Von news.de-Mitarbeiter Mathias Liebing
Die Fußballsendung ran ist zurück im deutschen Fernsehen. Nachdem das Format in den 1990er Jahren die Bundesliga-TV-Berichterstattung nachhaltig veränderte hatte, ist die Show auf Sat.1 nun der Free-TV-Begleiter durch Champions und Europa League.
Erster Gratulant bei der Sat.1-Re-Premiere war Franz Beckenbauer. Der, der nicht fehlen darf, wenn im deutschen Fernsehen über großen Fußball gesprochen wird, soll nun regelmäßig als Experte bewerten, was sich auf den Fußballplätzen Europas bis in den kommenden Mai hinein abspielen wird. Immerhin nahm es die Crew hinter den Kameras am Mittwochabend mit Humor: Denn platziert wurde Beckenbauer auf der Haupttribüne der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena zwischen zwei hübschen Damen, die zwar keine Sprechrolle hatten, aber dennoch nicht ohne Aussagekraft daherkamen. Schließlich war es in den 1990er Jahren einer der großen Kritikpunkte an der ran`schen Fußball-Berichterstattung, dass in manchem Bundesliga-Spielbericht mehr Spielerfrauen großformatig auf der VIP-Tribüne als taktische Spielzüge auf dem grünen Rasen gezeigt wurden.
Der Kaiser, der pro Halbzeit zweimal von Kommentator Wolff-Christoph Fuss zur Analyse eingeschaltet werden musste, war von seiner zentralen Rolle in der Dreier-Kette offenbar aber tief beeindruckt. Denn schon Ende der ersten Halbzeit, als der VfB Stuttgart gegen die Glasgow Rangers relativ sicher mit 1:0 führte, wollte Beckenbauer schlicht nach Hause gehen. Vorausgesetzt, der VfB hätte in der zweiten Hälfte gegen ach so schwache Schotten das zweite Tor nachgelegt. Das taten sie aber nicht, stattdessen spielten sich die Rangers gegen zusehends kleinlauter werdende Schwaben immer mehr in den Vordergrund. Dies ließ wiederum die einstige «Powered By Emotions»-Regie in die nächste längst verstaubt geglaubte Mottenkiste greifen: Immer und immer wieder blendeten sie einen schottischen Fan ein, der sich im Stuttgarter Scheinwerferlicht oben ohne sonnte und vollkommen unbritisch unfreundlich seinen Hintermännern die Sicht nahm, weil er vermutlich auf zwei Whiskey-Kisten oder dann doch nur auf einer Sitzschale stand.
Auszuhalten haben die Zuschauer bei ran-reloaded aber auch noch ganz andere Martyrien: Das etwa gleichgewichtete Verhältnis zwischen redaktionellen Beiträgen in der halben Stunde vor der Partie und Werbung ist schon hart, brutal wird es dann in der Halbzeit. Nur etwa eine Minute lang darf der wie immer locker und sympathisch auftretende Moderator Oliver Welke die zur Refinanzierung der teuren Champions-League-Rechte nötigen TV-Spots und die direkt mit den Königsklasse-Sponsoren verbundenen Werbeeinblendungen unterbrechen. Weil dies aber nicht reicht – ran verabschiedete sich ja bekanntlich 2003 nur deshalb von der Bundesliga, weil sich schlicht die Rechteinvestitionen nur etwa zur Hälfte über Werbung einspielen ließen – dürfen die Zuschauer ran. Mit einer als Gewinnspiel getarnten Umfrage sollen von zu Hause aus pro Anruf 50 Cent in die Sat.1-Kasse geworfen werden, um Welke, Beckenbauer und die Bilder von den besten Fußballspielen Europas mitzubezahlen.
Aber es ist wahrlich nicht alles schlecht an der Wiedergeburt von ran. So erweist sich der sogenannte «Piero», ein 3D-Grafik-System, als guter Schachzug. Denn mit Hilfe der Technik lässt sich sehr anschaulich auch für die Oma auf der Couch erklären, warum der VfB Stuttgart nur bei den entscheidenden beiden der insgesamt 15 schottischen Ballkontakten, die zum 1:1-Ausgeich in der 77. Minute führten, gepennt hatte. Auch Kommentator Fuss macht Spaß und kann glänzen, wenn er sprachlich sicher das schottische Spiel eher zur Schlachterplatte einordnet, denn zur Haut Cuisine. Auch die ab und an eingeblendeten statistischen Werte nutzen mehr als dass sie nerven, was auch auf die vorsichtig aber nicht ungeschickt auftretende Field-Reporterin Andrea Kaiser zutrifft. Auch wenn sie mit dem im Vergleich redegewandten Nationalspieler Thomas Hitzlsberger einen dankbaren Gesprächspartner fand. Schön anzusehen ist nicht zuletzt auch die aufgefrischte ran-Grafik, bei der das a nun unten offen ist.
Revolutionär wie vor knapp zwanzig Jahren, als ran in Kombination mit Anpfiff von RTL die Bundesliga aus der ARD-Mottenkiste befreit hatte, ist das alles nicht. Jedoch gelten die damals gesetzten fernsehmedialen Standards fast alle eben auch noch heute. Insofern bleibt sich ran im Jahrzehnte-Vergleich weitestgehend treu. Viele bunte Werbebilder, ein Hang zur boulevardesken Oberflächlichkeit und der Mut, etwas auszuprobieren, werden mit kompetenten und sympathischen Gesichtern und Stimmen durchaus erträglich dargeboten. Und am Ende geht es ja um den besten Fußball Europas, der immerhin bis auf die Gewinnspiel-Einblendung ungestört über den Bildschirm flimmert. Ob es bei der soliden Qualität bleibt, wird sich schon am Donnerstagabend zeigen. Denn kurz vor 19 Uhr meldet sich Oliver Welke vom Europa-League-Schauplatz Wien, wo Rapid gegen den Hamburger SV spielt, um dann den Moderatoren-Staffelstab an Andrea Kaiser abzugeben, die auf Madeira das Spiel zwischen Nacional Funchal und Werder Bremen in warme Worte einbettet. Ein Trost: Franz Beckenbauer wird definitiv nicht an beiden Spielorten als Experte mit von der Partie sein können. Schließlich ist weder Weihnachten, noch WM, sondern Cup der Verlierer, der jetzt Europa League heißt.
voc/news.de