rückwärts
vorwärts
Der die Sprache liebt (Bild 1/5)
Finn-Ole Heinrich (Foto)
Foto: Dylan Thompson
28.09.2009

26 Jahre alt, gelobt von den Kritikern, beliebt bei Poetry-Slam-Besuchern, hochdekoriert: Finn-Ole Heinrich gewann unter anderem den Kranichsteiner Literatur-Förderpreis, den 1. Preis der Buchmesse im Ried und das Märkische Stipendium für Literatur.

Buchvorstellung

Die wunden Punkte der Moral

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert

Es geht um Hooligans mit Albträumen und die Liebe zu einer Sterbenden. Harter Tobak, den Finn-Ole Heinrich in seinem zweiten Erzählband auf den Leser loslässt. Der ist damit nicht selten überfordert, aber mindestens ebenso oft fasziniert.

«Morgen ist auch noch ein Tag.» Ein Spruch, der gar nicht mehr auffällt, so oft wurde er schon gesagt, ein Eltern-Spruch. Daher auch die ruhige Hoffnung, die er symbolisiert: Es ist noch nicht verloren, was heute nicht gut wird. Gestern war auch schon ein Tag nennt Autor Finn-Ole Heinrich seinen zweiten Erzählband und vermittelt so nicht nur das beklemmende Gefühl verpasster Chancen. Er offenbart auch, wie trügerisch die Hoffnung darauf, dass morgen auch noch ein Tag ist, schon immer, auch ohne ihre Umkehr, gewesen ist: Morgen ist übermorgen schon gestern und wer dazwischen Sprüche klopft, so oder so, bleibt handlungsstarr auf der Strecke.

Dieses drückende Gefühl schreibt Heinrich in jede seiner Zeilen. Er «erzählt von Menschen, die das Leben mit voller Härte umgeworfen hat und die nun wieder aufstehen müssen», droht der Klappentext. Was er verheimlicht: Heinrichs Figuren stehen in seinen Geschichten nicht wieder auf. Mit seinen Erzählungen schaltet der erst 26-jährige Autor grelles Neonlicht ein über dem Scheitern, seziert es eine Zeit lang und lässt es im Dunkel zurück, ohne Hoffnung auf Besserung. Aber auch ohne zu sagen, dass es hoffnungslos ist. Heinrich löst das Dilemma seiner Figuren nicht auf, überlässt jede Bewertung dem Leser. Der ist oft genug ratlos, gefesselt an die eigene Moral nicht in der Lage, die brachiale Offenheit, mit der Heinrich von menschlichen Abgründen erzählt, weiter zu denken. Eine düstere, aber faszinierende Hilflosigkeit.

Gleich die erste Geschichte im Band ist von einer erzählerischen Stärke, wie sie nur einer erzeugen kann, der die Sprache liebt. «Ich lasse die Geräte einfach liegen, nicht bewacht, und fahre den Wagen in den Hof, wo die Nachbarkinder ihren Fußball gegen die roten Backsteinwände hämmern. Wer sollte Krücken und Rollstuhl klauen.» Der Freundin des Erzählers wurde ein Bein amputiert und während sie damit gut auszukommen scheint («Seltsam, ich vermisse gar nichts.»), macht es ihm zu schaffen. «Wie wird es sich anfühlen, wenn sie ihre Beine öffnet und links ein Stummel in der Luft zappelt,» fragt er sich und gibt der empörten Moral des Lesers recht, wenn er sagt: «Ich will kein Mensch sein, der vor einer Behinderung flieht. Ich mag so einen Menschen nicht.» Niemand mag so einen Menschen, aber «man will [auch] keine behinderte Freundin.» So einfach ist das nicht mit der Moral, die Heinrich oft genug als Gutmenschentum entlarvt, das angesichts der Realität nichts wert ist.

Alle Figuren erzählen aus der Ich-Perspektive, was ihnen widerfährt und was das in ihnen kaputt macht. Oder – und so ist es meistens – wie es das, was vorher schon kaputt war, offenbart. Der Erzählstil wird dadurch so eindringlich, dass man manchmal glauben könnte, man lese sein eigenes Tagebuch – froh darüber, es nicht zu tun. Denn würde auch ich meinen nach einem Treppensturz plötzlich behinderten Bruder ins Heim geben? Würde ich eher den mit der Glatze und den Tätowierungen bis zum Hals für einen Hooligan halten oder den Anwalt im Armani-Anzug? Was, wenn sie es beide sind, Seit an Seit?!

Gestern war auch schon ein Tag ist nichts zum Schmökern und manchmal ist es schwer zu ertragen, wie Heinrich mit kindlicher Unbeschwertheit die wunden Punkte unserer Moralvorstellungen trifft. Aber genau deswegen ist es ein großartiges, ein fesselndes Buch. Es führt uns vor, wie kurz unser Denken manchmal greift und wie schnell wir kapitulieren, wenn die Realität damit nicht deckungsgleich ist.

Titel: Gestern war auch schon ein Tag
Autor: Finn-Ole Heinrich
Verlag: Mairisch Verlag
Seiten: 160 Seiten, gebunden
Preis: 16,90 Euro
Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2009

bla/news.de
Zum Thema Thema verfolgen » Newsletter abonnieren Artikel kommentierenArtikel kommentieren
Hommage an Bücher (Foto)
Hommage an Bücher

Gedruckte Seelen

Eine nebensächliche Alltäglichkeit. Um es mit einem Wort zu sagen: Es gibt Dinge, über die mehr ...

Buchvorstellung: Die wunden Punkte der Moral » Medien » Nachrichten
URL : http://www.news.de/medien/855025828/die-wunden-punkte-der-moral/1/
Schlagworte:
Leserkommentare (1)
jetzt kommentieren
  • Kommentar: 1
  • 28.09.2009 22:43
von
Ute

Scheint ein sehr interessantes Buch zu sein.Bin neugierig drauf, denn wer kann auf dieser Welt mit all seinen Schwächen, auch was die Moral betrifft, lässig umgehen?

jetzt antworten Kommentar melden
Kommentar schreiben
Netiquettelink | AGB
Ihr Name
Ihre Emailadresse
noch 600 Zeichen übrig
Ihr Kommentar
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.

Zum Thema
Anzeige
Meistgelesene Artikel
Fotostrecken
Videos
zurück
vor
Merkzettel
Hier können Sie Artikel ablegen, die Sie später lesen wollen.
Wie geht das?
Anzeige