Die Toten von Åludden
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 14.09.2009
Skandinavischen Krimis eilt ihr Ruf voraus. Sie gelten als gesellschaftskritisch, psychologisch komplex und zeichnen sich durch ein hohes Tempo aus. Der Schwede Johan Theorin aber scheint sich mit Nebelsturm gegen all das zu sträuben – sein Buch ist eine packende Mischung aus Krimi, Spuk- und Historienroman.
Hof Åludden im Nordosten Ölands hat zwei Leuchttürme. Der südliche von ihnen schickt seit 150 Jahren sein Feuer in die Nacht und weist auch heute noch den Schiffen vor der schwedischen Küste den Weg. Der nördliche aber ist stillgelegt, man erzählt sich, dass er nie leuchtet – außer in Nächten, in denen auf Åludden jemand stirbt.
Zum Leben hingegen scheint der Hof kein guter Ort zu sein. Aus dem Holz eines Schiffswracks erbaut, hat er seinen Bewohnern bisher nur Unglück gebracht. Eigentlich also hätte es Joakim Westin besser wissen müssen. Doch er hat niemanden gefragt, als er mit seiner Frau Katrine und den Kindern Livia und Gabriel von Stockholm nach Åludden gezogen ist.
Und so liegt Katrine eines Tages tot vor den Leuchttürmen im Meer. Ist sie ertrunken? Wurde sie ermordet? Anzeichen dafür gibt es keine, doch der jungen Polizistin Tilda Davidsson kommt der Fall merkwürdig vor. Und auch Joakim findet keine Ruhe, doch das hat noch einen anderen Grund: Die Toten von Åludden. Auf dem Dachboden der Scheune findet er Namen in die Wand geritzt, dutzende Namen und Jahreszahlen. Des nachts glaubt er, Schritte und Stimmen zu hören. Und draußen wird es Winter. Ganz Öland wartet auf den Nebelsturm. Eine tödliche Mischung aus Wind, Schnee und Dunkelheit.
All das kennt Autor Johan Theorin nur zu gut. Schon viele Sommer hat der 1963 in Göteborg geborene Autor auf Öland verbracht. Er kennt die Insel, er kennt ihre Menschen, und er kennt ihre Mythen. Mit Nebelsturm hat er 2008 sein zweites Buch vorgelegt, nun erscheint es auf Deutsch.
So schlicht – fast schon sachlich – Theorin in seinem Stil bleibt, so lebendig, so packend sind seine Geschichten. Wie schon in seinem Erstling Öland lässt der Autor geschickt die verschiedenen Handlungs- und Zeitebenen parallel laufen. Immer wieder wirft er einen Blick auf Joakim und die Familiengeschichte der Westins, immer wieder lässt er Katrines Mutter in Tagebucheinträgen zu Wort kommen, schildert historische Begebenheiten, Anekdoten und Legenden und berichtet von Tildas Ermittlungen.
Und schließlich lässt er noch das Einbrechtertrio Henrik, Tommy und Freddy auf der Bühne erscheinen, ein seltsames Gespann, das sich, das Hirn voller Drogen, mit Gläserrücken und seltsamen Voraussagen des 1947 gestorbenen Okkultisten Aleister Crowley auf seine Beutezüge vorbereitet. Doch was haben die drei mit Katrines Tod zu tun? Und was hat es mit dem Spuk auf sich, dem Henrik ausgesetzt ist, diesem Knacken in der Wand?
All diese Stränge lässt Theorin sich immer wieder überkreuzen und wieder voneinander entfernen und mischt dabei, stilistisch klar und routiniert, den klassischen Krimi mit Spukgeschichten und historischer Erzählung. Die Auflösung indes ist keine im klassischen Sinne. Denn ob die Toten von Åludden wirklich noch um den Hof spuken, ob die alten Legenden wahr sind, das lässt Theorin offen.
Es wundert kaum, dass die Filmrechte für Nebelsturm, das mit Öland die Hälfte eines Quartetts bildet, bereits verkauft sind. Theorin hat nach seinem hochgelobten Erstling ein packendes Buch nachgelegt. Nur selten verliert die Geschichte ihren Spannungsbogen, detailliert skizziert der Autor die verschiedenen Figuren, ihre Macken, Gedanken und Gefühle, detailliert skizziert er die karge und einsame Landschaft und die mal flirrende, mal düster-gespenstische Athmosphäre. So detailliert, dass man beim Lesen meint, das Knacken in der Wand zu hören.
Autor: Johan Theorin
Titel: Nebelsturm
Verlag: Piper
Seitenzahl: 446 Seiten:
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungsdatum: September 2009
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