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Der berühmteste Indianer-Häuptling der Welt (Bild 1/9)
WinnetouWinneto (Foto)
Foto: dpa
02.09.2009

Zwei Legenden: Winnetou und seine Silberbüchse.

Zum 135. Todestag von Winnetou

Unser aller Blutsbruder

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Winnetou steht für alles, was Männer gerne wären: Er war ein tapferer Held, ein loyaler Freund und ein guter Chef. Lange schon ist er von der Bildfläche verschwunden, in den Herzen seiner Fans aber lebt er weiter. Ein Nachruf – auch für Frauen – zum 135. Todestag des Häuptlings der Apachen.

Gerade eben hat der Chor der Gefangenen das Ave Maria begonnen, von des Herzens Leiden und des Glaubens froher Zuversicht hat er gesungen, und Winnetou weiß, was das bedeutet. «Schar-Iih», sagt Winnetou – so nennt er seinen Blutsbruder Old Shatterhand – «nicht wahr, nun kommen die Worte vom Sterben?» Und Old Shatterhand nickt nur weinend, es versagt ihm die Stimme, während die dritte Strophe beginnt: «Es will das Licht des Lebens scheiden, nun bricht des Todes Nacht herein. Die Seele will die Schwingen breiten, es muss, es muss gestorben sein.» Wenig später schließt der Apachen-Häuptling die Augen. «Dann lösten sich seine Finger langsam von den meinigen – er war tot!»

Ob im Buch oder der Verfilmung mit Pierre Brice, die diesen Moment freilich etwas anders einfängt, Winnetous Tod ist ein Markpunkt. Heute jährt er sich zum 135. Mal, am 2. September 1874 nämlich soll sich die geschilderte Szene abgespielt haben – am Hancockberg. «Halt!», werden Sie jetzt sagen, «das kann doch nicht sein! Winnetou hat doch gar nicht wirklich gelebt!». Und ich gebe Ihnen Recht und sage: «Das stimmt, aber sein Todesdatum kennen wir trotzdem. Und deshalb wird heute getrauert.»

Wir verdanken dieses Wissen einer Frau namens Sophie von Stieber, die 1899 einen Briefwechsel mit dem Winnetou-Autor Karl May führte und ihn darin fragte, wann denn der große Häuptling in die Ewigen Jagdgründe eingezogen sei. Und May antwortete: «Winnetou war geboren 1840 und wurde erschossen am 2.9.1874. Er war noch herrlicher, als ich ihn beschreiben kann!» Sicher, May hat sich einige Male selbst widersprochen, was dieses Datum angeht. Doch was soll's.

Lange konnte man meinen, es sei nichts mehr los mit Cowboys und Indianern, der Boom der oft in Jugoslawien oder Italien gedrehten Wildwestfilme ist spätestens seit den 1980er Jahren vorbei. Winnetou I aus der Gesamtausgabe Karl Mays liegt heute bei Amazon nur noch auf Verkaufsrang 34.169, ein klägliches Ergebnis. Winnetou muß endlich sterben, hatte Rudolf Herfurtner noch 1980 in der Zeit getitelt und gegen die Flut von Indianerbüchern angeschrieben. Zehn Jahre später aber, im Dezember 1990, schrieb Jens Prüss das Stück Winnetou darf nicht sterben oder wie wir die sechziger Jahre wiedergewinnen. Da war die große Zeit der Indianer schon vorbei.

Apachen, die allverhassten Zigeuner unter den Rothäuten

Irgendwann dazwischen also sind uns unsere Helden stiften gegangen. Das zeichnete sich schon ab, als das ZDF freitagabends seinen Wunschfilm ausstrahlte, untermalt von dem markanten Rocking Affair von The New Symphonics. Immer, so schien es, mussten sich die Zuschauer zwischen einem Winnetou-Film, zwei Folgen Schwarzwaldklinik und einem Dieter-Hallervorden-Streifen entscheiden. Und man konnte sich die Finger wundwählen – immer verlor Winnetou.

