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Chaos regiert, sprach der Fuchs (Bild 1/23)
Charlotte Gainsbourg (Foto)
Foto: MFA Filmdistribution
09.09.2009

«Sie» (Charlotte Gainsbourg) ...

Lars von Trier - «Antichrist»

Massaker an der Seele

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Lars von Trier ist bekannt für provokante und schockierende Filme. Mit Antichrist aber geht er noch weiter – er hat ein monströses, beängstigendes und rätselhaftes Meisterwerk geschaffen, einen Blutrausch, der alles in Frage stellt. Auch, ob man Filme wie diesen überhaupt sehen sollte.

09.09.2009
Trailer
Lars von Triers monströses Meisterwerk «Antichrist»
Video: MFA Filmdistribution

Die Aussicht, einen Film von Lars von Trier zu sehen, hat immer etwas Beunruhigendes. Noch dazu, wenn er ihn als einen Blick in die dunkle Welt seiner Fantasie ankündigt. Doch von Trier ist ein Scharlatan, soviel weiß man inzwischen, so schlimm also wird es schon nicht kommen, möge der Film auch Antichrist heißen. Einem gläubigen oder zumindest psychisch stabilen Menschen jagt so etwas keine Angst ein. Nach diesen 104 Minuten aber hat man etwas gelernt. Diese 104 Minuten hinterlassen den Zuschauer tief erschüttert. Und sie bringen ihm bei, dass von Trier bei seinen Filmen keinen Spaß versteht.

Was der 53-jährige Däne da im Bergischen Land bei Köln gedreht hat, ist ein Massaker an der Seele, das jedoch zärtlich beginnt – mit einem der anrührendsten Prologe, die das Kino kennt. In Schwarz-Weiß und unendlich geduldiger Zeitlupe zeigt die Kamera von Anthony Dod Mantle (Manderlay, Die große Stille, Das Fest) ein Paar (atemberaubend: Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe) unter der Dusche, im Bett, beim Sex. Schon hier sprengt von Trier Grenzen, die zur Pornografie, und man ahnt, dass es nicht die letzten sein werden. Er tut das aber in so vollendeter Ästhetik, fast schon kitschig untermalt von Händels barocker Arie Lascia ch'io pianga (Lass mich weinen), dass man es kaum glauben kann, wenn diese knapp vier Minuten in der Tragödie enden.

Denn während das Ehepaar, das namenlos bleibt, sich so leidenschaftlich liebt, wird der kleine Sohn wach, klettert aus seinem Bettchen, den Teddy unter dem Arm und geht. Erst ins Schlafzimmer – es folgt ein kurzer Blick zum Zuschauer, den von Trier in diesem Film ununterbrochen einbindet und adressiert, ohne ihn wirklich anzusprechen –, dann weiter zum offenen Fenster, vor dem es schneit wie im Märchen. Der Junge steigt auf den Schreibtisch, weiter auf das Fensterbrett, blickt kurz zurück, lächelt – und fällt.

Oder springt er?

Mit dieser Frage, wie mit allen anderen, lässt von Trier den Zuschauer alleine. So alleine, wie es die Eltern sind. Vor allem die Mutter droht an ihrer Trauer und den Schuldgefühlen zu zerbrechen, pendelt zwischen Sexbesessenheit und Autoagression, der Vater aber, Psychiater und Rationalist, glaubt daran, ihr selbst helfen zu können, gegen jegliches Ethos seines Berufsstandes. Also brechen sie auf, tief in den Wald, in ein Haus, das den Namen «Eden» trägt und in dem die beiden offensichtlich schon viele Wochenenden und Sommer verbracht haben. Der perfekte Ort für seine Therapie, so glaubt der Mann, schließlich hat seine Frau nach dem Unglück auch noch panische Angst vor der Natur. Doch schon hier ahnt der Zuschauer, dass nicht gelingen kann, was nicht gelingen darf, und so wird aus dem Machtspiel zwischen den beiden eine Orgie, ein sich steigerndes Inferno, eine Apokalypse aus Gewalt, Sex und Metaphern, während der die Frau dem Mann mittels eines Holzscheits die Genitalien zertrümmert, ihm ein Loch ins Bein bohrt, daran einen massiven Schleifstein mit seiner Achse befestigt und sich später mit einer Schere selbst die Klitoris abschneidet – alles in Großaufnahme. Mit all dieser Hysterie scheint sie ihren Tod herbeizuschreien, der dann auch kommt, der kommen muss. Der Mann erwürgt seine Frau und verbrennt sie auf dem Scheiterhaufen. Doch war das Mord? Oder Notwehr? Hat der Antichrist nun gewonnen? Oder wurde er vertrieben?

