Von news.de-Redakteur Christian Vock
Spätestens seit dem Orakel von Delphi ist die Welt im Quizfieber. Mit Wer wird Millionär? haben RTL und Moderator Günther Jauch die Quizshow im deutschen Fernsehen mit neuem Leben erfüllt. Vor zehn Jahren fiel der Startschuss.
Wissen ist Macht. So sagt man jedenfalls. Und wer Wissen hat, der teilt es nicht gerne. Quizshows bilden da eine Ausnahme. Man wäre ja auch dumm, geht es ja hierbei doch weniger ums Teilen als ums Mitteilen. Und mitgeteilt wurde in der deutschen TV-Quizshowgeschichte schon so einiges. Die Quizshow ist fast so alt, wie das Fernsehen selbst.
Seit die Fernsehmacher erkannt haben, dass man mit diesem Format Millionen Zuschauer vor die Bildschirme locken kann, haben unzählige Quizmaster das Wissen ihrer Kandidaten getestet. Dementsprechend wurde auch das eigentlich sehr simple Prinzip des Frage-Antwort-Spiels in ebenso unzähligen Varianten immer wieder neu aufgelegt. Jeder Programmchef kann sich glücklich schätzen, wenn er eine erfolgreiche Quizshow sein Eigen nennen darf. Manche Sender haben sogar das Quiz-Prinzip zum alleinigen Programminhalt gemacht. Vom großen Kuchen will jeder etwas abhaben. Sei es auf regionaler Ebene wie bei der NDR Quizshow oder auf spezielle Themen bezogen wie seinerzeit beim Vox-Ratespiel Hast du Töne? mit dem jetzigen Schlag den Raab-Moderator Matthias Opdenhövel.
Das Quizformat kann sich nicht nur für den Sender oder den Kandidaten lohnen. Nicht erst Günther Jauch erlebte mit einer eigenen Quizshow einen gewaltigen Karriereschub. Wim Thoelke avancierte mit seiner Samstagabendshow Der Große Preis zu einem der bekanntesten Moderatoren der 1970er und 1980er Jahre und füllte damit die Unterhaltungsshowlücke, die nach Entertainergrößen wie Lou van Burg oder Peter Frankenfeld drohte. Erst nach 220 Folgen nahm Thoelke 1992 seinen Hut. Hans-Joachim Kulenkampff zog mit seiner Show Einer wird gewinnen in gewohnt mondän-charmanter Art nicht nur Millionen Zuschauer in seinen Bann, sondern untermauerte auch seinen Ruf als einer der größten Showmaster, die Deutschland hatte.
Günther Jauch reiht sich mit seinem Wer wird Millionär? und seiner spitzbübischen, mal euphorischen, mal nüchternen Art inzwischen nahtlos in die Reihe der großen Unterhaltungsspezialisten ein. Zu Hilfe kommt ihm das Format der Sendung, das, anders als beispielsweise bei Kulenkampff oder Thoelke, nicht mit großen Kulissen oder anderen Einlagen aufwarten muss, sondern sich lediglich auf drei Komponenten konzentrieren kann: das Publikum, den Kandidaten und die Fragen. Die Schlichtheit des Formats macht seinen Reiz aus. In diesem festgezurrten Boxring muss Jauch eigentlich nicht viel mehr tun, als er selbst zu sein. Große Showeinlagen erwartet niemand von ihm. Umso lustiger wird es, wenn er sich dann doch einmal aufs alberne Parkett wagt.
Für die tragischen wie lustigen Momente sorgen ohnehin die Kandidaten beziehungsweise das Konzept der Sendung, Jauch muss in seiner schlagfertigen Art meist nur noch zum richtigen Zeitpunkt die Stichworte liefern und die Richtung vorgeben, der Rest läuft oft von alleine. Etwa als im Dezember 2007 der erste Kandidat mit allen Jokern und null Euro nach Hause gehen musste. Oder als sechs Jahre zuvor ein Kandidat an der 500-Mark-Frage scheiterte, weil er nicht wusste, dass in einem deutschen Stimmungslied ein Pferd auf dem Flur steht. Die besten Geschichten schreibt ja bekanntlich das Leben, auch wenn das Fernsehen das Papier dazu reicht.
Ein anderer Grund, warum Wer wird Millionär? seit Jahren beim Publikum ein Erfolg ist, liegt im menschlichen Wesen. Der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein, zur Stulle kann es gerne auch einmal ein Rätsel sein. Es geht aber nicht darum, dass das Rätsel oder Quiz gelöst wird – auf ein erschummeltes Kreuzworträtsel ist man wesentlich weniger stolz. Es geht um den Wettbewerb gegen sich oder gegen andere. Was weiß ich selbst? Was weiß der andere? Wer weiß mehr? Hätte ich die Million auch gewinnen können? Nichts ist größerer Balsam für das eigene Selbstbewusstsein als der Moment, wenn ein Kandidat eine Antwort nicht weiß und man selbst die Frage hätte beantworten können. Das Unwissen der anderen macht das eigene Wissen umso wertvoller. Dieses wird dann auch sogleich im heimischen Wohnzimmer zelebriert, bis sich auch das letzte Familienmitglied vor so viel Grips verneigt hat. Schließlich ist Wer wird Millionär?-Sehen wie bei allen großen Unterhaltungsshows oft eines der letzten verbliebenen Bindeglieder der Familie. Schlaumeiern als Gruppenerlebnis. Die Zahl derer, die sich die Sendung alleine ansehen, dürfte überschaubar sein. Vor wem sollte man denn auch sonst mit seinem Wissen prahlen?
Damit wird die Quizshow zugleich zu einem Symbol moderner Zeiten. Hier kann auch der zum Helden werden, der ansonsten eher schwach auf der Brust ist. Muskelberge waren gestern, heute ist Hirn angesagt. Umso mehr, da es bei Wer wird Millionär? nicht nur um die klassische Allgemeinbildung geht. Fragen wie «Von welchen Tieren glaubte man lange Zeit, sie würden Blut ausschwitzen?» gehört sicher nicht zum allgemeinen Wissenskanon.
Etwas Glück braucht man natürlich auch, schließlich lockt der Gewinn, die Conditio sine qua non, der Grundstoff und Spannungslieferant der Sendung. Wo gibt es schon die Gelegenheit, mit nur wenigen Antworten zum Millionär zu werden? Der mit einem Oscar prämierte Film Slumdog Millionaire fing diese Dramatik in beeindruckender Weise auf. Gibt es ein Happy End oder geht der Kandidat mit leeren Händen nach Hause? Alles oder nichts? Wie hätte ich mich entschieden? Wäre ich früher ausgestiegen?
Nach zehn Jahren erfolgreicher Quizshow stellt sich naturgemäß die Frage nach dem «Wie geht es weiter?». Für Jauch ist das klar: «Ich habe immer noch sehr viel Spaß bei Wer wird Millionär? und schleppe mich nicht hin. Ich glaube auch, dass die Zuschauer es merken würden, wenn es nicht so wäre.» Bis dahin wird weiter geraten.
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