Von news.de-Redakteur Christian Vock
Mit Lipstick Jungle startet ProSieben eine weitere Serie mit New Yorker Powerfrauen. Doch was auf den ersten Blick wie Sex And The City aussieht, ist der Erfolgsserie in allen Belangen unterlegen.
Zugegeben, wenn bis in die Haare aufgestylte Frauen auf dem Bildschirm durch die Großstadt stöckeln und sich nach Feierabend bei einem Cocktail über die eigene Karriere und die Männerwelt ausheulen, dann liegt der Vergleich zur Serie Sex And The City nahe. Noch näher liegt er, wenn die Autorin der Buchvorlage auch noch die gleiche ist: Candace Bushnell.
Als vor über zehn Jahre eine gewisse Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) als Sexkolumnistin mit ihrer exaltierten Plappertruppe New York aufmischte, da war alles neu: die Charaktere, die Themen, die Kleider, das Set-Design, das ganze Gehabe, kurz, Sex And The City war hip. Sechs Staffeln lang erfreute das Damen-Quartett vor allem das weibliche Publikum, bis Parker 2004 ihre Manolo Blahniks ins Schuhregal stellte.
Das Sex-And-The-City-Konzept kam beim Zuschauer so gut an, dass man nicht lange fackelte und entsprechende Nachfolgeserien ins Quotenrennen schickte. Zum Beispiel die ABC-Serie Cashmere Mafia mit Lucy Liu und beim Konkurrenten NBC eben Lipstick Jungle, das nun heute Abend bei ProSieben zu sehen ist.
Dort dreht sich alles um drei sogenannte Powerfrauen, also diejenigen, die Liebesleben und Karriere unter einen Hut kriegen, beziehungsweise kriegen wollen. Die drei Damen gehören zu den mächtigsten 50 Frauen New Yorks: Da ist die Filmproduzentin Wendy Healy (Brooke Shields), die unbedingt Leonardo DiCaprio für einen neuen Film an Land ziehen soll, die gerade von der Kritik abgewatschte Designerin Victory Ford (Lindsay Price) und die Chefredakteurin des Magazins Bonfire, Nico Reilly (Kim Raver), deren Berufs- und Liebesleben gerade auf der Kippe steht. Das Sex-And-The-City-Menü ist also angerichtet und mit ein bisschen Desperate Housewives – Wendy Healy hat Mann und Kinder – abgeschmeckt.
Doch was die Macher da zusammengeköchelt haben, ist alles andere als ein Leckerbissen. Denn Aufgewärmtes schmeckt immer schlechter. Und Lipstick Jungle schmeckt nicht nur aufgewärmt, sondern fast schon nach Mikrowelle. Alles, was bei Sex And The City Spaß machte, wirkt hier abgestanden, wie die Klamotten, die man von den älteren Geschwistern auftragen musste. Die Dialoge lassen jeglichen Geschmack vermissen, dem ganzen Design fehlt es an Esprit und was uns da als Frauenpower oder Powerfrauen verkauft werden soll, sieht bei Lipstick Jungle so aus: Designerin Ford wird von einem Milliardär ausgeführt, der das gemeinsame Date, weil er nicht nur wirklich reich, sondern auch wirklich wichtig ist, von seiner Sekretärin arrangieren lässt. Auf Victorys leicht angesäuerte Frage, warum er sie nicht selbst angerufen habe, antwortet der reiche Schnösel mit dem Hinweis, dass eine Minute seiner Anwesenheit eigentlich 5000 Dollar koste, er aber jetzt nur Zeit mit ihr verbringe, weil er das gerade will. Statt ihm bei so viel Charme die Champagnerflasche überzuziehen, verfällt Victory dem Milliardär und wir der Frage, was sich die Produzenten bei dieser Serie gedacht haben.
Wenn man sich schon daran wagt, das Konzept einer der erfolgreichsten Fernsehserien zu übernehmen, dann sollte man sich einiges einfallen lassen. Denn bei allem Respekt, nicht nur das Fernsehen hat sich weiterentwickelt, sondern auch der Zuschauer. In den USA gab es für Cashmere Mafia nach nur einer Staffel das Aus, Lipstick Jungle wurde in der Mitte von Staffel zwei abgebrochen. Heute Abend wird man auch in Deutschland sehen, warum.
Lipstick Jungle, ab 16. September, 21.15 Uhr, ProSieben
bla/news.de