Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Privat gilt Barbra Streisand als politische Rampensau, als Künstlerin gibt sie die perfektionistische Diva, den großspurigen Star. Nach fünf Jahren Pause legt sie mit Love is the Answer ihr 32. Studioalbum vor, 13 Jazz-Klassiker, die all das hinter sich lassen - ein wunderbar intimes Werk.
Auf den ersten Blick ist nicht mehr viel übrig von der Barbra Streisand, die von sich selbst sagt, sie sei «die Größte», die von sich selbst als einem «großen Klumpen Talent» spricht, von der Barbra Streisand aus Is' was, Doc?, verführerisch, schelmisch und immer ein wenig großmäulig, von der Diva.
Auf den ersten Blick schaut da eine verträumte Barbra Streisand vom Cover ihres neuen Albums Love is the Answer, fast ein wenig zurückgezogen, eingekuschelt in eine golden schimmernde Decke, die Haare nicht mehr ganz so blond, das Lächeln nicht mehr ganz so frech. Auf den ersten Blick scheint die Zeit vorbei, in der Kritiker über sie schrieben, sie sei «eine Mischung aus naiver Lebensfreude und schrillem Erlösungsgeschrei».
13 Jazz-Klassiker hat die Streisand für ihr Album vertont, es ist, soviel sei vorweggenommen, ein kongeniales Werk geworden, entstanden aus der Zusammenarbeit mit niemand Geringerem als Diana Krall, Produzent Tommy LiPuma und dem Orchester-Arrangeur Johnny Mandel, abgemischt von Altmeister Al Schmitt.
Schon nach den ersten Tönen von Here's to Life, dem zart perlenden Klavier von Tamir Hendelmann, nach den ersten Worten der Streisand, wird klar, wie viel dann doch noch übrig ist von diesem Klumpen Talent. Auf den zweiten Blick. Es ist wohl kein Zufall, dass sie ausgerechnet dieses Stück als Opener ausgesucht hat, ein Stück, das mit programmatischen Worten beginnt: «No complaints and no regrets» – keine Beschwerden, keine Reue.
Alle Stücke, die Krall und Streisand für diese Platte zusammengetragen haben, fordern genau das Selbstbewusstsein, das die Streisand schon immer hatte, sie fordern aber auch die Ruhe, Ehrfurcht und Gelassenheit, die sie über die Jahre erst gesammelt hat. Alleine schon, sich an das legendäre If You Go Away (Ne Me Quitte Pas) von Jacques Brel zu wagen! Doch nur von einer Akustikgitarre und einigen Streichern begleitet, gelingt ihr der Spagat zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Trauer und Auflehnung auf persönliche, berührende und großartige Weise.
Was nicht mehr da ist, ist die Exzentrik früherer Tage. Barbra Streisand, inzwischen 67, hat gelebt, intensiv gelebt, das hört man. Sie hat gelernt, etwa, dass Show nicht alles ist, hat gelernt, intime Momente zu kultivieren, sich zurückzunehmen, leise zu sein. Und sie hat gelernt, die Bandbreite ihrer Stimme zu nutzen. 1976 schrieb Manfred Sack in der Zeit über ein Klassik-Album der Streisand: «Es klingt alles gleich getragen, weich und sanft, als stamme es vom selben Meister einer verlaufenden Romantik. Eine niedliche Stimme, gewiß, doch niemals leuchtet sie auch nur für einen lichten Moment auf; die Innerlichkeit überträgt sich nicht, weil Sentimentalität sie stumpf macht.»
All das hat sie hinter sich gelassen, aus der niedlichen Stimme ist ein eindrucksvolles Instrument geworden, mal zärtlich, mal rauchig, mal düster, mal heiter. Und mit der singt sie sich einmal durch die Jazz-Geschichte, vom Revue-Stück Smoke Gets in Your Eyes (1933) über den Sinatra-Klassiker In the Wee Small Hours of the Morning (1955) bis zum Latin-Fusion-Stück Love Dance von Ivan Lins (1988).
Um aus all dem ein superbes Album zu machen, braucht es, neben der Stimme, hervorragende Mitspieler. Und auch die hat die Streisand. Die Pianisten Alan Broadbent, Tamir Hendelman und Bill Charlap etwa, eine Band aus Musikern wie John Clayton (Bass) oder Anthony Wilson (Gitarre).
Und ständig während der gut 60 Minuten schimmert diese Atmosphäre durch, in der das Album entstanden zu sein scheint. Eine entspannte, harmonische, heitere Atmosphäre. Eine, in der Professionalität alles ist, Hauptsache, man spürt nicht ihren Druck. Eine, in der die für ihren Perfektionswahn bekannte Sängerin scheinbar einmal losgelassen hat.
Barbra Streisand schafft es, mit all ihrer Persönlichkeit diese Platte zu füllen, ohne ihre Musiker aus dem Bild zu drängen. Sie ist präsent, immer, aber nie aufdringlich. Sie ist einfach da. Und der Zuhörer ist dankbar dafür.
voc/news.de