The National: «Boxer» Das Musik gewordene Erdungskabel

«Boxer» von The National. (Foto)
Musik gewordenes Erdungskabel: Das Album «Boxer» von The National. Bild: Indigo

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Schrill und sexy - genau das sind The National nicht. Das scheue Quintett aus New York arbeitet im Studio und auf der Bühne unaufgeregt und konzentriert. Dabei ist ein Album herausgekommen, das schlicht gut ist.

Es ist eine Herbstplatte. Eine wuchtige, einfache Herbstplatte, die The National im Frühjahr 2007 abgeliefert haben. Sie hat kaum Bezugspunkte, keine Vergleichmaschine, die sie fassen kann. Zu einfach, zu gut ist sie. Alles, aber auch wirklich alles darauf fokussiert sich auf den tiefsten Bariton, der es wohl je ins professionelle Musikbusiness geschafft hat. Sänger Matt Berninger, ein aschblonder Schlaks mit spitzer Nase, macht 43 Minuten lang genau eines, aber das richtig: Er lässt seine sonore und brummende Stimme im Sinne des Indie-Rock fließen und brummen.

Berninger brummelt wie ein gutmütiger Märchenonkel Belanglosigkeiten und ein paar Sehnsüchte, wie sie ähnlich auch in einem Myspace-Blog eines Teenagers zu finden wären. Weit weg von jeder Brillanz. Weit weg von jedem übertriebenen Anspruch an ein Konzeptalbum oder an ach so viele künstlerische Referenzen. The National haben einfach zu fünft ein Album gemacht. So einfach, dass es im schrillen Musikbusiness wieder gut tut. Nein, viel besser: Es erdet. Das Album ist das gelb-grüne Kabel, welches oftmals nicht angeklemmt wird, weil ja eh nix passiert, wenn der Strom richtig durch das schwarze und blaue fließt. Doch The Boxer ist perfekt in seiner Einfachheit.

Es sind zwei Brüderpaare, die Berningers Bariton zuarbeiten. Zwei kleine Hobbits namens Aaron und Bryce Dessner an Gitarre und Bass sowie Bryan und Scott Devendorf am Schlagzeug und Gitarre Nr. 2. Es macht einfach nur Laune, diesen Fünfen bei ihren mäandernden Tunes zuzuhören. Egal, was man nebenbei macht. Der Tipp zum Album: Einen langen Brief mit der Schreibmaschine schreiben. Geht auch ohne Schreibmaschine. Die Weinflasche, die Matt Berninger rituell bei den Auftritten aufmacht, gehört dann fast schon dazu.

Nicht zuletzt: The National ist eine irre gute Liveband, die hierzulande fast nur richtige Fans hat. Eben weil sie unvergleichlich sind. Die Konzerte sind eine Wucht, eben weil sie so reduziert wie das Album sind. Keine Posen. Matt Berninger ist auf der Bühne schüchtern wie eh und je. Schließt seine Augen, umklammert das Mikrofon und lässt es gefühlt für die folgenden anderthalb Stunden nicht mehr los. Diese Konzentriertheit ist es, was einen sprachlos machen kann. Und dann dieses wohlige Brummen.

Es gibt wenige Platten, die so einfach gut sind. Wer sucht, könnte vielleicht bei den drei Vorgänger-LPs fündig werden. Vielleicht.

Interpret: The National
Titel: Boxer
Plattenfirma: Beggars Banquet (Indigo)
Erscheinungsdatum: 18. Mai 2007

voc/news.de

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