Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Mein Gott, Charlotte Roche hat «versaut» gesagt! Dabei sollte für Sex-Themen doch Giovanni di Lorenzo zuständig sein. Und dann droht sie einem Gast auch noch rückwirkend mit Prügel? Ein gelungener Einstand der 31-Jährigen bei 3nach9.
Zugegeben, es ist nicht besonders fair, sich bei einer Talkshow wie 3nach9 nur auf die Moderatorin, nur auf Charlotte Roche zu konzentrieren. So viele muss man da ein wenig beiseite schieben, nicht nur Giovanni di Lorenzo, auch die diversen prominenten Gäste. So ein bisschen aber ist Charlotte Roche da auch selbst Schuld, hat sie doch mit der Übernahme der Moderation von Amelie Fried bei Deutschlands ältester Talkshow für etliche Schlagzeilen gesorgt. Aber eben nur ein bisschen. Denn die Schlagzeilen geschrieben haben andere.
In Erinnerung bleiben dürfte dabei vor allem CDU-Frau Elisabeth Motschmann, die ihre Vorbehalte gegen die Autorin der Feuchtgebiete sogar dem Fernsehausschuss von Radio Bremen vortrug – ohne Erfolg. Die Nachfolge steht, und seit gestern weiß man: Es war eine gute Entscheidung.
Am Ende nämlich ist alles gar nicht so schlimm geworden. Im Gegenteil. Zwar fragte Roche den Regisseur Michael «Bully» Herbig, ob er eigentlich noch Filme gucken könne, ohne so einen professionell «versauten» Blick zu haben. Und dem in Polen so erfolgreichen Komiker Steffen Möller sagte sie sogar ins Gesicht, sie finde es «pervers», dass er als Kind schon Klassikfan gewesen sei, damals, als sie noch unvernünftig gewesen sei, hätte sie ihn dafür auf dem Schulhof verprügelt.
Das war es aber auch schon, ansonsten ging es gesittet zu im Studio von Radio Bremen. Zwar philosophierten Herbig und di Lorenzo kurz über intime Details bei Wikinger «Wickie» aus Herbigs neuem Film, und Schlingensief sprach sogar davon, «Scheiße an der Backe zu haben». Roche aber hielt sich bei diesen Punkten raus. Sie tat gut daran.
Den Rest der zwei Stunden überzeugte sie mit einer Fähigkeit, die sie seit ihrer Anfangszeit beim Musiksender Viva auszeichnet, die aber aufgrund der vielen Deutungen ihrer Arbeit so oft in den Hintergrund gerückt wurde: Sie war sie selbst. Da wurde das Krebs-Tagebuch von Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief schonmal über den Klee gelobt und fast schien es, als wollte Giovanni di Lorenzo seiner Kollegin väterlich zur Hilfe eilen, als er einwarf, das sei keineswegs «eine Show für die Talkshow» gewesen. Ein Satz, der für den ganzen Abend gelten durfte.
Charlotte Roche ist wie geschaffen für eine Talkshow wie 3nach9, die – historische Ausnahmen bestätigen die Regel – eher aus gepflegtem Plaudern besteht denn aus kontroversen Debatten. Man kann zwar nicht sagen, dass die in England geborene Moderatorin den Laden aufgemischt hätte, das war wohl auch kaum das Ziel, doch sie brachte frischen Wind in die Sendung.
So entwaffnend wirkte sie zu Beginn des Gesprächs mit Schlingensief, dass sie ihr Gegenüber wieder aufbauen musste, ihm auf die Sprünge helfen mit Nachfragen, vorsichtigem Nachbohren. Und so machte sie aus dem so umstrittenen Theatermacher einen ungewohnt offenherzigen und emotionalen Gesprächspartner, der sich nicht nur Fragen gefallen ließ, sondern zurückfragte, der sich nicht nur zur Kunst äußerte, sondern auch zur Politik und ganz offen die FDP und die Bundeskanzlerin attackierte, nur gebremst durch einen gemeinsamen Kraftakt von Roche und di Lorenzo. Spätestens da war klar: Das Experiment gelingt.
Man mag es zweifelhaft finden, wenn eine Frau, die inzwischen seit mehr als zehn Jahren vor der Kamera steht, noch mit ihrem Lampenfieber kokettiert. Man mag es enttäuschend finden, wenn eine Autorin, die über die intimsten Dinge der Weiblichkeit in so schamloser Weise geschrieben hat, nicht auch als Moderatorin ein wenig verrucht ist. Man kann ersteres aber auch sympathisch und zweiteres professionell nennen. Charlotte Roche ist eben nicht Helen Memel, die Protagonistin aus Feuchtgebiete.
Es gibt für die Art, mit der Charlotte Roche gestern ihren Einstand feierte, ein viel strapaziertes Wort: authentisch. Sie wechselte derart fließend zwischen persönlicher Nähe und journalistischer Distanz, dass es eine Freude war. Ein wenig mehr Provokation werden sich vielleicht einige wünschen, einige werden sie fürchten, zum Format aber passt die Art und Weise, wie Roche gestern moderierte, schon recht gut.
Der Draht zu di Lorenzo, der fehlte noch ein wenig, doch das dürfte auf den ersten Blick eine Frage der Zeit sein. Es ist wohl ein bisschen wie im Fußball: Man merkt, dass sich Radio Bremen da einen guten Stürmer eingekauft hat, nur die Bälle aus dem Mittelfeld – die kommen noch nicht perfekt auf den rechten Fuß.
che/news.de
Hätte es Ihrer Meinung nach Stürmerin heißen müssen?
jetzt antwortenKommentar meldenRadio Bremen kauft Stürmer ein??? Insgesamt ein gut gemachter Artikel, aber solche Aussetzer sollten wohl eher nicht passieren...
jetzt antwortenKommentar meldenDer Autor, Redakteur Florian Blaschke, hat vergessen (wirklich vergessen...???), welche Vorbehalte Frau Motschmann gegen Frau Roche hat: sie hat zum Lügen ermuntert, ist der Meinung, dass Lügen gesellschaftsfähig sei... (u.a.). Aber warum soll einer ein Defizit thematisieren, das seiner Zunft grundsätzlich anhaftet?!
jetzt antwortenKommentar meldenMan mag denken von Frau Roche was man will aber sie hat Ihren Beruf gelernt! Ich finde nicht daß sie mit Lampenfieber kokettiert - Lampenfieber ist eine Art Demut vor der Kunst zu zeigen und ziechnet selbst den alten Hasen aus! Das ist für mich ein Zeichen von Professionalität und macht sie mir trotz ihrer sonstigen Ergüsse sehr sympathisch.
jetzt antwortenKommentar melden