Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Wenn die ersten Hochrechnungen kommen, stehen Journalisten unter Strom. Da wird gedrängelt, geschoben und rotiert. Eine Reportage von den Wahlpartys der SPD und CDU.
Das Terrain ist hart umkämpft. Plätzchen, so groß wie Schallplatten, haben sich die Fotografen und Kameramänner von dpa, Spiegel oder Reuters gesichert. Das Spiel funktioniert ähnlich wie der Handtuchkrieg deutscher Urlauber am Hotelpool: Lange bevor die ersten Wähler ihre Kreuzchen gemacht hatten, haben die Redaktionen die besten Plätze mit Klebeband markiert.
Die Nachrichtenagentur dpa hat sogar ein Klebeband mit Logo. Der Fotograf der Zeit wählt die altmodische Variante: Schön weit oben auf der Treppe im Foyer des Willy-Brandt-Hauses, dort wo es einen guten Blick auf die Rednerpulte gibt, hat er ein DIN-A4-Blatt auf die Stufe geklebt. Der Kollege vom Spiegel hat seine Marke prompt zwei Stufen darüber hinterlassen.
Weiter unten auf der Treppe sind die Ränkespiele weniger subtil. Da wird gedrängelt und geschoben, gereizte Blicke schießen hin und her. Für weitere Eskalationen fehlt schlicht die Zeit.
Auch Norman Rembarz, Fotograf für die Nachrichtenagentur Action Press, hat ein Klebebandplätzchen, allerdings im Konrad-Adenauer-Haus: «Die Fotopunkte klebt jeder selbst, die sind hart umkämpft. Wenn man sich allerdings auf einer Fläche von 30 mal 30 Zentimetern bewegt, hat man auch keine besonders große Auswahl an Motiven», erklärt er. In diesem Jahr sei es besonders voll gewesen. «Da wird schon ziemlich viel geschoben», sagt Rembarz.
Rippenstöße für das spektakulärste Bild
Allein im Konrad-Adenauer-Haus hatten sich für den Wahlabend 1500 Journalisten und Techniker akkreditiert, im Willy-Brand-Haus waren es mehr als 1100. Jeder will die spektakulärsten Bilder, die knackigsten Statements, die aktuellsten Entwicklungen - nur bloß nicht das, was alle anderen haben. Wer an vorderster Front kämpft, darf nicht zimperlich sein, Rempler und Rippenstöße gehören dazu.
Stefan Raue, Redaktionsleiter Blickpunkt in der Hauptstadtredaktion Innenpolitik des ZDF, ist dem Nahkampf bei den Wahlpartys nicht ausgesetzt, er jongliert mit den Erträgen: «Die Herausforderung dieser Wahl ist, dass es viele spannende Schauplätze gibt, die sich nicht miteinander absprechen. Wir müssen blitzschnell entscheiden, wann welcher Beitrag von der Wahlparty der CDU, der SPD oder aus den Außenstellen in Potsdam oder Kiel der Wichtigste ist.» Politischer Instinkt und Erfahrung helfen ihm dabei, erläutert Raue.
So schnell kann ihn wohl nichts mehr aus der Ruhe bringen, denn den Lackmustest hat er schon hinter sich: «Das erste Mal habe ich den Job bei der Wahl Schröder gegen Kohl gemacht und dann traten beide gleichzeitig auf. Ein Schreck für Redaktion und Regie. Damals habe ich mich zugunsten von Helmut Kohl entschieden, weil das Wahlergebnis den Abschied einer Ära bedeutete. Danach haben wir zu Schröder geschaltet. Die ARD hat es eben umgekehrt gemacht.»
Ein ähnliches Problem hat am Wahlabend auch Reinhard Brockmann, politischer Korrespondent des Westfalen-Blatts. Schon um 17 Uhr hat er sich vor dem Podium im Konrad-Adenauer-Haus in Position gebracht. Doch bequem machen kann er es sich hier nicht: Brockmann ist nämlich der einzige Mann der Redaktion vor Ort. «Weil unser Blatt der Union näher steht, habe ich mich für die CDU entschieden. Wenn sich etwas Dramatisches bei der SPD ergibt, muss ich wohl noch mit dem Taxi rüberfahren.» Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht, denn um 20.15 Uhr muss er sich an den Rechner setzen, dann hat er 35 Minuten Zeit, um seine 140 Zeilen zu schreiben.
