Sa., 26.05.12

Interview mit Ina Küper 15.09.2009 «Einiges würde als Pornografie durchgehen»

Ina Küper (Foto)
Ina Küper, Herausgeberin von Alley Cat, Deutschlands einzigem Erotikmagazin für Frauen. Bild: Schwarzkopf & Schwarzkopf / Nico Klein-Allermann

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Ina Küper ist Herausgeberin von Alley Cat, Deutschlands einzigem Erotikmagazin für Frauen. Nun folgt das Buch Bester Sex, 33 Bettgeschichten von 33 Frauen. Im Interview spricht die 25-Jährige über Emanzen, männliche Leser und komische Geräusche beim Sex.

Ich muss gestehen, dass mir, bis ich von Ihrem Magazin gehört habe, der Begriff «Alley Cat» nur als Bezeichnung für die halbillegalen Rennen von Fahrradkurieren geläufig war.

Küper: (lacht) Das habe ich ja noch nie gehört!

Wieso dieser Name?

Küper: Noch im Studium wollten wir das Magazin Sin und die Ressorts nach den Todsünden benennen. Ein Dozent aber fand das grausam und zu naheliegend und hat vorgeschlagen, es Slut, also Schlampe zu nennen. Das gefiel uns wiederum nicht und dann habe ich nach Synonymen gesucht und Alley Cat gefunden, was streunende Katze, aber auch Bordsteinschwalbe bedeutet. Das war nicht so grob, aber auch nicht zu naheliegend.

Das heißt, das Verruchte, das in diesem Begriff steckt, ist durchaus gewollt?

Küper: Auf jeden Fall, denn wir sehen unsere Leserinnen nicht wie Schlampen, sondern als Frauen, die sich in sexueller Hinsicht nehmen, was sie wollen, aber trotzdem stilvoll bleiben und anmutig.

Sich nehmen, was sie wollen, klingt sehr stark nach einem emanzipatorischen Ansatz ...

Küper: Es ist gut, sich als Frau für die Rechte anderer Frauen einzusetzen. Aber als Emanzen sehen wir uns nicht, denn wir sind schon vielen Feministinnen begegnet, die in diese männerhassende Richtung abgedriftet sind, womit wir uns überhaupt nicht identifizieren können. Wir lieben Männer, wir schätzen Männer und ziehen lieber mit ihnen an einem Strang.

Wer sind denn Ihre Leserinnen?

Küper: Unsere Leserinnen sind, glaube ich, zwischen Anfang 20 und Ende 30. Eine Leserin aber, die mal an einem Gewinnspiel teilgenommen hat, bei dem man einen Abend mit einem Begleiter gewinnen konnte, war Ende 60. Grundsätzlich sind es Frauen, die offen mit ihrer Sexualität umgehen, sich für die eigene Lust interessieren, die aber auch Lifestyle-orientiert sind, ein Gespür für Trends und einen ästhetischen Anspruch haben.

Und wie sieht es mit Männern aus?

Küper: Wir haben auch männliche Leser, das macht von allen Einzelheftbestellungen und Abos vielleicht fünf bis zehn Prozent aus. Oft sind das Männer, die sagen, sie bestellen das für ihre Frau oder Freundin, aber da weiß man ja wiederum nicht, ob das stimmt. (lacht)

Sich etwa einen Playboy zu kaufen, scheint für Männer dagegen ganz selbstverständlich zu sein. Schämen sich nicht eigentlich die Frauen eher, mit einem Erotikmagazin gesehen zu werden?

Küper: Ich glaube das auch. Das ist auch der Grund, warum wir unser Cover so gestalten, wie wir es gestalten. Wir bekommen immer wieder kritische Nachfragen, warum es das Thema nicht eindeutig transportiert, aber wir wollen Frauen damit die Hemmschwelle nehmen.

Die klassische Bahnhofsbuchhandlung ist streng nach Geschlechtern aufgeteilt. Ein Regal für Frauenzeitschriften, ein Regal für Automagazine, eines für Sporthefte. Eigentlich hat jedes Regal sein Geschlecht. Wo liegt da Alley Cat?

