Von news.de-Mitarbeiter Steffen Rüth - 25.09.2009, 09.55 Uhr

Interview mit Tokio Hotel: «Vom Privatleben ist nichts übrig»

Am 2. Oktober erscheint Humanoid, das neue Album von Tokio Hotel. Im Interview sprechen die Zwillinge Bill und Tom Kaulitz über die Liebe und das Heiraten, über echte und falsche Freunde. Und: über Angela Merkel.

Tom und Bill Kaulitz von Tokio Hotel. Bild: dpa

Jungs, zweieinhalb Jahre sind seit eurer letzten Platte vergangen. Hat euch die Pause gut getan?

Bill: Wir hatten überhaupt keinen Urlaub, sind durch Nordamerika getourt und fast ein Jahr lang am Album gefeilt. Aber hierzulande haben wir bewusst versucht, ein bisschen abzutauchen, auch einfach mal weg zu sein.

Warum das?

Bill: Ich konnte zum Schluss meine eigene Fresse nicht mehr sehen und meinen eigenen Namen nicht mehr hören. Ich dachte «Bitte, Leute, schreibt mal über jemand Anderen». Ich wollte meine Ruhe haben und mich aufs Musikmachen konzentrieren.

Was ist von eurem Privatleben überhaupt noch übrig?

Bill: Nichts.

Oje.

Bill: Ist so. Privatleben in dem Sinne haben wir nicht. Mit der Familie mal ein Eis essen - das geht nicht. Der einzige Moment am Tag, an dem wir alleine sind, ist im Auto. Deshalb wollten wir unbedingt den Führerschein haben. Das eigene Auto ist das letzte Stück Freiheit, das uns geblieben ist.

Tom: Ich würde mich dafür einsetzen, dass man auch in Deutschland die vorderen Seitenfenster tönen darf.

Das klingt aber ein bisschen traurig, nach dem Motto «Nur im Auto sind wir wir selbst».

Bill: Ja, das ist es auch. Gerade in diesem Jahr, in dem wir nicht auf Tour sondern nur im Studio waren, ist uns erst so richtig klargeworden, was wir alles aufgegeben haben. Aber trotzdem würden wir die Entscheidung immer wieder so treffen. Auf dem Level, auf dem wir jetzt sind, geht einfach nicht beides. Man muss das in Kauf nehmen. Man kriegt ja auch ganz viel zurück. Manchmal stehe ich im Studio, singe und denke «Krass, und dafür kriegst du auch noch Geld». Darüber bin ich total glücklich. Ich muss nichts machen, worauf ich keine Lust habe.

Wie verbringt ihr eure Freizeit?

Bill: Eigentlich mit arbeiten. Wir müssen immer lachen, wenn wir lesen «Die Maschinerie Tokio Hotel» und blablabla. Das ist alles Bullshit. Wir haben unser Team, aber im Grunde machen Tom und ich alles alleine. Wir haben uns selber Leute zusammengestellt, die quasi unsere Werkzeuge sind. Aber es ist unsere Band. Tom und ich haben Tokio Hotel damals gegründet, und ich will die Entscheidungen über unsere Band niemandem überlassen.

Automatisch heißt die neue Single. Worum geht es in dem Stück?

Bill: Man benutzt dieses Wort wirklich ständig, tausend Sachen im Leben passieren automatisch, und die meisten davon sind positiv. Abgesehen von der Liebe. Die darf nicht automatisch sein.

Wobei viele Beziehungen vermutlich auch nur noch auf Autopilot laufen.

Tom: Ja. Ich kann mir das nicht vorstellen, so lange mit einem anderen Menschen zusammen zu sein. Ich habe ja sowieso ein Problem mit langen Beziehungen und finde es extrem wichtig, dass man für den anderen interessant bleibt und den anderen auch immer interessant findet. Ich könnte mir zum Beispiel nie vorstellen, mit einer Frau zusammen zu wohnen.

Echt nicht?