Dabei wurde er geliebt, er war doch unser aller Blutsbruder. Ob als Buch, Comic oder Film, auf T-Shirts oder den Zeichenblöcken für den Malunterricht. Und waren diese Abbildungen auch noch so stümperhaft gedruckt, es war alles egal. Hauptsache Winnetou. Und wer schon zu alt war in der Zeit der Pierre-Brice-Filme, konnte mit ihnen wenigstens seine Kindheit nachholen, wie Götz George einmal der Süddeutschen Zeitung verriet. Er hatte in Der Schatz im Silbersee und Winnetou und das Halbblut Apanatschi mitgespielt, doch schon das Lesen der Romane macht wohl nicht nur aus Kindern Männern, sondern auch umgekehrt – Winnetou als psychologische Räuberleiter. Daran hatte wohl auch der vordergründige Machismus in den Romanen seinen Anteil. «Die Augen des Apachen sind immer wachsam», sagt Winnetou einmal. «Winnetou traut der Nacht nicht, denn sie ist wie ein Weib.»

Die Welt des Winnetou lässt sich so herrlich leicht einteilen. In Gut und Böse, in Mann und Frau, in Leben und Sterben. Die Konflikte sind überschaubar, Probleme lassen sich durch Mut lösen oder durch List, und wenn gar nichts mehr hilft, dann hilft die Faust, nicht umsonst heißt Old Shatterhand Old Shatterhand – Alte Schmetterhand. Und wenn auch damit nichts mehr auszurichten ist, greift man zur Silberbüchse und danach zu einem kräftigen Schluck Feuerwasser. Hugh!

Gerade aus dieser Schlichtheit aber wurde Karl May und somit auch seinem berühmtesten Held immer wieder ein Strick gedreht. Manche, wie der Reise- und Jagdschriftsteller Freiherr Friedrich von Gagern, begegneten Winnetou sogar mit offenem Hass: «Vornehme, großzügige Charaktere konnte man aus allen nördlichen Präriestämmen herausdichten, aus den Sioux, den Cheyennes, den Assiniboins: nur nicht gerade aus dem armseligen, raubnomadischen Volke, dessen Wörterbuch dem unseligen ‹Old Shatterhand› zufällig auf den Schreibtisch gefallen war, aus den allverhassten Zigeunern unter den Rothäuten, den Apachen», schreibt er 1927 in seinem Grenzerbuch.

Bei Winnetou gibt es keine «soziale Masturbation»

Und dennoch: Generationen von Jungen sind beim Blutsbrüderschaftschließen an ihren stumpfen Taschenmessern verzweifelt, über Jahrzehnte gingen Indianerkostüme im Karnevalsverkauf chargenweise über den Ladentisch. «Cowboy und Indianer waren so beliebt, dass man als Kind eine Faschingsparty unter dem Motto ‹Vampire› veranstalten konnte – und trotzdem waren immer ein paar Cowboys und Indianer zu Gast», schriebTillmann Prüfer kürzlich in der Zeit, als er feststellte: Yippee! Der Westernlook kehrt zurück. Wenigstens das.

Doch mag Winnetou auch seit längerem abgetreten sein – nur bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg reitet ein tapferer Erol Sander noch als Häuptling der Apachen durch die Kulisse –, wir können immer noch viel lernen von dieser Figur. Beim Thema Männerfreundschaft etwa: Winnetou und Old Shatterhand nämlich sind nicht einfach Kumpel, bei ihnen gibt es keinen zotigen Humor, keinen Geltungsdrang, keine «soziale Masturbation», wie Sebastian Glubrecht 2007 im Spiegel schreibt: «Diese Männerfreundschaft verbindet wahres Interesse am anderen.»

Heute ist der Wilde Westen komplizierter geworden, widmet sich Hollywood dem Thema, so passiert das sozialkritisch, mit schwulen Cowboys oder moralgesättigt. Die einfachen Zeiten sind vorbei. Schwarz-weiß getüncht schafft es Wildwest gerade noch so in die Politik, so wie im März, als Peer Steinbrück in der Steuerfluchtdebatte die Schweizer als Indianer bezeichnete, die vor der Finanzkavallerie kuschen. Und auch Wolfgang Schäuble bemühte die Wildwest-Rhetorik vor zwei Jahren, als er sagte: «Die einzigen Ausländer, die wir gekannt haben, waren die Indianer aus den Büchern von Karl May.» Winnetou hätte sich in solchen Fällen mit Sicherheit eingemischt. Kuschen vor der Kavallerie? Das hätte es bei ihm nicht gegeben.

Eines aber verbindet sogar Wolfgang Schäuble und Winnetou, nicht nur, dass der CDU-Politiker die Bücher über den Apachen offenbar gelesen hat. Es sind die letzten Worte des Indianer-Häuptlings, der, nachdem das Ave Maria verklungen ist, mit der letzten Anstrengung der schwindenden Kräfte flüstert: «Schar-Iih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!»

voc/news.de
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