Große Bühne für kleine Tweets. Twitterlesungen gibt es seit Juli 2008.
Den Perlen ein Podest
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Große Bühne für kleine Tweets. Twitterlesungen gibt es seit Juli 2008.
Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Über Sinn und Unsinn von Twitter wird oft gestritten. Die Organisatoren der Twitterlesungen zumindest sehen darin ein Stück Literatur. Im Interview spricht Michael Seemann über die Skurrilität solcher Veranstaltungen, den Spagat zwischen Humor und Ernst und die Vergänglichkeit des Ruhms.
Stark verkürzt handelt es sich bei Twitterlesungen um Veranstaltungen, bei denen aus dem Internet vorgelesen wird. Eigentlich also eine recht skurrile Angelegenheit, oder?
Seemann: Auf jeden Fall so skurril, dass ich am Anfang, als Sascha Lobo mit der Idee kam, Zweifel hatte. Dann haben wir uns mit verschiedenen Leuten hingesetzt und überlegt, haben uns Tweets vorgelesen und so kamen wir nach und nach auf ein Konzept. Ja natürlich ist das skurril, aber irgendwie auch lustig.
Die ersten Veranstaltungen haben sich sogar noch der Frage gewidmet, ob so etwas funktionieren kann. Wie lange hat es gedauert, bis Sie sicher waren, dass das Konzept aufgeht?
Seemann: Da sind wir uns schon nach dem ersten Mal ziemlich sicher gewesen. Da haben wir, am heißesten Tag des Jahres, die Leute drei Stunden lang gequält und 300 oder 400 Tweets rausgehauen. Das gehörte ja auch zum Experimentalcharakter, dass wir überhaupt nicht wussten, wie lange sowas dauert. Aber die Leute hatten Spaß und da haben wir gemerkt, dass man was draus machen kann.
Es gibt zu den Lesungen meist auch einen Videostream. Wäre es nicht konsequent gewesen, das ausschließlich online zu machen?
Seemann: Wenn man lange genug einen Teil seines Lebens online verbringt, lösen sich diese Grenzen auf. Was zählt, sind die sozialen Beziehungen. Da entsteht das Bedürfnis, Online-Beziehungen ins reale Leben zurückzuholen, und dafür ist so etwas prächtig geeignet. Auf der ersten Twitterlesung haben sich unglaublich viele Leute getroffen, die sich bis dahin nur als Avatare kannten. Da sind Freundschaften und Netzwerke entstanden und das ist toll, das hat einen Mehrwert.
Es sind immer wieder auch klassische Autoren anwesend, Tillmann Rammstedt etwa oder Kathrin Passig, beide Bachmann-Preisträger. Wie ist das Verhältnis dieser Autoren zu Twitter?
Seemann: Sehr unterschiedlich. Tillmann Rammstedt war kein Twitterer, der hat die Tweets eigentlich live auf der Bühne redigiert, was ich toll fand. Ihm hat das Spaß gemacht und er fand das lustig, aber hat nicht angefangen zu twittern. Kathrin Passig wiederum twittert schon sehr lange. Und da gibt es natürlich noch mehr. Sibylle Berg ist begeisterte Twitterin, Else Buschheuer ist auch zu einem Twitter-Maniac geworden. Zwischen Literatur und Twitter gibt es auf jeden Fall enge Beziehungen.
Was ist denn das Ziel einer solchen Lesung?
Seemann: Ganz banal und platt, die Leute zu unterhalten. Wir schreiben für das Blog Twitkrit schon länger Texte über Tweets, suchen besonders schöne oder interessante und befassen uns fast schon literaturwissenschaftlich damit. Natürlich mit einem kleinen ironischen Gestus. Wir wollen das, was uns bei Twitter festhält, was uns so viel Spaß macht, aus diesem schnellen, vergänglichen Strom des Twitter-Streams rausreißen und dem ein Podest bauen. Das steckt auch hinter den Lesungen. Wir wollen die Perlen noch einmal vorstellen, weil wir finden, dass sie es verdient haben.
Dieser ironische Gestus scheint ohnehin eine große Rolle zu spielen. Auf der einen Seite gibt es Lesungen, Twitkrit, die Favcharts, auf die wir auch noch zu sprechen kommen müssen, alles Dinge, mit denen das Medium Twitter gepusht wird. Auf der anderen Seite gibt es oft die Warnung, das alles bloß nicht zu ernst zu nehmen. Ein Spagat?
Seemann: Zunächst einmal macht es vielen Leuten Spaß, andere zu unterhalten. Wenn das umschlägt, geht dieser Spaß natürlich verloren. Das ist der Spagat. Aber der ist nicht neu und den gibt es auch nicht nur bei Twitter. Man darf nicht verbissen werden. Für Twitter gilt das aber umso mehr, weil man so wenig davon hat. So eine Favcharts-Platzierung ist vergänglich und Geld verdient man damit auch nicht.
Vielleicht können wir kurz klären, was Favs und die Favcharts eigentlich sind.
Seemann: Favs sind Bookmarks, mit denen man Tweets speichern kann. Das sagt erstmal nichts darüber aus, weswegen sie gespeichert wurden. Oft können Leute unterwegs einen tollen Link in einem Tweet mit dem Handy nicht öffnen und wollen das zu Hause nachholen. Also faven sie ihn. Andere Leute finden einen Tweet so unglaublich toll und denkwürdig und witzig, dass sie ihn aufheben wollen. Die Charts gehen davon aus, dass das Faven auch ein Bewertungssystem ist. Je öfter ein Tweet gefavt wird, desto beliebter ist er. Die Idee dazu hatten Kathrin Passig, Sascha Lobo und ich, Kathrin hat den ersten Prototyp entwickelt. Die Favcharts gucken aber nicht, wie viele Favs ein Tweet hat, sondern wie viele Favs ein Twitterer hat. Und sie gewichten. Jemand, der viele Follower hat, hat größere Chancen, oft gefavt zu werden, die Tweets von jemandem, der wenige Follower hat, sind bei uns deswegen mehr wert. Und das ist auch gut so. Denn das Beste, was solche Favcharts bieten können, ist, dass man neue, gute Leute entdeckt. Ein bisschen ist das auch eine Talentsuche.
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