Ady Richard, stellvertretender Ressortleiter Politik vom Luxemburger Wort, hat sich gleich für das Pendeln entschieden und hofft auf ein Taxi, das ihn von der CDU-Wahlparty zur SPD fährt. «Wo ich meinen Text schreibe, weiß ich nocht nicht. Vielleicht im Hotel, vielleicht im Taxi oder es findet sich bei der SPD noch ein Platz.»
Im Willy-Brandt-Haus warten alle auf die erste Hochrechnung. Unter der Treppe hat das ZDF eine kleine Außenstation für die kabellose Kamera aufgebaut. Menschen mit Kopfhörern und ernsten Gesichtern verfolgen die Berichterstattung des ZDF auf drei kleinen Monitoren. Tonspuren zucken auf und ab. Überall Knöpfe und Lichter. Reporter Jürgen Bollmann sitzt auf einem Höckerchen und dreht an dem Verschluss einer Wasserflasche. Eine blonde Frau aus der Maske pinselt ihm noch schnell über das Gesicht und zupft das Haar auf der Stirn zurecht. Dann ist sie auch schon wieder im Gewusel verschwunden.
Ein Kabelträger kämpft mit den vielen Gästen, die gar nicht merken, dass sie auf der roten Leitung stehen, weil sie so gebannt auf den Bildschirm starren. Die Kameramänner stehen mit dem Rücken zur Leinwand, auf der sich das Desaster bald abzeichnen wird. Noch sind hier alle hoffnungsfroh. Dann kniepen die Kameraleute das freie Auge zu. Schreie. Stille. Eine Stille, als hätte jemand einen riesigen Wattebausch auf die Menge fallen gelassen. Und der wird da auch für den Rest des Abends bleiben.
ZDF-Reporter Bollmann positioniert sich vor den SPD-Anhängern und wartet mit gesenktem Haupt auf seinen Einsatz. Neben ihm steuert ein Kamerateam auf einen Juso zu, der zuckt nur mißgelaunt mit dem Kopf, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. Keine Interviews.
Suppentellergroße Objektive
Die Fotografen sind wie die Weihnachtsbäume behängt mit drei, vier wuchtigen Kameras, suppentellergroßen Teleobjektiven, manche tragen Höckerchen mit sich herum, die an breiten Gurten von ihrem Schultern baumeln. Die Hocker stellen sie im Gedränge auf, damit sie einen freien Blick auf Steinmeier und Müntefering haben. Irgendwo dazwischen irrt Benjamin von Stuckrad-Barre mit olivgrünem Täschchen, einem Notizblock in der Hand und Schweißperlen auf der Stirn umher.
«Bis 18 Uhr haben wir einen sehr genau durchgeplanten Ablauf. Danach müssen wir frei reagieren», sagt Raue. Jetzt beginnt die Kür: Analysen, Koalitionsprognosen, Statements einholen.
Ihren Kopfhörer kann die WDR-Korrespondentin aus dem ARD-Hauptstadtstudio, Sabine Henkel, jetzt nicht mehr abnehmen - jederzeit könnte die Regie sie live ins Programm schalten. Wer aufs Klo muss, hat Pech gehabt. «Das muss man eben vor 18 Uhr erledigen», sagt sie und lacht. Bis 20 Uhr hält sie im Konrad-Adenauer-Haus die Stellung, danach warten Live-Gespräche und Beiträge im Hauptstadtstudio auf sie.
Viel Raum für persönliche Betroffenheit bleibt den meisten Journalisten nicht. «Ich bin ja kein Regisseur, sondern politischer Journalist. Meine eigene Meinung und das Nachdenken über die Ergebnisse muss ich während der Sendung zurück nehmen. Da muss ich mich auf das Handwerk konzentrieren. Danach beschäftigt mich das natürlich und dann kann ich auch nicht gleich ins Bett fallen», erzählt Raue.
Bei den Wahlpartys von SPD und CDU sinkt das Adrenalin der Journalisten so gegen 21 Uhr und entsprechend zerrupft wirken sie: Erschöpfte Kameramänner lümmeln mit leerem Blick in Sesseln, Fotografen sitzen mit ausgestreckten Beinen vor dem Rednerpult und laden die letzten Bilder hoch. Und während sich die Fernseh- und Radiojournalisten schon nach Hause schleppen, wartet auf viele noch ein blütenweißes, leeres Dokument.
ped/news.de