So., 12.02.12

Süchtig nach Twitter Künstlerin malt ihre Follower

Von Daniel Kirch

Artikel vom 25.09.2009

Grafik-Designerin Michaela Aichberger malt Twitterer. Ohne die Menschen je zu Gesicht zu bekommen, nur anhand der Beiträge erschließt sie, wie die Absender aussehen könnten.

140 Zeichen sind nicht viel. Wer seine Mitmenschen über den Kurznachrichten-Dienst Twitter an seinem Leben teilhaben lassen möchte, muss sich deshalb kurzfassen. Für Michaela von Aichberger reichen 140 Zeichen aus, um sich ein Bild von wildfremdem Menschen zu machen - im wahrsten Sinne des Wortes: Die selbstständige Grafik-Designerin aus Erlangen malt Twitterer, die sie noch nie gesehen hat und mit denen sie noch nie gesprochen hat. Mit ihren Kunstwerken ist von Aichberger in der Twitter-Szene zu einer Berühmtheit geworden. Für ihr Geschäft lohnt es sich auch.

Hunderte hat sie schon gezeichnet, und immer mehr Twitterer wollen auch dazugehören. Aus dem, was die Nutzer in SMS-Länge über ihren Beruf, ihre Hobbys oder ihre Erlebnisse preisgeben, komponiert die 42-Jährige in ihrem kleinen Notizbuch kleine bunte Psychogramme, die sie dann im Internet veröffentlicht. «Die Ideen kommen von allein», sagt sie.

Alles begann am 10. Juli. Damals war sie schon mehrere Monate bei Twitter, aber überzeugt war sie von dem populären Kurznachrichtendienst nicht. Aus Jux malte sie einen in der Twitter-Szene bekannten Nutzer namens «Häkelschwein» und veröffentlichte das Bild. Nach einem «Riesenfeedback» startete sie die Aktion «Ich male meine Follower». Follower sind Internet-Nutzer, die die Kurznachrichten eines Twitterers über eine Art Abonnement verfolgen.

Spitzname "Frauenfuss"

«Es sollte nur ein Scherz sein», sagt Michaela von Aichberger, die sich bei Twitter (dt.: Zwitschern) den Spitznamen «frauenfuss» verpasst hat. Doch die Nachricht verbreitete sich unter Nutzern rasend schnell, immer mehr wollten ihr eigenes Bild haben. Aus 110 Followern sind innerhalb von knapp drei Monaten mehr als 3500 geworden. Knapp 200 davon hat Michaela von Aichberger bislang gezeichnet, und jeden Tag kommen ein paar neue hinzu. «Ich mache so lange weiter, bis man den Namen ‹Frauenfuss› auf Twitter nicht mehr hören kann.»

Zum Malen benutzt die Grafikerin feine Bürostifte. Ihr kleines Notizbuch trägt sie immer bei sich. Bis zu drei Bilder schafft sie pro Tag. «Ich würde gern mehr machen», sagt von Aichberger. Doch als Selbstständige muss sie auch darauf achten, dass ihr Geschäft läuft. Ihr Kollege, mit dem sie eine Grafikagentur betreibt, wolle ihr von 9 bis 18 Uhr das «Zwitschern» verbieten, erzählt sie. Immer, wenn er wegschaue, greife sie aber zum Stift: «Ich bin süchtig geworden.»

Ihre Hauptkriterien sind: «Es muss leicht zu zeichnen sein, und es muss sich schnell umsetzen lassen.» Eine Autorin offenbarte bei Twitter beispielsweise, dass sie mit Hut badet und dass sie nackt und Prosecco trinkend twittert - von Aichinger stellte sie daher freizügig und mit Hut in einem Prosecco-Glas sitzend dar.

Mittlerweile profitiert Michaela von Aichberger auch geschäftlich von ihrem Hobby: Sie erhält Anfragen, um Logos, Firmendesigns oder Buchillustrationen zu entwerfen. Ein Verlag und eine Buchbinderei wollen eine Best-of-Sammlung der Twitter-Malereien herausgeben. In Nürnberg (7. November), Köln (12. Dezember) und Hamburg (26. Februar 2010) sind außerdem Ausstellungen geplant. Ein Bild wird dann aber fehlen: das ihres Mannes. Obwohl er ihr zweiter Follower war. Menschen zu zeichnen, die man kenne, sei nämlich schwierig. «Da weiß ich gar nicht, wo ich ansetzen soll.»

amg/voc/dpa
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