Das Abrisskommando
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Von news.de-Redakteur Christian Vock
Artikel vom 18.09.2009
Die Berliner Mauer steht wie keine andere Mauer als Symbol für die Brutalität des Trennens. Der Schriftsteller Michael Reynolds hat für sein Buch «Mauern» Autoren versammelt, um darüber zu schreiben. Ein Team, gekommen, um sie abzureißen.
Mauern, sie sind überall. Sie prägen unser Leben. Sie stehen rum, stehen da, stehen im Weg. Man könnte fast meinen, dort wo der Mensch ist, baut er zuerst eine Mauer. Schließlich könnten ja andere Menschen kommen, vor denen es sich lohnt, von einer Mauer geschützt zu werden.
In diesen Tagen, in denen sich der Fall der Berliner Mauer zum 20. Mal jährt, spüren wir die Gewalt, die von Mauern ausgeht, besonders stark. Umso stärker aber spüren wir auch die Kraft, die mit der Überwindung der Mauer freigesetzt wird.
Genau dieser Kraft widmet sich Michael Reynolds mit seinem Buch Mauern, für das er bekannte Autoren aus ganz Europa gewinnen konnte. Um Missverständnisse gleich auszuschließen: In den Kurzgeschichten geht es nicht um eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Konstrukt Mauer. Es gibt kein Abwägen, kein Für und Wider, kein Rechtfertigen. Die Texte, die Reynolds über Mauern gesammelt hat, sind Zehn Geschichten, sie zu überwinden, wie er im Untertitel gleich klar macht. Die Mauern, um die es ihm geht, die sind nicht bunt gestrichen, noch nicht einmal schwarz-weiß, nein, sie sind tiefschwarz.
Trotz des gemeinsamen Tenors ist jeder der Autoren seine Aufgabe völlig anders angegangen. So erzählt Didier Daeninckx von einem Diktator, dessen Antrieb, eine Mauer zu bauen, aus seiner Kindheit kommt, als er mit Legosteinen spielte. Andrea Camilleris Geschichte handelt von einem reichen Mann, der sich so sehr vor Menschen fürchtete, dass er sich vor lauter Angst nach und nach selbst einmauerte. Der Kurztext Der andorranische Jude von Max Frisch, den Reynolds für seine Sammlung gefunden hat, widmet sich den Mauern in den Köpfen der Menschen.
So unterschiedlich die Herangehensweise, so ähnlich ist jedoch die Sprache der Geschichten gehalten. Hier werden stilistische Fingerübungen der Klarheit der Aussage untergeordnet. Der Fabelcharakter der Texte legt nahe, dass damit auch und gerade das junge Publikum angesprochen werden soll. Umso mehr, da die Texte in einem Verhältnis von fast 1:1 von Illustrationen unterstützt werden. Die in Stil und Farbe klar, aber düster gehaltenen Bilder von Henning Wagenbreth strotzen nur so vor Symbolkraft. Hier wimmelt es von Grenzzäunen, Wächtern, Soldaten und Schäferhunden, was der ohnehin schon standfesten Aussage zusätzliche Stütze ist.
Doch die vorgegebene Stoßrichtung bietet auch Fallstricke, nämlich gerade in den Geschichten, in denen unter dem Fabelgewand versucht wird, die Aussage mit parteipolitischen Farben anzustreichen. Wie bei der Geschichte von Olga Tokarczuk, bei der ein Grenzwächter einer Flüchtlingsfamilie beim Grenzübertritt hilft. Zugegeben, beim Thema Mauern liegt ein solcher Pinselstrich nicht fern, mag legitim erscheinen, raubt der Intention des Textes aber ihre Kraft, weil er sie dem politischen Diskurs unterwirft.
Dennoch: Mit Mauern ist Michael Reynolds und seinem Abrisskommando eine Textsammlung gelungen, die mit ihren eindringlichen Geschichten und wirkungsvollen Bilder gerade in diesen Tagen umso kräftiger wirken kann. Denn sie seziert die Mauern dieser Welt, trägt sie Stein für Stein ab und zeigt, woraus so viele Mauer gemacht sind: aus Steinen aus Vorurteilen, zusammengehalten von einem Mörtel aus Angst.
Titel: Mauern
Herausgeber: Michael Reynolds
Autoren: Max Frisch, Andrea Camilleri, Heinrich Böll, Ingo Schulze, Elia Barceló u.a.
Bilder: Henning Wagenbreth
Verlag: Jacoby und Stuart
Seitenzahll: 96 Seiten, gebunden
Preis: 16,95 Euro
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