Von Nadine Emmerich und news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
«Die Popkomm ist einer der schönsten Termine im Kalender der Musikbranche», schwärmte Kulturstaatsminister Bernd Neumann im vergangenen Jahr. 2009 setzt die Messe aus: zu wenig Aussteller, zu viel «Internetpiraterie». Die Alternativveranstaltung all2ghethernow sorgt dafür, dass in Berlin trotzdem über Musik geredet wird.
Die Absage der Popkomm hat viele Bands eiskalt erwischt. Sie hatten ihre Konzerte beim Festival der Berliner Musikmesse fest eingeplant, die Verträge mit den Clubs waren unterschrieben, die Reisen nach Berlin gebucht. Ein Grund für den Musikunternehmer Tim Renner, die Agentur Newthinking Communications und das Radialsystem V, eine Alternative auf die Beine zu stellen. Vom 16. bis 18. September findet nun anstelle der Popkomm all2gethernow statt: eine Mischung aus Konferenz und Barcamp begleitet von Musik in den Berliner Clubs. Heute Abend wird die Veranstaltung mit einer Party in der Kulturbrauerei eröffnet.
Die Popkomm war wegen sinkender Teilnehmerzahlen abgesagt worden. Dieter Gorny, Gründer und Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, sprach zudem von einem Zeichen gegen «Internetpiraterie». Der Chef des Musikunternehmens Motor Entertainment, Renner, will bei all2gethernow nun aber nicht zum wiederholten Mal darüber reden, wer schuld an der Krise der Branche sei. Jetzt müsse es um Lösungen und neue Möglichkeiten gehen, sagte er. «Wir müssen uns mit Blogs und Web 2.0 auseinandersetzen und können die Lösungen nicht von Panels aus diktieren», sagte der Ex-Vorstandsvorsitzende von Universal Music. Auch die illegale Konkurrenz müsse als Konkurrenz anerkannt werden.
Im Barcamp, das die Veranstalter schlicht «Camp» nennen, werden daher Open-Source-Aktivisten zusammen mit der Gema über die Verwertungsgesellschaft der Zukunft debattieren, Vertreter der Piratenpartei beraten mit Independentmusikverbänden über das künftige Urheberrecht, Politiker treffen auf Musiker und Internetaktivisten. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Runden werden am 18. September im Radialsystem V vorgestellt.
Bei dieser «Conference» werden zudem Modelle aus der Praxis präsentiert: So berichtet ein Vertreter der irischen Isle of Man über die dortigen Erfahrungen mit der Einführung einer Kulturflatrate, die Metropolitan Opera in New York informiert über ihre Umsätze mit Live-Video-Streamings. Vorgestellt werden ferner Bands, die sich durch Hauskonzerte oder Verkäufe von Aktien an ihre Fans mitfinanzieren.
Während die Popkomm nur für Fachbesucher geöffnet war, wünscht sich Renner jetzt möglichst viele teilnehmende Bürger. «Man wird die Lösungen nie ohne die Nutzer der Musik finden», sagte er. Der Eintritt für das zweitägige «Camp» kostet 20 Euro, Tickets für die Konferenz 35 Euro. Die Popkomm war in den vergangenen Jahren regelmäßig vom Bundeswirtschaftsminister sowie vom Kulturstaatsminister eröffnet worden. Bei all2gethernow sind nun stattdessen Regionalpolitiker eingeladen. Auf Spitzenpolitiker habe man mitten im Bundestagswahlkampf bewusst verzichtet, sagte Renner.
«Das Tollste, was wir erreichen könnten, wäre, dass ein paar Lösungen hervorstechen, die weiterentwickelt werden», sagte er. Und hofft, «dass uns allen nach einer Fortsetzung im nächsten Jahr gelüstet». 2010 will sich auch die Popkomm mit neuem Gesamtkonzept zurückmelden.
Ende September oder Anfang Oktober werde die Musikmesse erste Details dazu verkünden, sagte Popkomm-Direktorin Katja Gross. Als Konkurrenzveranstaltung sieht sie all2gethernow nicht. Die Branche brauche einen Platz, um sich auszutauschen. Daher sei es «super, dass sich so schnell so etwas formiert hat». Sie schloss auch nicht aus, dass beide Veranstaltungen künftig «gemeinsame Wege» gehen könnten.
Der Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie, Stefan Michalk, äußerte sich derweil leicht skeptisch zu all2gethernow: «Spannend wird sein, was unterm Strich herauskommt. Werden nur wieder die wenigen Einzelbeispiele erfolgreicher Selbstvermarktung zelebriert und überholte Vorurteile gepflegt oder wirklich neue, nachhaltige Konzepte für die gesamte Musikwirtschaft entwickelt.» Für den Musikstandort Deutschland bedeute eine Aufsplittung in viele regionale Einzelveranstaltungen mit gleichen Inhalten zudem «eher eine Schwächung».
voc/news.de/ddp