Den Perlen ein Podest
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Kommen wir noch einmal zu den Lesungen. Bei Twitter wirken Tweets aus dem Augenblick heraus, gerade über Humor entscheiden Bruchteile von Sekunden. Gibt es, sobald man das vorliest, nicht die Gefahr, dass die Pointe einfach versackt?
Seemann: Es gibt da diverse Probleme. Ein Tweet kann online wunderbar funktionieren und vorgelesen total verrecken. Da muss man ein bisschen Erfahrungen haben, wenn man auswählt. Welche Tweets lassen sich gut performen? Welche sind nur schriftmalerisch? Wir sind selbst immer wieder überrascht, welche Tweets total abgehen und welche, obwohl wir dachten, sie seien total witzig, einfach untergehen.
Es kommt mir so vor, als entwickle sich bei Twitter eine eigene Sprache, als gebe es Gemeinsamkeiten im Humor. Sehen Sie das auch?
Seemann: Das ist auf jeden Fall zu beobachten. Man lernt ja voneinander. Ich ertappe mich manchmal selbst dabei, wie ich einen Tweet schreibe und dann denke: «Moment mal, der hätte ja von Häkelschwein kommen können». Da geht Twittern in Richtung Kulturtechnik. Auch bei Worten wie «So». So. Punkt. Ich habe jetzt gerade etwas fertiggestellt. Diese Jetztmarkierung holt den Leser direkt in die Realität des anderen. Oder das Wort «Übrigens», das eine Beiläufigkeit schafft. Das sind natürlich Sachen, die von anderen aufgegriffen werden.
Beim Sammeln von Tweets für die Lesungen gibt es natürlich die Gefahr, etwas zu verpassen. Tut Ihnen das manchmal leid? Denken Sie manchmal: «Verdammt, da gibt es bestimmt noch viele witzige Sachen und die rauschen alle an uns vorbei»?
Seemann: Ja klar, aber das ist einfach nicht zu leisten. Ich glaube, es gibt 150.000 aktive deutsche Twitterer. Und deswegen brauche ich auch nicht traurig zu sein. Ich glaube, wir sind tief genug in der Community verankert, gut genug vernetzt und haben auch die entsprechenden Tools, um gute Leute und gute Tweets zu finden. Alle finden wir nicht, aber wir decken schon die Twitterer ab, die regelmäßig guten Kram schreiben.
Twitter ist immer noch ein Medium, das Aufklärungsarbeit nötig hat. Sollen die Lesungen ein Mittel dazu sein? Und können Sie das überhaupt?
Seemann: Bei der Lesung in Bremen waren bestimmt 20 Leute, die Twitter nicht kannten. Die sind unbeleckt dahingegangen und haben Twitter irgendwie als neue Form der Literatur wahrgenommen. Bei der letzten Lesung in Frankfurt waren es zu hundert Prozent Twitterer, was die Sache natürlich schwierig macht. Alleine die Aufmerksamkeit der Medien bringt aber schon eine ganze Menge. Ich sehe mich aber auch nicht als Evangelist für Twitter. Ich glaube nicht, dass jeder twittern sollte, dass die Welt besser wäre, wenn alle twittern würden. Vielleicht schon, aber darum geht’s ja nicht.
Twitter funktioniert ja auf verschiedenen Ebenen. Für manche als Kommunikations-, für manche als Informationstool, für manche über den Humor. Gibt es da für Sie so etwas wie Trends?
Seemann: Ich glaube schon, zumindest in meiner Wahrnehmung. Und die eigene Wahrnehmung ist ja immer die der eigenen Timeline, einen objektiven Blick auf Twitter gibt es kaum. Ich habe schon das Gefühl, dass es immer mehr Leute gibt, die witzig schreiben, bisher war das eher eine Nische. Aber ich bin auch der Meinung, dass man diese Dimensionen, die Twitter haben kann, auch ausschöpfen sollte. Wenn man nur diesen einen Teil davon nutzt, wird Twitter irgendwann langweilig. Ein Beispiel ist Frank93, einer der Twitterer, der beim lustig twittern Maßstäbe gesetzt hat, der aber auch nichts anderes gemacht hat. Dem wurde das irgendwann langweilig, der hat aufgehört. Und das ist schade.
Ich vermute, dass sich damit die Frage, wie ein guter Tweet funktioniert, erledigt hat?
Seemann: Ja, denn das kann man nicht sagen. Ein guter Tweet muss überraschen. Und wie könnte ich etwas vorhersagen, was mich überraschen wird?
Michael Seemann, einer der Organisatoren der Twitterlesungen und Mitglied des Twitkrit-Teams, bloggt unter www.mspr0.de und twittert als @mspro.
amg/news.de
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