Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Kaum eine Gattung ist im Kino der vergangenen Jahre so erfolgreich gewesen wie der Animationsfilm, für den vor allem ein Name steht: Pixar. Streifen wie Toy Story, Die Monster AG oder Wall-E aus der Disney-Schmiede waren Kassenschlager. Fraglich ist jedoch, ob es den Animationsfilm überhaupt gibt.
Niemand vor ihm war je so flauschig. Als James P. «Sulley» Sullivan 2001 in der Monster AG sein blaues Fell in die Kamera hielt, ging ein Raunen durch die Reihen der Kinobesucher. So viele Haare! Da war das, was gemeinhin als Animationsfilm bezeichnet wird, gerade einmal sechs Jahre alt. 1995 hatten die Pixar-Studiosmit Toy Story den ersten abendfüllenden Spielfilm in die Kinos gebracht, der ausschließlich am Computer entstanden war. Ein Riesenerfolg.
Einer, der dafür maßgeblich mitverantwortlich ist, ist John Lasseter. 1957 ausgerechnet in Hollywood geboren, arbeitete er lange für Disney und war an Zeichentrickfilmen wie Cap und Capper und Mickey & Christmas Carol beteiligt. 1984 folgte die Trennung von Disney, zwei Jahre lang lernte er beim Krieg-der-Sterne-Erfinder George Lucas und dessen Schmiede Lucasarts. Mit dem Apple-Erfinder Steve Jobs und Ed Catmull zusammen gründete er schließlich 1986 die Produktionsfirma Pixar im kalifornischen Emeryville. Im gleichen Jahr schon kam der Durchbruch. Der Drei-Minuten-Trickfilm Luxo Jr. über zwei Lampen gilt als Meilenstein in der Computeranimation und wurde 1986 in Berlin mit dem Berliner Bären in Silber ausgezeichnet und für einen Oscar nominiert. Noch heute ist Luxo Teil des Pixar-Logos.
Das Kapitel Disney aber hatte sich für Lasseter noch lange nicht geschlossen. Seit 1991 arbeiteten die Firmen zusammen, immer wieder gab es Streit um Verwertungsrechte, und schließlich musste sich Pixar sogar von Disney aufkaufen lassen. 2006 wurde das Studio für 7,4 Milliarden Dollar von dem Unterhaltungsgiganten geschluckt. Seine Eigenständigkeit aber konnte sich die Firma bis heute größtenteils bewahren.
Vielleicht mag das auch daran liegen, dass man bei Disney äußerst zufrieden mit Pixar sein dürfte. Neun Filme in 14 Jahren, kein Flop, kaum negative Kritik, alleine da dürften andere Studios neidisch werden. Ein Erfolg, der auf die Philosophie bei Pixar zurückzuführen ist: «Wir sind erst zufrieden, wenn ein Werk wirklich perfekt ist», sagt Lasseter, und man kann beim Anblick der Streifen gar nicht anders, als ihm zu glauben.
Einen Konkurrenten aber gibt es für Pixar: Die DreamWorks-Studios von Steven Spielberg, die neben Spielfilmen auch mit Animationsstreifen wie Shrek, Große Haie – Kleine Fische oder Madagascar Erfolge feierten. Immer wieder gibt es Übernahmegerüchte, bisher aber behielt die Firma ihre Eigenständigkeit. Doch auch zwischen DreamWorks und Pixar gibt es ein noch dünnes Band. Im August gab DreamWorks bekannt, ein neues Studio in Los Angeles bauen zu wollen, daran beteiligt: die Walt Disney Studios, die zukünftig den Vertrieb der Filme übernehmen sollen.
Ob der Animationsfilm allerdings wirklich eine eigenständiges Gattung ist, wird seit einiger Zeit infrage gestellt. Man muss nur an Produktionen wie den Herrn der Ringe, I am Legend oder die Star-Trek-Saga denken, um zu begreifen, dass kaum ein Film heute noch ohne Computeranimationen auskommt. Die Grenzen sind fließend. Sind es manchmal sogar nur einzelne Figuren, Details, manchmal einige wenige Hintergründe, gibt es durchaus Beispiele, in denen der Großteil eines Film animiert wird, mit Ausnahme der Darsteller.
Vor allem aber inhaltlich nähern sich Pixar und andere Studios immer mehr dem klassischen Spielfilm an. Wurden große Trickfilme lange Zeit für Kinder produziert, spielt der moderne Animationsfilm genreübergreifend mit Science Fiction, Westernfilm, Abenteuer und Action. Zielgruppe: 0 bis99.
Ein Opfer aber gibt es dabei: Den klassischen Zeichentrickfilm. Und der Kampf des von Hand gezeichneten gegen den computeranimierten Film scheint auch schon entschieden, obwohl sich Lasseter bei Disney wieder für die alte Schule stark macht. Immer weniger Zeichentrick wird produziert,in Deutschland versuchte in den vergangen Jahren vor allem die Firma Trickompany mit Filmen wie der Werner-Reihe oder den Streifen Derrick – Die Pflicht ruft und Dieter – Der Film, diesen Trend aufzuhalten. Mit wenig Erfolg.
Hinter den Filmen von Pixar oder Dreamworks hingegen steckt ein hoher Anspruch. Nicht umsonst sprach Lasseter in einem Interview einmal vom Animationsfilm als der modernsten Kunstform. Beweis dafür ist auch das Festival Ars Electronica, das jährlich im österreichischen Linz stattfindet. Weitab von Kassenschlagern und der klassischen Unterhaltungsbranche zeigt das Festival Computerkunst aus allen Bereichen und zeichnet sie mit dem Prix Ars Electronica aus, einem Preis, den auch der Pixar-Streifen Luxo Jr. einst erhielt.
Eines aber haben all die Filme gemeinsam, diejenigen, die Pixar produziert, die großen Blockbuster wie Der Herr der Ringe und teilweise sogar die Computerkunst auf der Ars Electronica: Das Ziel der Glaubwürdigkeit. Roland Emmerich, ein Regisseur, der mit Streifen wie Godzilla, 10.000 BC oder The Day After Tomorrow wie kaum ein anderer auf den Computer gesetzt hat, sagte der Süddeutschen Zeitung vor zwei Jahren: «Im Film geht es doch nicht um schöne oder schön ausgedachte Bilder, sondern um Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Vertrauen.» Und das gewinne man nicht mit Effekten oder Technik, sondern mit überzeugenden Charakteren, einer guten Geschichte und einer starken Besetzung. «Erst wenn die Bilder bedeuten, dass eine gezeigte Realität möglich ist, dann gelingt ein Film.»
Für die Pixar-Streifen dürfte die Besetzung sogar der wichtigste Faktor sein. Flauschige Monster, sympathische Fischer oder kochende Ratten sind Sympathieträger für das große und Freunde für das kleine Publikum. Und die Zuschauer, die den Auftritt von James P. «Sulley» Sullivan in der Monster AG sah, dachte wohl nicht nur «So viele Haare!», sondern auch: «Knuddeln!»
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