Von news.de-Redakteur Christian Vock
Gleich mit ihrem Debütalbum Beautiful Freak haben die Eels Erstaunliches hervorgebracht. Ein Album, das den Hörer zwischen Schwer- und Lebensmut hin und her reißt und gleichzeitig ein wahres Kleinod der Popmusik ist.
Wenn alle Hoffnung verloren scheint, wenn der Zweifel und das Gefühl des Verlassenseins am größten sind, und man meint, man könne nicht mehr tiefer fallen, dann nennt man das die «Mitternacht der Seele». Doch genauso wie die Sonne um Mitternacht die Dunkelheit verlässt und einem neuen Tag entgegen strahlt, erfährt auch die menschliche Seele an diesem tiefsten Punkt der Verzweiflung eine Umkehr, fasst neuen Mut und schöpft Hoffnung.
E, Kopf der Eels und qua Geburt eigentlich Mark Oliver Everett, wird diesen Punkt nur allzu gut kennen, erkrankte seine Schwester doch kurz vor Beginn der Arbeit an Beautiful Freak an schweren Depressionen, bei seiner Mutter wurde Lungenkrebs festgestellt. Mit ihrem Debütalbum ziehen Everett und seine beiden damaligen Kollegen Jonathan Norton und Tommy Walter den Hörer mitten hinein in diese Seelenwende, reißen ihn hin und her zwischen tiester Melancholie und aufkeimenden Lebenswillen. Genau das ist das Besondere an Beatiful Freak.
Das Trio mixt E-Gitarrenklänge mit ungewöhnlichen Instrumenten zu eingängigen, aber dennoch neu klingenden Popmelodien. So gleich beim ersten Titel Novocaine For The Soul, wenn harte Gitarren über sanft eröffnende Xylophontöne herfallen, um dann von Everetts Stimme miteinander versöhnt zu werden. Oder Susan's House, in dem Rockgitarren und Keybordklänge mit Sprechgesang und Straßengeräuschen vor den verblüfften Ohren zu einem einzigartigen Gesamtwerk zusammenfinden. Die drei Aale (Eels) führen so den Hörer, mal rockig mal ruhiger, durch beeindruckende Klangmixturen, ohne sich aber von prahlerischen Tonexperimenten verführen zu lassen und schaffen so ein Album, das auf jegliches Füllmaterial verzichtet und deshalb umso stärker trifft.
Unnötg zu erwähnen, dass sich in den Texten, sicher geprägt von Everetts Biographie, keinerlei Liebes-Blabla versteckt, sondern sich die damalige Gefühlswelt des Sängers widerspiegelt. Und dennoch: Beautiful Freak, und das ist das Erstaunliche an diesem Album, erzeugt keine Stimmungen, es verstärkt sie. Ist man gut gelaunt, geben die Lieder Kraft und Hoffnung. Ist man traurig, ziehen sie einen hinab in die Tiefen der eigenen Ängste, reichen aber stets den Strohhalm, spenden Trost als legte man eine Wärmflasche ans erfrierende Herz. Denn was könnte mehr Mut stiften als diese Zeilen: «One day the world will be ready for you and wonder how they didn't see...» Oder wenn Everett in dem minimalistischen Flower, begleitet von einem sanften Kirchenchoral, singt: «... when i came into this world they slapped me. And everyday since then i'm slapped again. Tomorrow's king: an unsightly coward - you see, I know i'm gonna win.»
Es gibt Platten, die hört man und vergisst sie sofort wieder. Dann gibt es welche, die hört man, kauft sie vielleicht und springt dann zwischen den Liedern hin und her, pickt sich die Rosinen heraus. Und dann wieder gibt es Platten, und das ist sicher der seltenste Fall, die hört man und verliebt sich sofort in sie, hört sie wieder und immer wieder. Beautiful Freak ist eine solche Platte. Sollte man also die obligatorische Frage gestellt bekommen, welche zehn Platten man auf eine einsame Insel, oder in diesem Fall besser in eine Sinnkrise, mitnehmen würde, Beautiful Freak sollte dabei sein - und zwar zehn Mal.
Titel: Beautiful Freak
Interpret: Eels
Plattenfirma: Dreamworks Records
Erscheinungsdatum: 1996