Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Die Geschichte von mir und meiner Lieblingsplatte hat nichts Emotionales. Es geht nicht um die erste Liebe oder einen unbeschwerten, warmen Sommer meiner Jugend, wie es sein sollte bei solchen Geschichten. Es geht einfach nur um Musik.
Lange Zeit hörte ich gar keine Musik. Ich hörte Charts. Als sich das irgendwann änderte, war daran nichts emotional. Es gab keinen dieser Momente. Ich fing einfach an, Musik zu mögen. Und irgendwann sah ich diesen Film. Control hieß er und erzählte die Geschichte von Joy Division, einer englischen Rockband, der zwei Jahre bis zum Suizid ihres Sängers blieben, um Musik zu machen. Großartige Musik: Bässe, Schlagzeug und eine Gitarre, die so tieftraurig klingt, als ob sie um die spätere Tragik ihrer Töne wüsste.
Joy Division hat mehr Zeit verdient, als einer dieser Momente, von denen ich bis heute nur gehört habe, je dauern könnte. Allein die Facetten der Stimme von Ian Curtis zu erfassen, dauert länger, als die knapp drei Minuten, die der Sänger für ihre Vorführung braucht: Auf dem bassigen Opener Digital gibt Curtis erst den gelangweilten Schülerband-Frontman mit einer Stimme irgendwo zwischen Zwerchfell und Beckenboden und schwingt sich dann, deutlich aggresiver, auf zum gereiften Musiker, aus dem Seelenpein schreit. Die Töne trifft er dabei oft nur zufällig, rührt aber etwas an, das musikalischer Verstand sowieso nicht fassen kann.
Hochfrequente Bassschläge und schlampig gestreifte Schlagzeugbecken sind das Handwerkszeug der Band. Dieser Musik, deren Ernst mehr im Vorbeigehen als mit konzentrierter Arbeit entstanden zu sein scheint, hat die Band mit Transmission ein Denkmal gesetzt hat. Das pompös instrumentalisierte Athmosphere ist von verzweifelter Kraft, die um ihre Nutzlosigkeit weiß: «Dont walk away, in silence», singt Curtis, «Lauf nicht schweigend weg». Doch diese Hoffnung ist nur Illusion, die er «wie eine Maske des Selbsthasses trägt». Was Joy Division da geschaffen haben, ist mit kaum einem Liebeslied der Musikgeschichte zu vergleichen. Heran kommen gerade noch das großartige No Ordinary Love der Deftones oder Without you I'm nothing von Placebo.
The Best Of Joy Division ist 2008 erschienen und ein Sampler mit zwei CDs: eine im Studio, die andere bei Konzerten aufgenommen. Eigentlich ein Ausdruck höchster musikalischer Unentschiedenheit, eine solche Platte meine liebste zu nennen. Aber Joy Division kamen auf nur zwei Studioalben, nicht mehr Songs, als auf diesem Doppelalbum Platz haben, das jedoch besser abgestimmt ist, als die meisten Konzeptalben.
Manchmal frage ich mich, was mit der Musik passiert wäre, hätte die Band länger Zeit gehabt. Aber das war gar nicht nötig. Joy Division haben den verwaschenen, schmutzigen Sound gespielt, lange bevor er in der neuen Indie-Rock-Welle nach der Jahrtausendwende wieder zum Hype wurde. Ihrer Musik huldigen heute die Editors, Arcade Fire, die White Lies oder Bloc Party. Joy Division brauchten nicht mehr Zeit, auch nicht für ein Best-Of-Album. The Best of Joy Division ist einfach Musik. Perfekte Musik, für jeden Moment.
voc/news.de