Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
56 Tage ist die Absage der Musikmesse Popkomm her. 56 Tage, in denen Andreas Gebhardt all2gethernow mitorganisierte, ein Musik-Barcamp. Im Interview spricht er darüber, warum er sich nicht an der Popkomm abarbeiten will und warum es bei Musik nicht nur um Krise geht.
Sind Sie sauer, dass die Popkomm abgesagt wurde?
Gebhard: Ich bin sauer auf die Begründung. Wer von der digitalen Krise spricht, hat den letzten Schuss nicht gehört.
Hätte all2gethernow auch stattgefunden, wenn die Popkomm nicht abgesagt worden wäre?
Gebhard: Überhaupt nicht. Die Planungen begannen an dem Tag, an dem die Popkomm abgesagt wurde. Erst war es eine Idee, dann eine Idee, die viele gut fanden, dann ganz viele und jetzt ist die Bude hoffentlich voll die nächsten Tage.
Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?
Gebhard: Auf der Teilnehmerliste, die wir jetzt haben sind irgendwie 600 Leute. Das ist aber noch ohne Tageskasse und der letzte Run geht jetzt erst los.
Was glauben Sie, kann die Veranstaltung erreichen?
Gebhard: Dass die neuen Distributionswege, die spannend und innovativ sind, stärker in der Öffentlichkeit präsent werden. Und zeigen, dass es schon eine neue Musikökonomie gibt. Es wird ja so getan, als wäre alles im Argen. Nein, wir wollen auch gute Beispiele zeigen und da gibt es eine ganze Reihe.
Genau das wirft Ihnen der Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie, Stefan Michalk, vor. Er befürchtet, dass «nur wieder die wenigen Einzelbeispiele erfolgreicher Selbstvermarktung zelebriert» werden könnten.
Gebhard: Ist das denn negativ?
Finden Sie es negativ?
Gebhard: Ich finde es nicht negativ, wenn man zeigt, was es Gutes gibt und gemeinsam daran arbeitet, noch bessere Konzepte zu entwickeln. Das ist ja auch das Konzept unserer Veranstaltung, dass wir jedem die Möglichkeit geben, sich an der Diskussion zu beteiligen und eben keine hohen Hürden aufbauen und alle einladen, mitzumachen.
Es wird sogar eine Veranstaltung geben, wo Sie darüber diskutieren, wie in Zukunft Treffen der Musikbranche aussehen sollen. Wollen Sie der eingesessenen Popkomm zeigen, wie man es richtig macht?
Gebhard: Ach, naja. Wir sagen immer, das Musikpodium ist tot. Gerade bei der Popkomm waren jedes Jahr die selben Personen dabei, die Pressemitteilungen konnte man nebeneinander legen und nur das Datum und wenige Schlüsselwörter wurden geändert. Von daher arbeiten wir mit komplett neuen und anderen Formaten, wie zum Beispiel den Rapporteuren, die nach zwei Tagen Barcamp davon in einer Konferenz berichten. Also ganz klar: Wir arbeiten uns nicht an der Popkomm ab, warum auch, die ist in Berlin sowieso nie richtig angekommen.
Auf welches Thema freuen Sie sich besonders?
Gebhard: Das ist so eine coole Journalistenfrage, die ich heute schon oft beantwortet habe. (lacht)
Dann will ich es jetzt erst recht wissen.
Gebhard: Am liebsten gehe ich am Donnerstag zu Amanda Palmer, wenn die spielt, ist es nämlich saugeil. Ansonsten kann ich keine Session herausheben, weil ich so viele Sachen gut finde.
Glauben Sie, dass die Themen, die bei Ihnen auf der Tagesordnung stehen und teilweise recht kritisch mit dem Status Quo ins Gericht gehen, auch auf einer Popkomm eine Rolle hätten spielen können?
Gebhard: Anscheinend ja nicht, die haben den Scheiß ja abgesagt. Ich bin da relativ emotionslos, denn wenn man sich vor der Krise wegduckt und den Kopf in den Sand steckt, dann hat man einfach Kredit verspielt. Die Möglichkeit, sich zu verändern, wird ja nicht durch eine Absage besser, sondern eher schlechter.
Wie soll es hinterher mit all2gethernow weitergehen?
Gebhard: Es gibt schon eine Reihe von Gesprächen, um im nächsten Jahr noch etwas Größeres auf die Beine zu stellen, unter dem Oberbegriff Berlin Music Week. Da sind viele Player im Spiel, sodass man da nächstes Jahr ein großes, festivalartiges Gebilde haben wird.
Die Popkomm-Veranstalter scheinen an einer Zusammenarbeit auch nicht ganz uninteressiert.
Gebhard: Das kann ich mir vorstellen, ich hab auch schon mit den Kollegen gesprochen. Aber wir sind halt nicht zusammengekommen. Ich sag immer scherzhaft: «Wir machen hier keine Messe, weil wir nicht in der Kirche sind». Und die Popkomm-Leute kommen aus diesem Old-School-Quadratmeterschubsen und haben mit den Themen relativ wenig zu tun. Es ist natürlich viel Geld investiert worden, um die Popkomm nach Berlin zu holen, das ist jetzt futsch und muss irgendwie wieder kommen. Deswegen haben die da auch einen gewissen Leidensdruck, nochmal etwas zu machen. Ich bin da offen, wenn man auf Augenhöhe arbeitet, gerne.
Habe ich Sie jetzt zu oft nach der Popkomm gefragt?
Gebhard: Find' ich. (lacht) Aber das ist nicht weiter schlimm. Denn wir haben ja auch den Termin gewählt, um uns da zu positionieren und zu sagen: Wir sind die Krise. Also, bezogen auf die digitale.
bla/news.de