in San Francisco gegründet. In den 1980er Jahren scheiterte der erste Versuch, einen deutschen Ableger des Magazins zu schaffen. Der zweite Versuch war erfolgreich: Der deutsche Rolling Stone erscheint seit 1994. Seit 2002 gehört die Zeitschrift zum Axel-Springer-Verlag. überhaupt so lange halten konnte, ist schon ein kleines Wunder.» Das haben Sie 1999 gesagt. Inzwischen sind noch einmal zehn Jahre dazugekommen. Sind Sie nach wie vor überrascht, dass der Rolling Stone noch existiert?
Doebeling: Ein bisschen schon. Ich bin freilich froh, dass es ihn noch gibt. Auch wenn ich dort nur eine Art Außenseiter bin, der offenbar gebraucht wird, um bestimmte Facetten ins Heft zu bringen, die sonst nicht stattfänden. Allerdings ist der Rolling Stone inzwischen ein anderer und nicht unbedingt besser als damals. Denn auch die Rahmenbedingungen haben sich seither geändert, und für die Musikpresse ganz allgemein ist die Lage schwieriger geworden.
In den USA sind in diesem Jahr reihenweise etablierte Musikmagazine vom Markt verschwunden. Droht auch in Deutschland ein Titelsterben?
Doebeling: Die Fluktuation im UKAbkürzung für: United Kingdom (Vereinigtes Königreich). Dazu gehören England, Schottland, Wales, Nordirland und einige Übersee-Gebiete. und in den USA war da schon immer groß. Wenn in Amerika ein Titel wie VibeDas US-Magazin «Vibe» galt als Leit-Organ der afroamerikanischen Popkultur. Die Idee zu dem 1993 gegründeten Hochglanz-Magazin kam unter anderem von Michael-Jackson-Produzent Qunicy Jones. Im Juli 2009 stellte «Vibe» wegen Anzeigenmangels das Erscheinen ein. verschwindet, fällt das nicht sonderlich ins Gewicht, weil es genug andere HipHop-Magazine gibt. Das ist hier anders. Wobei der Rolling Stone weniger gefährdet scheint, weil er kein reiner Musiktitel ist, sondern eher ein Kulturmagazin.
Trotzdem floriert die hiesige Musikberichterstattung nicht gerade. Obwohl Deutschland ein großer Markt ist, gibt es kein relevantes wöchentliches Magazin. Der Rolling Stone musste aus den USA importiert werden, der MusikexpressDer «Musikexpress» erscheint seit August 1969 in deutscher Sprache, zunächst als Ableger des in Den Haag gegründeten Magazins «Muziek Expres». Später fusionierte er mit der Zeitschrift «Sounds» und erschien zeitweise unter dem Titel «Musikexpress/Sounds». Seit 2000 gehört das Magazin zum Axel-Springer-Verlag. aus Holland. Woran liegt das?
Doebeling: Das entscheidende Problem ist, dass der Musikbetrieb sehr statisch geworden ist, schwerfällig und unbeweglich. Das liegt nicht zuletzt daran, dass bei den Plattenfirmen meist Leute an den Schaltstellen sitzen, die selbst kaum Bezug zur Musikszene haben und als schlichte Musikverwalter halt auf Nummer Sicher gehen. Weil die Umsätze sinken, fürchtet man um den Job und wartet lieber, als etwas zu riskieren. Das führt zu einer grotesken Ungleichzeitigkeit bei den Veröffentlichungen.
Wie meinen Sie das?
Doebeling: Viele Platten erscheinen in Deutschland, sofern sie überhaupt hier erscheinen, mit monatelanger Verzögerung. Das führt wiederum dazu, dass die Musikzeitschriften und sogar die Radiostationen hierzulande immer hinterherhinken, denn über eine Platte schreiben oder sie im Radio spielen, geht gewöhnlich erst, wenn sie endlich von Amts wegen hier ihren Veröffentlichungs-Status erhält. Nachdem sie bereits seit Monaten als Import erhältlich war. Der deutsche Markt als Wurmfortsatz des Weltmarkts. In Sachen Pop ein jämmerlicher Zustand, weil es gerade dort um das Jetzt geht, um Gleichzeitigkeit.
Es mangelt also in erster Linie an Aktualität?
Doebeling: Aber ja. Der Musikliebhaber informiert sich daher über die Medien im UK und in den USA, weil man dort näher am Geschehen ist. Es fehlt hier aber auch an Tiefe und Breite. Im UK gibt es beispielsweise jede Menge Fachpresse zu jedem erdenklichen Genre, neben gutgehenden Generalisten-Magazinen wie Q, Mojo oder Word. In Deutschland würde ein so umfassendes Angebot mangels Masse an Interessenten scheitern. Also machen alle in Generalismus und kratzen an der Oberfläche.
Von der vielfältigen und engagierten Musikpresse in den USA und Großbritannien scheint auch die Musikszene dort zu profitieren. Könnte das auch in Deutschland funktionieren: Die Kritik beflügelt die Musik?
Doebeling: Das glaube ich nicht. Auch die feurigste Schreibe und die fundierteste Recherche kann nur das thematisieren, was da ist. Um etwa ein wöchentliches Musikmagazin zu füllen, müsste sich ja erst einmal wöchentlich genug bewegen. Und das sehe ich hier nicht. Dafür fehlt schon eine lebendige Singles-Kultur. Eine aufregende neue Band in England haut erstmal zwei, drei Singles raus, oft in Eigenregie. Jede Woche erscheinen dort Dutzende Singles auf kleinen und kleinsten Labels. In Deutschland wird eine neue Band unter Vertrag genommen und dann erstmal weggeschlossen. Bis dann nach frühestens einem Jahr Album, Outfit, Videos und Marketingstrategie fertig sind, ist die Band gewöhnlich tot.