Bill: Ich schon. Wenn ich verliebt bin, dann ist mir alles egal. Dann packe ich meine Tasche und ziehe sofort woanders ein.

Tom: Vergiss es, Bill. Wir werden unser ganzes Leben lang zusammen wohnen.

Bill: Ja, aber dann müssen wir in die Mitte eine Schiebetür in die Wohnung bauen. Auf der einen Seite wohne dann ich mit meiner Freundin. Und auf der anderen Seite wohnst du.

Ihr teilt euch also ein Haus?

Bill: Ja. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das je anders wäre. Wir könnten uns nie trennen. Es hat zwar jeder sein Badezimmer und sein Schlafzimmer, aber sonst sind wir den ganzen Tag zusammen.

Bill, bist du denn im Moment verliebt?

Bill: Nein, dabei würde ich mir das so sehr wünschen. Mir ist das schon echt unangenehm, immer die gleiche Antwort geben zu müssen. Aber im Moment ist niemand da. Ich wäre so gerne verliebt. Aber das ist wahrscheinlich das Letzte, was in meinem Leben passieren wird.

Wieso glaubst du das?

Bill: Viele Leute spielen mir was vor, wenn ich die kennen lerne. Die rattern dann so einen Text runter. Aber ich kann es auch nicht erwarten, dass sich Leute ernsthaft auf mich einlassen. Wenn ich irgendwo hinkomme, dann sehen die Bill Kaulitz. Die meisten haben gleich Dollarzeichen im Kopf und wollen mir irgendwas anbieten, so nach dem Motto «Ich bin Designerin, kannst du mein T-Shirt mal anziehen?» Das ist so ekelhaft!

Tom: Wir haben nicht einen neuen Freund in den vergangenen vier Jahren dazubekommen. Erstens kann man den Leuten nicht mehr so schnell trauen, zweitens ist alles immer so flüchtig und schnell, dass man meist an der Oberfläche bleibt.

Bill: Es ist ganz selten, dass ich mal normale Leute kennen lerne. Toll ist es, wenn ich jemandem begegne, der zehn Jahre ohne Fernseher in den Bergen gelebt hat und sagt «Tokio Hotel? Habe ich noch nie gehört». Da denke ich immer «Ja! Danke!».

Was Bill Kaulitz zu den Gerüchten sagt, er sei schwul und warum Tokio Hotel Angela Merkel mögen

Bill, wahrscheinlich denken bei dir viele Mädels auch, dass du gar nicht an ihnen, sondern an Jungs interessiert bist. Nervt das?

Bill: Nee, nerven tut das nicht. Mich hat das sowieso schon mein ganzes Leben lang begleitet. Auch in der Schulzeit war es nicht anders.

Tom: Wobei Mädels eher selten dachten, dass Bill schwul ist. An Angeboten hat es bei ihm nie gefehlt. Es war eher so, dass die Typen gedacht haben, dass er schwul ist.

Bill: Und viele Typen haben sich gedisst gefühlt, wenn ich eine Frau abgekriegt habe und sie nicht. Weil ich ja so unmännlich sei. Das war immer ein großes Problem.

Wirst du oft von Männern angesprochen?

Bill: Dass Typen mich anbaggern, passiert relativ selten.

Hätten Männer bei dir Chancen?

Bill: Nee, ich bin auf Frauen festgelegt. Ich hatte noch nie was mit einem Jungen, ich haben noch nie Erfahrungen mit Männern gesammelt ...

... und möchtest das auch nicht nachholen?

Bill: Also bis jetzt habe ich noch kein Interesse in diese Richtung entdeckt (lacht).

Eure Mutter hat ihren Lebensgefährten gerade geheiratet ...

Bill: Ja, toll, oder? Das ist ihre allererste Ehe, mit unserem Vater war sie nicht verheiratet.

Fandet ihr das romantisch, dass sie nach zwölf Jahren Beziehung nun Hochzeit feiert?