Küper: Meistens bei den Frauenmagazinen, manchmal aber auch in der Männer-Erotik-Ecke, direkt neben der Coupé zum Beispiel. Das ist etwas, worüber ich mich ärgere, ich empfinde das als verkaufsschädigend. Das kann man aber leider nicht wirklich beeinflussen.

Sexualität bezieht sich ja heute nicht mehr nur auf Mann und Frau, die homosexuelle Partnerschaft ist auf dem Weg, akzeptiert zu werden, es gibt transgeschlechtliche Partnerschaften. Ist es da eigentlich noch zeitgemäß, ein Magazin zu machen, das sich nur an ein Geschlecht richtet?

Küper: Gute Frage. Ich finde schon. Grundsätzlich gibt es eben Unterschiede zwischen den Geschlechtern und da ist es leichter, sich auf ein Geschlecht zu spezialisieren als mit dem Ansatz ranzugehen, alle anzusprechen. Da muss man auch schauen, dass man sich nicht verliert.

Nun ist ja vor Ihnen noch niemand auf die Idee gekommen, ein solches Magazin zu verlegen und Sie tun das auch immer noch in Eigenregie. Hat sich bis jetzt kein großer Verlag getraut oder ist der Markt zu klein?

Küper: Ich verstehe das auch nicht. Unsere Auflage ist schon klein, sie liegt bei 10.000, aber das ist eher eine Budgetfrage. Der Markt ist da und er wächst. Die Erotikindustrie hat sich in den letzten Jahren vermehrt auf Frauen eingestellt. Ich finde, da ist es völlig naheliegend, ein solches Magazin zu machen. Der einzige Grund, der mir einfällt, ist der, dass sich Verlagshäuser nicht trauen oder Frauen diesbezüglich unterschätzen.

Heißt das, wenn ein Verlag käme, würden Sie darüber nachdenken? Oder ist Ihnen ihre Unabhängigkeit dafür zu wichtig?

Küper: Ich müsst lügen, wenn ich sagen würde, dass das für mich nicht in die Tüte kommt. Ein großer Verlag würde einiges vereinfachen. Aber natürlich ist man bedacht darauf, eine gewisse kreative Freiheit zu haben. Ohne das wäre das Magazin glaube ich auch nicht so gut angekommen. Von daher ist das eine zweischneidige Angelegenheit, aber ich würde nicht grundsätzlich sagen, dass wir das nicht wollen.

Nun haben Sie mit ihrer Kollegin Marlene Burba das Buch Bester Sex herausgebracht, mit 33 Geschichten von 33 Frauen. Wer sind diese Frauen?

Küper: Sie kommen zum Teil aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis, teilweise sind es Kolleginnen, die auch schon für Alley Cat geschrieben haben. Es sind aber auch Frauen dabei, die wir nicht kennen, die über drei Ecken zu uns gekommen sind.

Das Buch heißt ja nun Bester Sex und setzt damit einen Maßstab. In der Presseankündigung aber werden sie mit dem Satz zitiert, Sex sollte nicht zu ernst genommen werden und vor allem Spaß machen. Widerspricht sich das nicht?

Küper: Ich finde nicht. Innerhalb der Geschichten passieren so viele humorvolle, bizarre und nicht allzu perfekte Dinge, dass das, wie ich finde, kein Widerspruch ist. Und der beste Sex ist so individuell, dass man das Buch nicht als Anleitung verstehen kann und darf.

Der Großteil der Frauen in Ihrem Buch ist unter 30. Würden Sie diese Frauen in fünf oder zehn Jahren noch einmal fragen, könnte es sein, dass die ein oder andere schon wieder einen neuen besten Sex erlebt hat. Dieses Buch könnte also in ein paar Jahren schon wieder veraltet sein ...

