taz-Preisverleihung
Panter mit Beißhemmung

Verkehrte Welt: Für einen Abend ist die taz ganz zahm. Sie verteilt Geld, faucht keinen an und alle haben sich lieb. Wenn dann noch eine Bayerin im Dirndl einen Preis abräumt, steht die Raubkatze endgültig Kopf.

Panter mit Beisshemmung   Bild: news.de

Eine Dame im Dirndl steht auf der Panter-Preis-Bühne der tageszeitung aus Berlin. Das hatte es in der fünfjährigen Geschichte der Auszeichnung, die sich den Helden und Heldinnen des Alltags widmet, nun wirklich noch nicht gegeben. Die Verzückung über das schiefe Bild währte im sehr gut gefüllten Saal jedoch nur so lange, bis Bettina Theresa Ismair begann, von ihrer Leidenschaft zu erzählen.

Einer Leidenschaft, die alle Nominierten des Abends in unterschiedlicher Art und Weise teilen - anderen Menschen auf ehrenamtlicher Basis zu helfen. Sie erzählte von drei afghanischen Asylbewerberkindern, die in der ersten Klasse ihres Sohnes auftauchten und nichts mehr besaßen als das, was sie am Leib trugen.

Bei anderen Eltern setzten die afghanischen Kinder ganz andere Energien frei. Bettina Theresa Ismair blickt zurück, dabei hatte sie längst das Herz des Publikums gewonnen. Sie erzählt, dass einige ihrer ersten Ansprechpartner keine Kleidungsstücke zusammensuchten, sondern bis hin zur oberbayerischen Landesregierung stürmten, um die Markt Schwabener Neuankömmlinge irgendwo nur nicht eben da zur Schule zu schicken. Erst Recht hatte sie die Sympathien, als sie nach der Abmoderation durch Jörg Thadeusz von einer elfjährigen Ungarin berichtet, die an Skoliose - einer Verbiegung der Wirbelsäule - erkrankt sei und schnellstens 3000 EUR für ein Korsett benötige.

FOTOS: taz-Preisverleihung Panter mit Beißhemmung

Diese spontan erzählten und eben nicht vom Zettel abgelesenen Geschichten aus dem Alltag sind es, die den taz Panter Preis ausmachen. Eine inzwischen recht pompöse Gala, die im große Bühnen liebenden Berlin allerdings nur eine Nebenrolle spielt. Fast nie ein Politiker, keine – zumindest nicht – durch Blitzlichtgewitter angezogene Promis und wenn überhaupt, dann handverlesene externe Medien. Der Panter Preis ist, ähnlich wie die dahinter steckende überregionale Tageszeitung taz, eben ein Liebhaberstück. Aus Überzeugung unangepasst, streitbar und kritisch. Und durchaus abgegrenzt, wie kürzlich Moderator Thadeusz stellvertretend bewies.

Er schickte am Freitag vor einer Woche tatsächlich die Hundertausenden Zuschauer der RBB-Talksendung Dickes B. in den Schlaf, ohne auch nur am Rande auf den Panter hinzuweisen. Dabei wären um die zehn Minuten Zeit gewesen, schließlich unterhielt sich der fünfmalige Panter-Moderator so lange mit Schauspielerin Maren Kroymann, die an diesem Samstag wiederum für die Heldinnen und Helden mit ihrer Band spielte. «Allein wegen meiner gewachsenen persönlichen Verästelung zu den Machern wollte ich das nicht», sagte Thadeusz, der herrlich erfrischend mit der Journalistin Bettina Rust durch den Abend führte, der so textlastig und gleichsam unterhaltend war wie zwei gute Stunden Deutschlandfunk.

Mit den Freunden des Hauses, den Mitarbeitern des Verlages, den Bekannten der Nominierten und ganz normalen Gästen kamen also auch ohne crossmedialen Werbe-Bohei um die 1000 Besucher zusammen. Und die lauschen im internen Kreis gern denen, die überraschend selten aus der direkten taz-Leserschaft kommen aber dennoch bestens ins Bild des Panter Preises passen.

Personen wie Ole Seidenberg, ein als Socialblogger im Internet aktiver Student aus Hamburg, der einem Obdachlosen zuhörte. Er startete die «Aktion Uwe» und brachte den sozial gestrandeten Mann auf den Weg, dessen Traum von einem Nachtcafé für Menschen ohne Bleibe anzupacken. Mittlerweile hat Uwe eine Wohnung, viel zu tun und einen mit 10.000 EUR dotierten Preis gewonnnen. Seidenberg zog es derweil nach Berlin, wo er mit Freunden eine Social Media Agentur gründete.

Nur am Rande: Der Blogger ging bei der Preisverleihung bei dem per Online-Voting vergebenen Publikumspreis tatsächlich leer aus. «Ich wollte keine Kampagne starten, um das Rennen für mich zu entscheiden. Die taz-Leser sollten entscheiden», so der ehrliche Seidenberg, der eben nicht per Facebook, Twitter oder Xing um das Preisgeld kämpfte.

Apropos Preisgeld. Dies bekam in Höhe von 5000 EUR am Ende des Abends als Gewinnerin der Leser-Wertung Jessica Groß aus Berlin. Stellvertretend freute sie sich für eine Gruppe von Ärzten und Ärztinnen, die vor 13 Jahren in der Hauptstadt das Medibüro gegründet haben und seither etwa 1000 Patienten ohne gültige Papiere jährlich an behandelnde Ärzte vermitteln. Jessica Groß: «Das große Ziel ist die Umsetzung des inzwischen schon politisch diskutierten anonymen Krankenscheins. Der Preis motiviert uns daher auf dem Weg, uns selbst überflüssig zu machen.»

Und dann war da noch die zweite Gewinnerin des Abends: Bettina Theresa Ismair. Ihr wurden als Siegerin der Kategorie «Jurypreis» der von einer der Organisatorinnen höchst persönlich modellierten Panter-Figur und eine Geldspende aus der Panterstiftung über 5000 Euro überreicht.

Damit nicht genug: Als der Prototyp einer bayerischen Halbtagsbeschäftigten die Bühnentreppe vorsichtig hinabstieg, wartete dort ein anonymer Spender. Ein Arzt, der Bettina Theresa Ismair zusicherte, die 3000 EUR für das Korsett des elfjährigen ungarischen Mädchens sofort zu zahlen. Im Alter der heranwachsenden Migrantin, deren Krankenkasse Unregelmäßigkeiten festgestellt hat, zähle nämlich jeder Tag. Bettina Theresa Ismair: «Ich bin überglücklich. Erst einmal werde ich für Jungs Fußballschuhe kaufen und alle ins Kino einladen. Davon können die Kinder nämlich nur träumen.»

sgo/iwe/news.de

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