Von Trier ist ein Scharlatan und sein Film ist Blendwerk

Alles an diesem Film hat von Trier in Rätsel verpackt, nicht nur die «Drei Bettler», die er auftreten lässt – einen Raben, ein Reh, aus dem ein toter Fötus hängt, und einen Fuchs, der die Worte «Chaos regiert» spricht. Alles an diesem so effekthascherischen Film soll gelöst werden, so scheint es, die historischen Bezüge zu mittelalterlichen Hexenverbrennungen, Thema der Doktorarbeit der Frau, in die sie sich soweit verstrickt, dass sie sich selbst für eine Hexe hält. Die Tatsache, dass sie ihrem Sohn im letzten Sommer, als sie nur mit ihm in Eden war, die Schuhe stets verkehrt herum angezogen hat – eine Qual für den Kleinen. Von Triers Umgang mit der Natur, die wunderschön, aber grausam erscheint, die sich selbständig macht, die zur «Kirche Satans» wird. Und auch diese Extase der Gewalt, dieser Blutrausch, den von Trier da zelebriert. Gleichzeitig aber nimmt der Regisseur seinem Zuschauer jegliche Chance, etwas aufzuklären, er verdammt ihn zum Nichtstun, liefert ihn aus, der Angst und der Fantasie, der Paranoia und dem Voyeurismus.

Von Triers Film ist ein Spiel mit dem Glauben, innerhalb der 104 Minuten, aber auch darüber hinaus. Denn wie viel darf man einem Regisseur abnehmen, der behauptet, das Drehbuch zu einem so perfektionistischen Meisterwerk als «Fingerübung» geschrieben zu haben, der uns weismachen will, er habe den Stoff «ohne großen Enthusiasmus», vor allem aber eigentlich nur für sich selbst verfilmt – als Therapie? Der aber auch behauptet, es handele sich um einen Film, dem er absoluten Glauben schenke, ja, der sogar der wichtigste seiner ganzen Karriere sei? Und wie viel darf man einem Film glauben, der in allem und jedem kleinsten Detail aufgeladen ist, der überbordet, sich verliert, in Andeutungen, Metaphern und Symbolen, bei dem man ständig meint, Zusammenhänge zu erkennen, die sich jedoch kurze Zeit später schon wieder auflösen? Von Trier ist ein Scharlatan und sein Film ist Blendwerk.

Es ist oft geschrieben worden, von Trier habe mit Antichrist ein genreübergreifendes Werk geschaffen. Doch viel mehr noch: Er hat sich von jeglichem Genre gelöst, vielleicht ein eigenes, noch namenloses geschaffen, irgendwo zwischen Splatterfilm und psychologischer Studie, Krimi und Drama, Tragödie und Kammerspiel. Mindestens ebenso oft wurde geschrieben, von Trier lebe mit Antichrist seine Misogynie, seinen Frauenhass aus. Entspräche das der Wahrheit, so müsste der Zuschauer sich am Ende auf die Seite des Mannes geschlagen haben, so müsste er sich sicher sein, dass mit dem Antichrist nur die Frau gemeint sein kann, das sie wirklich eine Hexe ist, der Mann kein Sadist und seine Therapie nicht sadistisch, dass er sie zurecht erwürgt hat und der Scheiterhaufen, dieses so eindeutig scheinende Symbol, die einzig gerechte Strafe ist. So einfach aber macht es von Trier dem Zuschauer nicht, er entlässt ihn schlicht und grausam in die Unsicherheit, voller Fragen und voller Verwirrung. Was, wenn man ihr doch hätte helfen können?

«Vielleicht hält man es am besten mit dem Sarkasmus von Variety», schrieb Jan Schulz-Ojala im Mai im Tagesspiegel, nachdem er Antichrist beim Filmfest in Cannes gesehen hatte und sich sicher war, von Trier habe seiner künstlerischen Karriere damit bleibenden Schaden zugefügt. Das US-Branchenblatt nämlich hatte in unnachahmlicher Art notiert, Antichrist sei ein «tolles Date Movie für Sado-Maso-Paare». Dem ist freilich nicht so. Antichrist ist ein außerordentlich ernsthafter, wenn auch ironisch gebrochener Film, der fast so tief greift, wie die menschliche Seele reicht. Und der auslotet, was sich das Publikum alles bieten lässt. Nicht wenige werden sich fragen, warum man sich einen solchen Film anschauen sollte. Nicht wenige werden ihn sehen und die Antwort immer noch nicht kennen.

Titel: Antichrist
Regisseur: Lars von Trier
Hauptdarsteller: Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe
Spielzeit: 104 Minuten
Produktionsland: Deutschland, Dänemark, Frankreich
Produktionsjahr: 2009
FSK: ab 18
Kinostart: 10. September 2009

ruk/news.de
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Lars von Trier - «Antichrist»: Massaker an der Seele » Medien » Nachrichten
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