Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Der Jubiläums-Countdown läuft. Noch sechs Wochen bis zum 9. November. Im Fernsehen heißt das: Hochzeit für deutsch-deutsche Dramen. Der Sat.1-Film Böseckendorf nimmt sich der größten Massenflucht der DDR-Geschichte auf erfrischend gewitzte Weise an.
Die DDR im Frühherbst 1961: Das ganze Land ist fest im Griff der SED. Das ganze Land? Nein, ein kleines Dorf dicht an der Grenze zum Klassenfeind leistet Widerstand, trotzt der Zwangskollektivierung und allen Indoktrinationsversuchen.
So ungefähr beginnt Böseckendorf, ein bisschen wie Asterix. Die tapferen Gallier sind hier die 300 Bewohner einer Ortschaft im thüringischen Eichsfeld. Die Römer tragen keine Brustpanzer, sondern kleckergrüne NVA-Uniformen und arbeiten gerade schwer an der Befestigung ihres «antifaschistischen Schutzwalls». Bis zum Herbst 1961 ist der DDR-Limes nämlich nur ein recht klägliches Durcheinander von Maschendrahtzäunen und nicht wirklich ein Hindernis für fluchtwillige, gut vorbereitete DDR-Bürger.
Die ersten Filmminuten gehören einem jungen Paar. Ein letzter Kuss vor Stacheldraht, Zange gezückt, den Zaun durchschnitten und rübergemacht. Jubel, wieder Küsse und ein braver Jägersmann, der dasteht wie ein Fragezeichen. Nein, in der Bundesrepublik seien sie nicht, entgegnet er den beiden. Der Zaun gehöre zu seinem Wildgehege und der Westen befinde sich ein paar hundert Meter weiter in der anderen Richtung. Dumm gelaufen.
Ein Film, der das Thema deutsch-deutsche Teilung mit trockenem Humor angeht, hat den Zuschauer eigentlich schon auf seiner Seite. Böseckendorf kommt trotz aller Dramatik, die dieser wahren Geschichte anhaftet, ohne schicksalsschwere Momente und ausnahmsweise sogar ohne Veronica Ferres aus. Hier gibt es keine Supermuttis, die mit grauen Stasi-Behördenhengsten um ihre Kinder feilschen.
Stattdessen gibt es Tonia Lantz (Anna Loos) und ihren Mann Manni (Thure Riefenstein) – ein Paar, bei dem der ideologische Graben mitten durchs Schlafzimmer verläuft. Er: SED-Bürgermeister und idealistischer Parteisoldat. Sie: Pfarrerstochter und heimliche Fluchthelferin. Zwei wie Pech und Schwefel, die trotz aller Gegensätze zusammenhalten. Und die Not ist in der Tat groß. Manni erfährt zufällig, dass die SED-Kreisleitung in Erfurt die Zwangsumsiedlung aller renitenten Böseckendorfer geplant hat. Auf der Liste steht auch sein Freund Karl (Rainer Piwek), ein schollentreuer Bauer, der die Kollektivierung für sozialistisches Teufelswerk hält und seinen Vogelscheuchen FDJ-Hemden überstreift. «Ein bessere Abschreckung gibt’s doch gar nicht», sagt er.
Mit solchen Typen ist kein Arbeiter- und Bauernstaat zu machen, und so schickt die Parteileitung Jutta Marx nach Böseckendorf. Rebecca Immanuel (Edel & Starck) spielt sie als treue, aber früh verhärmte Ulbricht-Jüngerin mit einem Lächeln wie sibirischer Permafrostboden. Genossin Marx soll offiziell dafür sorgen, dass die widerspenstigen Dörfler vollzählig zum Nationalfeiertag in Erfurt erscheinen. Inoffiziell bereitet sie aber schon die Zwangsumsiedlung vor – Stichtag für die «Operation Kornblüte» ist der 3. Oktober. Den Böseckendorfern bleibt für die geplante Flucht also nur noch wenig Zeit.
Eigentlich verwunderlich, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese hochdramatische Geschichte zu verfilmen. 14 Familien gelang in der Nacht des 2. Oktober 1961 der Grenzübertritt in den Westen. In den nächsten Tagen beschäftigen sich mehrere Dokumentationen mit der größten Massenflucht der DDR-Geschichte. Gleich im Anschluss etwa der Film Grenzfall Böseckendorf (Sat.1, 22.25 Uhr).
Die fiktionale Aufbereitung des Geschehens (Regie: Oliver Dommenget) ist aber gleichermaßen sehenswert. Natürlich wird die Geschichte in der TV-Version noch zusätzlich dramatisiert. Eine Dreiecksbeziehung ist angedeutet – Tonia leistet sich ein Techtelmechtel mit ihrem alten Wessi-Jugendfreund Harald (Andreas Pietschmann) -, und es gibt eine Stasi-Spionin, die aus enttäuschter Liebe zu Manni den Fluchtplan an Genossin Marx verrät.
Nichts ist stärker als die Wahrheit, könnte ein Einwand an dieser Stelle lauten. Die zusätzlichen Handlungsstränge wären nicht unbedingt nötig gewesen, die Fluchtgeschichte sei stark genug. Dennoch: Sie tragen ihren Teil dazu bei, die Enge und die Unfreiheit in der DDR deutlich vor Augen zu führen, etwa wenn statt Tanzmusik die Fistelstimme Walter Ulbrichts aus dem Radio tönt.
20 Jahre nach dem Mauerfall wächst wieder die Zahl der Menschen, die sich angesichts wirtschaftlicher Nöte die vermeintliche Sicherheit in der DDR zurückwünschen. «Freiheit ist das höchste Gut», sagt Tonia einmal. Ein Satz, der allen DDR-Nostalgikern dringend ins Stammbuch geschrieben werden müsste.
Böseckendorf – Ein Dorf verschwindet, Dienstag, 22.9., Sat.1, 20.15 Uhr
bla/news.de