Kann das Internet zu mehr Dynamik führen? Mit MySpaceMySpace ist ein soziales Netzwerk im Internet. Benutzer können Fotos, Videos und Musik hochladen, sich in Gruppen organisieren und miteinander Neuigkeiten austauschen. Viele Nachwuchs-Bands nutzen das Portal, um ihre Musik zu veröffentlichen. Derzeit hat MySpace weltweit rund 270 Millionen Mitglieder. Die Seite gehört zur News Corporation von Medienmogul Rupert Murdoch. müssen junge Künstler kaum Hürden überwinden, sondern können spontan ihr Publikum erreichen.
Doebeling: Ach bitte, da hören sich Leute ein paar Sekunden lang Songschnipsel in erbärmlicher Klangqualität an. Wie soll da Begeisterung aufkommen? Im Gegenteil: Das Internet verstärkt das Statische durch das Larifari der Beliebigkeit. Wer sich auf MySpace in Szene setzt, macht Eigenreklame. Alles dort ist uneingeschränkt toll. Wie in einem gewaltigen Supermarkt voller bunter Konserven, die alle versprechen, frisch, nahrhaft und gesund zu sein. Kritik findet nicht statt, wobei natürlich Kritik in den meisten Musikperiodika auch nur sporadisch stattfindet, weil die Kritiker sich inzwischen meist im Internet ihre Weisheiten zusammensuchen. Was dabei herauskommt, wird von den ersten paar Seiten präjudiziert, die Google zum Suchbegriff offeriert, nämlich MySpace, Websites von Labels oder Tonträger-Anbietern, alles streng affirmativ.
Sind da die Kritiker besonders gefordert, den Einkaufsberater im Supermarkt zu spielen?
Doebeling: Wenn man sie lässt und die betreffende Musik von einer deutschen Firma freigeschaltet ist: sicher. Allerdings beschränkt sich die Orientierungshilfe meist auf den sehr beschränkten Pool der Platten, die von den Labels an die großen Redaktionen verschickt werden. Deshalb werden überall dieselben Platten besprochen und gespielt. Wer sich damit wohlfühlt, wird es schwer haben, Neues zu entdecken und seine Leser oder Hörer damit zu beglücken. Die Online-Recherche tut ein Übriges zur Gleichschaltung, weil letztlich jeder vom anderen abschreibt. Leidenschaft kommt nirgends ins Spiel. Wer seine Musik nicht selbst sucht und kauft, wer nie in Plattenläden stöbert, ist als Kritiker so gut beraten wie einer, der glaubt, er könne über amerikanische Musik schreiben, ohne Amerika zu kennen. Oder wenigstens mal dortgewesen zu sein. Hochstapelei.
Wie spüren Sie denn neue Musik auf?
Doebeling: Reisen, Lektüre, Empfehlungen, Plattenläden. Ich kaufe auch auf Verdacht, vor allem 7"-Singles.Single-Schallplatten haben einen Durchmesser von 7 Inch (etwa 18 cm). Daher hat sich 7" als Abkürzung etabliert. Langspielplatten haben einen Durchmesser von 12 Inch (30 cm). Aufregende Sache, wie schon John PeelJohn Peel (1939 - 2004) war ein britischer Radiomoderator. In seiner Sendung auf BBC1 stellte er immer wieder neue und ungewöhnliche Musik aus aller Welt vor. Zudem lud er Bands ein, live im Studio zu spielen. Peel verhalf damit vielen jungen Künstlern zum Durchbruch und wurde zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der britischen Musikszene. wusste, der gern von diesem «element of surprise»Element der Überraschung sprach: Dieser Kick, der sich einstellt, wenn man eine neue 7" auflegt.
Hat sich in mehr als 30 Berufsjahren etwas an Ihrer Arbeitsweise geändert?
Doebeling: Nein, ich arbeite beängstigend altmodisch. Ich höre, lese, versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen und schreibe die Ergebnisse dann nieder. Mit der Schreibmaschine.
Zum Abschluss: Wie viele Sterne geben Sie dem deutschen Musikjournalismus?
Doebeling: Einen bis fünf, vermutlich. Denn es gibt ihn ja nicht, den Musikjournalismus. Es gibt den Erfüllungsgehilfenjournalismus, den Trittbrettfahrerjournalismus, den Feuilletonismus, das Fanzineschreibertum, das Geplänkel auf Meta-Ebenen. Alles nichts, was mich interessiert, aber sicher unterschiedlich kompetent ausgeführt. Und dann gibt es noch solche, für die Musik kein schnödes Hobby ist, die gar nicht anders können als sich tagein, tagaus mit Musik zu beschäftigen. Von denen könnte man einiges lernen, doch leider sind sie in den seltensten Fällen Musikjournalisten.
Wolfgang Doebeling, Jahrgang 1950, ist seit mehr als 30 Jahren als Musikjournalist tätig und schreibt seit 1994 für die deutsche Ausgabe des Rolling Stone. Er besitzt 30.000 Schallplatten, hat beim Berliner Radio Eins eine eigene Sendung (Roots) und betreibt zudem einen Vertrieb für internationale Musikpresse.
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