Bill: Ja, total. Ich habe mich unheimlich für meine Mutter gefreut. Unser Stiefvater hat uns ja damals zur Musik gebracht, wir sind mit ihm aufgewachsen und finden das ganz, ganz toll.

Könnt ihr euch vorstellen, später zu heiraten?

Tom: Ich finde Hochzeiten an sich voll schön. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass ich das irgendwann selbst mal mache.

Bill: Ich habe auch immer gesagt, dass ich nicht heiraten will. Aber ich bin mir nicht mehr so sicher. Wenn ich mich echt verliebe, dann ist alles möglich bei mir. Wenn ich meine Seelenverwandte treffe, dann will ich die auch heiraten.

Kinder?

Tom: Mir reichen meine Hunde.

Bill: Mir eigentlich auch. Vielleicht haben wir später mal eine Hundefarm mit hundert Hunden, die alle bei uns übers Grundstück laufen. Und Hunde sind ja sowieso wie Kinder.

Über eure Generation heißt es gerade überall in den Medien, ihr seid nichts weiter als luschige Laberbacken, die nur wenig gebacken kriegen. Stimmt ihr zu?

Bill: Man kann das nicht verallgemeinern. In jedem Alter gibt es Leute, die nichts auf die Reihe kriegen oder auch nichts auf die Reihe kriegen wollen. Und dann gibt es halt auch immer die Ausnahmen. Unsere Freunde jedenfalls, die studieren alle und sind auch ehrgeizig..

Ihr seid auch in den USA inzwischen sehr erfolgreich. Werdet ihr dort anders wahrgenommen als in Deutschland?

Bill: Ja,im Ausland kam zuerst die Musik und dann all die anderen Geschichten. In Deutschland ist es umgekehrt, da sind wir Boulevard. Woanders lassen sich die Leute zwar auch darüber aus, dass der Sänger von Tokio Hotel aussieht wie ne Schwuchtel, aber sie hören wenigstens vorher unsere Songs.

Macht ihr euch Sorgen, dass es irgendwann mal nicht so rund laufen könnte?

Bill: Hmm. Egal, was passiert, wir haben lange durchgehalten und viel bewiesen. Viele hatten uns damals als One Hit Wonder gesehen und sich geirrt. Ich glaube aber auch, dass es Höhen und Tiefen gibt. Es gab ja auch schon Momente, in denen es ein bisschen zurückging. Kann ja sein, dass Humanoid als Platte jetzt nicht so funktioniert, aber dann macht man halt die nächste. Ich würde nicht so schnell aufgeben.

Was macht ihr mit dem ganzen Geld?

Bill: Wer richtig reich werden will, der muss Fußballer oder Rennfahrer werden. Die machen richtig Holz. Im Musikbusiness wird wahnsinnig übertrieben, es gab die wildesten Spekulationen darüber, was wir angeblich alles verdienen. Von den 30 Euro, die ein Konzertticket kostet, kriege ich nur einen winzigen Bruchteil. Wir haben ja auch Kosten. Zum Beispiel haben wir gerade ein Video in Südafrika gedreht, das wir selbst finanzieren. Wir bezahlen auch unser komplettes Team. Unsere Ausgaben sind extrem.

Tom: Bill und ich haben noch kein Haus, kein Grundstück und keine Yacht gekauft. Wir wohnen zur Miete.

Bald ist eure erste Bundestagswahl. Interessiert ihr euch für Politik?

Bill: Wir sind normal interessiert, würde ich sagen. Wir kriegen nicht übermäßig viel mit, Politik lässt uns aber auch nicht kalt.

Mögt ihr Angela Merkel?

Bill: Ich will die Leute nicht groß beeinflussen, aber ja, ich finde Angela Merkel gut. Bis jetzt schlägt sie sich wirklich gut. Und im Gegensatz zu anderen ist die auch tierisch sympathisch. Sie wirkt wie eine liebevolle Mutti.

bla/news.de

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