Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Vision - aus dem Leben der Hildegard von Bingen heißt der filmische Blick der Regisseurin Margarethe von Trotta auf die gelehrte Nonne, Heilerin und Seherin aus dem Mittelalter. Doch das Biopic ist eher statisch als visionär.
Gläubige, Erwachsene und Kinder haben sich in einer einfachen Kapelle versammelt und erwarten betend und weinend den Untergang der Welt. Kerzen tauchen den Raum in flackerndes Licht. Die Leinwand wird schwarz – und dann geht die Sonne doch wieder auf. Die Menschen schöpfen Hoffnung, danken dem Allmächtigen.
Es ist die erste Szene des Kinofilms Vision – aus dem Leben der Hildegard von Bingen, die die Stimmung des ersten Milleniumswechsels recht präzise wiedergibt. Zwischen Glaube und Aberglaube schwanken die Menschen in jener Zeit.
Etwa 100 Jahre später wird die aus einer Adelsfamilie stammende Hildegard (circa 1098-1179) geboren. Als Achtjährige kommt sie ins Benediktinerkloster Disibodenberg – ein Ort des Schweigens und des Gehorsams, an dem Abt Kuno ein strenges Regiment führt. Das Kind kommt in die Obhut Jutta von Sponheims; der Magistra wächst das aufgeweckte Mädchen schnell ans Herz, sie fördert dessen musikalische Begabung und gibt ihm all ihr Wissen weiter.
Ganz geradlinig entwickelt Regisseurin Margarethe von Trotta ihre Leinwandbiografie, sie hält sich an überlieferte Tatsachen, geht chronologisch vor. Starke Frauen sind bevorzugt ihr Thema, man denke nur an Rosa Luxemburg (1985/86) oder Die bleierne Zeit (1981). Von Trottas Heldinnen stehen im Widerspruch zu ihrer Zeit, sie sind energisch und durchsetzungsfähig, selbstbestimmt und mutig.
Hildegard von Bingen ist auch so eine starke Frau. Sie ist eine der bekanntesten Frauen des Mittelalters, deren Werk derzeit eine Renaissance erlebt. Die «Hildegard-Medizin» dient oft als homöopathischer Therapieansatz, ihre Kompositionen werden neu eingespielt. Als Leiterin des Benediktinerklosters Disibodenberg und späteres Oberhaupt des Klosters auf dem Rupertsberg bei Bingen leitete sie für die damalige Zeit eine geradezu revolutionäre Denkweise ein. Denn für sie bilden Körper und Seele, Theologie und Heilkunde eine untrennbare Einheit.
Die frühe Feministin hatte Visionen: Ihrem Vertrauten, dem Mönch Volmar, gesteht sie, dass Gott seit früher Kindheit zu ihr spricht. Sind diese Visionen Einbildung oder Realität? Im Mittelalter, in einer von Männern dominierten Kirchenwelt, kann die Antwort auf diese Frage tödlich sein.
Der Film thematisiert all das, rückt Hildegard, die von Barbara Sukowa gespielt wird, in den Fokus. Es gibt kaum eine Szene ohne die bedächtige Heilige in diesem Biopic. Sukowa hat sich im vergangenen Jahr in Die Entdeckung der Currywurst nach langer Kino-Abstinenz eindrucksvoll zurückgemeldet. Ließ sie dort die Hüllen fallen und zeigte mit Selbstbewusstsein Sex-Appeal, ist sie diesmal zugeknöpft. Ob es am strengen Nonnenkostüm liegt, dass sie bis auf wenige emotionale Momente eher streng, undurchschaubar und distanziert erscheint? Wer war diese Hildegard, eine doch mit Sicherheit höchst schillernde Persönlichkeit, eigentlich? Diese Frage bleibt weitgehend unbeantwortet.
Neben der dominanten Sukowa bleibt den anderen Darstellern nur die Rolle der Stichwortgeber. Dabei haben Schauspieler wie Alexander Held, Hannah Herzsprung und Heino Ferch unbestritten Potenzial. Apropos Heino Ferch: Er, den man eher in markant-männlichen Rollen verortet, gibt hier einen geläuterten, friedvollen Mönch. Mit Tonsur, Keuschheitsgelübde und betenden Händen wirkt er jedoch nur unfreiwillig komisch.
Hildegards spannendes Leben wäre eine Fundgrube zeitübergreifender Bezüge. Doch darauf wartet man im Film vergebens. Der Titel Aus dem Leben der Hildegard von Bingen ist leider Programm: Exakt werden Set, Kostüme, Riten und Sprachduktus rekonstruiert und zu einem quälend-verbissenen, langatmigen, bierernsten Historienbild zusammengefügt. Die Kühle der Inszenierung und der weitestgehende Verzicht auf Gefühle machen den biografischen Bilderbogen zur Geschmackssache.
Titel: Vision – aus dem Leben der Hildegard von Bingen
Regisseur: Margarethe von Trotta
Darsteller: Barbara Sukowa, Heino Ferch, Hannah Herzsorung, Alexander Held
Spielzeit: 111 Minuten
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr; 2008
FSK: Ab 12 Jahren
Kinostart: 24. September 2009
Der Begriff 'Feministin' gibt es seid etwas mehr als 100 Jahren.Er deutet eher auf eine politische Einstellung, also unpassend für H.v.B. Sie liess sich vielmehr von den damaligen gesellschaftlichen Erwartungen und Normen weder einschüchtern noch einschränken. Dies zeugt bei jedem Menschen, ob damals oder heute, von persönlichem Mut, egal ob männlich oder weiblich! rosie
jetzt antwortenKommentar meldenAntwort auf 2 Die Hexenverbrennungen begannen erst ca. 400 Jahre nach Hildegard von Bingen.
jetzt antwortenKommentar meldenberichtige mich - nicht alle frauen - aber eben einige wahren stark genug um parolie zu bieten
jetzt antwortenKommentar meldenaber hallo lieber schriftsteller - ich denke frauen waren sehr beherrschend - siehe die hexenverbrennungen - weil männer angst hatten - ihre macht zuverlieren
jetzt antwortenKommentar meldenHildegard von Bingen - eine Feministin - wer das annimmt, ist unendlich schlecht informiert. Weiß denn keiner, dass die Problematik Mann - Frau damals selbst im allerweitesten Sinne kein Thema war?
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