Küper: Ich glaube, dass sich bestimmte Dinge nie ändern. Natürlich kann es sein, dass man in zehn Jahren ein Erlebnis hat, von dem man sagt: «Ok, das toppt es jetzt nochmal um Längen.» Aber ich glaube, dass man auch in zehn Jahren noch an den gleichen Stellen berührt werden will und die gleichen Stellungen bevorzugt.

In einem Interview über Alley Cat haben Sie gesagt, das Magazin sei Erotik, aber keine Pornografie. Die Dinge in Ihrem Buch aber werden schon ziemlich deutlich benannt. Wo ziehen Sie die Grenze?

Küper: Das ist ganz schwierig zu beantworten. Alley Cat ist von den Bildwelten erotisch, aber die Texte werden schon sehr explizit. Im Buch ist es definitiv so, dass einiges als Pornografie durchgehen würde. Für mich ist Porno etwas sehr plumpes, etwas ungeschöntes, und etwas, was auch nicht wirklich frauengerecht ist. Erotik regt für mich die Fantasie an, ist schön verpackt. Aber eine ganz strenge Grenze zu ziehen, ist schwierig.

Auf ihrem Buch steht, dass Männer dadurch erfahren, was sie beim Sex alles richtig machen können. Das heißt, das Buch richtet sich auch an Männer?

Küper: Auf jeden Fall. Als das Buch fertig war, haben wir schnell gemerkt, dass es für Männer mindestens genauso spannend ist, weil man einen einzigartigen Einblick in die Gedanken von Frauen bekommt. Es gibt sehr viele Parallelen innerhalb der Geschichten, was Frauen sich wünschen, wovon sie träumen, wo sie berührt werden wollen.

Um von dem Buch noch einmal auf das Magazin zurückzukommen: Beides sind Printtitel und der Online-Auftritt von Alley Cat ist, sagen wir, rudimentär ...

Küper: Das stimmt. Es ist aber schon geplant, das zu ändern. Ohne online geht es heute nicht mehr, für kein Magazin, aber auch da ist die Antwort sehr simpel: Dafür fehlt uns im Moment einfach noch das Budget.

Und wie sieht es mit weiteren Projekten aus?

Küper: Ich glaube, der Verlag würde sich schon freuen, wenn wir in die zweite Auflage gehen. Ansonsten aber können wir uns auch nicht über zu wenig Arbeit beklagen. So eine Ausgabe von Alley Cat macht sich ja auch nicht von selbst.

Es gibt den Spruch «Oversexed, but underfucked», sprich: Wir werden zwar mit Sex überschüttet, in unseren eigenen Betten aber herrscht tote Hose. Ist dieses Buch ein weiterer Teil dieser Sexschwemme oder will es dem entgegenwirken?

Küper: Ich denke, dass es dem entgegenwirkt. Die Geschichten sind ja nicht angsteinflößend, sodass man sagt: «Mein Gott, die sehen alle perfekt aus, haben den perfekten Sex, da passieren keine Fehler, die riechen gut dabei, die machen keine komischen Geräusche.» (lacht) Da ist die Rede von Ängsten, von Zweifeln, davon, dass man jahrelang ganz furchtbaren Sex hatte. Sex ist in diesem Buch nicht wunderschön und makellos und nach Rose duftend, sondern nimmt teilweise sehr humoristische, tragische und bizarre Formen an. Dadurch wird es authentisch und realistisch.

Prognosen sagen aber durchaus voraus, dass die Menschen von der Übersexualisierung irgendwann genug haben. Macht Ihnen das Angst?

Küper: Ich wüsste nicht, warum mir das Angst machen sollte. Menschen haben schon immer Sex gehabt und sie werden immer Sex haben. Für mich ist Sexualität ein Grundbedürfnis wie Schlafen und Essen. Es gibt ja auch einen riesigen Ess- und Kochkult im Moment und den haben die Menschen auch nicht satt. Und so ein bisschen Sinnlichkeit im Leben, darüber freut man sich doch eigentlich immer.

iwe/news.de
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