Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Barbara Sukowa spielt im Kino die Visionärin Hildegard von Bingen. News.de erzählt die Schauspielerin, was sie an der Nonne schätzt, warum sie gerne mal im Kloster leben würde und Rollenangebote aus Hollywood ablehnt.
Frau Sukowa, in in dem neuen Kinofilm der Regisseurin Margarethe von Trotta spielen Sie die Äbtissin und Heilkundige Hildegard von Bingen. Was wussten Sie über diese Frau?
Sukowa: Ich kannte ihre Kompositionen, hatte von ihren Heiltheorien gelesen und wusste, dass sie eine Kirchenfrau aus dem Mittelalter war. Aber ich hatte mich bis dahin wenig mit ihr beschäftigt. Von ihren Visionen zum Beispiel wusste ich nichts.
War es eine Herausforderung, eine solche Figur zu spielen?
Sukowa: Das Schwierigste war, sich in eine Frau hinein zu versetzen, die vor 1000 Jahren lebte und die fest im Glaubensbild des 12. Jahrhunderts stand. Hildegard von Bingen hat nichts von dem erlebt, war wir heute erleben. Man muss sich einmal vorstellen, was es damals alles nicht gab. Wir können fliegen oder uns mit Fahrzeugen mit hoher Geschwindigkeit fortbewegen. Dazu kommen all die visuellen Eindrücke und Farben unserer heutigen Zeit, die vielen Informationen, die Möglichkeit, uns Wissen anzueignen. Das alles hatten die Menschen damals nicht. Ihre Lebenserwartung war viel geringer. Frauen wurden kaum 30 Jahre alt, sie starben meist im Kindbett, nur Nonnen hatten eine Chance, länger zu leben. Hildegard war ein kränkliches Kind, sie hatte gewissermaßen Glück, dass ihre Eltern sie ins Kloster gaben.
Und die Menschen hatten ein anderes Weltbild ...
Sukowa: Ja, ein viel begrenzteres Weltbild. Es gab Himmel und Hölle, Gott und Teufel. Die Kirche durfte man nicht in Frage stellen. Es ist faszinierend, darüber nachzudenken, dass Menschen, die genau so waren wie wir, ein solches Weltbild im Kopf hatten.
Wie nähert man sich einem solchen Charakter?
Sukowa: Mit viel Fantasie. Aber ich habe auch viel gelesen über Hildegard von Bingen und über die Benediktinerregel. Und ich habe die Bibel gelesen, insbesondere die Psalmen, die für Hildegard eine wichtige Rolle spielten. Man muss Parallelen finden zwischen sich und der Figur, die man spielt.
Welche Parallelen haben Sie gefunden?
Sukowa: Ihre Kompromisslosigkeit. Früher war ich auch sehr kompromisslos. Ich konnte es kaum ertragen, wenn andere Leute nicht so dachten wie ich. Ein Leben in Luxus war mir nie wichtig, ich hatte nie Interesse an großen materiellen Gütern, habe mir nie ein neues, sondern immer ein gebrauchtes Auto gekauft. Aber ich bin im Laufe der Jahre offener und kompromissbereiter geworden, ich lerne zu respektieren, dass es Menschen gibt, die die Dinge anders sehen und ganz anders ticken als ich.
Was schätzen Sie an Hildegard von Bingen?
Sukowa: Dass sie eine Frau war, die sich etwas genommen hat, was ihr die damalige Gesellschaft verwehrt hat. Ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten als Nonne und später als Äbtissin in einem Kloster waren sehr begrenzt. Aber sie hat diese Grenzen gesprengt durch ihre Visionen. Sie hat es geschafft, dass ihre Visionen von der Institution der Kirche anerkannt wurden und sie hat sich einen Freiraum geschaffen, in dem sie sich im modernen Sinne verwirklichen konnte. Immerhin hat sie die Bibel ausgelegt, Predigtreisen unternommen und ein Kloster gegründet. Sie war eine Frau mit sehr wachem Intellekt, sie war zielstrebig, hartnäckig und kraftvoll trotz ihrer physischen Schwäche. Sie war eine Kämpferin, die wusste, wie sie zum Ziel kommt und die sich oft klein gemacht hat in der Männerwelt dieser Kirche, um gehört zu werden. Das hat sie sehr raffiniert eingefädelt und sie hat auch geschickt manipuliert.
Sind Sie religiös?
Sukowa: Nicht in dem Sinn, wie es von der Kirche vorgesehen ist. Ich habe auch noch keine tief religiösen Erfahrungen gemacht.
Glauben Sie trotzdem, dass mehr Dinge zwischen Himmel und Erde existieren, als die Wissenschaft belegen kann?
Sukowa: Ich halte die Trennung von Wissen und Glauben für sinnlos. Wir glauben alle ständig an irgendetwas. Wir machen uns Vorstellungen von etwas. Und alle 100 Jahre wird das, was wir als Wissen bezeichnen, wieder umgestoßen und als Glaube oder Irrtum deklariert. Wissenschaftler erklären uns ständig etwas Neues, neue Erkenntnisse verdrängen die bisherigen. Wir behaupten etwas zu wissen, dabei glauben wir nur. Ich glaube, dass es etwas Größeres gibt und dass wir Menschen nicht die Krone der Schöpfung sind. Wir sind Teil einer Kette und können nicht so weit vorausschauen, selbst mit Teleskopen nicht.
Im Film singen Sie. Was halten Sie von der Musik, die Hildegard von Bingen geschrieben hat?
Sukowa: Ich mag diese Musik, es ist eine schöne und für die Zeit ein wenig ungewöhnliche Musik. Sie hat etwas sehr Heiteres und Spirituelles. Hildegard von Bingen folgte in ihren Kompositionen nicht den Regeln ihrer Zeit. Ob ihr das bewusst war oder ob sie es nicht anders konnte, weiß man nicht so genau. Es fiel mir jedenfalls nicht schwer, diesen Part zu singen.
Könnten Sie sich vorstellen, noch ein bisschen tiefer in das Klosterleben einzutauchen?
Sukowa: Ja, so etwas würde ich gerne einmal machen. Raus kommen aus dieser von Reizen überfluteten Welt und eintauchen in die Stille eines Klosters, um abzuschalten, das fände ich sehr schön. Aber ich glaube, dass dazu vier bis sechs Wochen nicht ausreichen. Außerdem hat das nichts zu tun mit dem wirklichen Leben im Kloster und dieser Verpflichtung zu Gott. Es ist schon etwas Anderes, wenn man Jahre im Kloster verbringt und weiß, man kommt und will nicht wieder heraus.
Sie leben in New York, haben Rollenangebote aus Hollywood abgelehnt. Bereuen Sie das?
Sukowa: In Amerika möchte ich nicht Schauspielerin sein. Hier in Deutschland haben wir wunderbare Theater, tolle Literatur. In Amerika wird es nicht honoriert, wenn man Shakespeare und Schiller spielt. Dort träumt man davon, Filmstar zu werden. Dort muss man diese Lust auf Berühmtheit haben. Das passt nicht zu mir, dazu bin ich nicht gemacht.
Barbara Sukowa (Jahrgang 1950) arbeitete zu Beginn ihrer Karriere mit Rainer Werner Fassbinder (Berlin Alexanderplatz) und seit den 1980er Jahren mit Regisseurin Margarethe von Trotta. Sie wurde für ihr Spiel mehrfach ausgezeichnet - auch als Sängerin, die den Spagat zwischen Klassik und Rock schafft. Seit Anfang der 1990er Jahre lebt die gebürtige Bremerin mit ihrem Mann Robert Longo, mit dem sie einen Sohn hat, in New York.