Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Es sei ihm um Moral und Wahrheit gegangen, als er Der Herr der Ringe schrieb. Das hat Tolkien in einem seiner Briefe betont. Doch die Geschichte der Gefährten ist tiefgründiger, glauben Philosophen – und machen Mittelerde zum Dreh- und Angelpunkt moderner Fragen.
Mit Peter Jacksons Verfilmung griff der Herr der Ringe-Kult um sich wie ein Fieber. Dem hürdenreichen Weg der Gefährten konnten sich nur wenige entziehen. Doch Tolkiens Roman ist mehr als ein Abenteuer in fiktionaler Umgebung, mehr als eine Geschichte von Freundschaft und Versuchung, vom Kampf des Guten gegen das Böse.
Vielfach ist Tolkien bereits interpretiert und in den gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit gestellt worden. Manches davon hat er selbst dementiert. Doch es ist menschlich, eine eigene Meinung zu entwickeln. Ob die Schlussfolgerungen tatsächlich im Geiste des Erfinders – in diesem Falle also Tolkiens Schreiben lag – spielt dabei keine Rolle.
So fern aber liegen manche der Fragen nicht, die in Der Herr der Ringe und die Philosophie in mehreren Aufsätzen aufgeworfen werden. Schließlich ist der Ring mehr als ein Metallobjekt. Immerhin schmiedete Sauron ihn nicht, um ihn als schönes Schmuckstück zu tragen. Der Eine Ring ist ein Symbol der Macht und für Erik Katz ergibt sich daraus die interessante Frage, wie stark Moral durch Macht korrumpiert wird. So kann sich Frodo am Ende seiner Reise nicht vorstellen, den Ring zu vernichten. Anders ist es zuvor bei Sam, der zwischenzeitlich selbst zum Ringträger wurde, jedoch nicht nach mehr strebt als er ist, und deshalb - wenn auch schweren Herzen - den Ring an seinen eigentlichen Träger zurückgibt.
Theodore Schick dagegen macht aus dem Ring ein Plädoyer gegen moderne Technologie. Weil sich zwar Gutes mit dem Ring, respektive der Technologie, bewirken lasse, das Instrument zugleich aber – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – zu Vernichtung des Lebens beitragen könne. Andererseits ließe sich der Ring auch als Fetisch interpretieren, meint zumindest Alison Milbank. Immerhin gehe es für manche Figuren – etwa Gollum – nur darum, ihn zu besitzen, aber nicht mehr darum, ihn zu benutzen.
Doch die Denkanstöße suchen auch nach lichten Dingen in düstersten Abschnitten, fordern zum Glücklichsein auf, erinnern daran, dass Traditionen Halt geben im Chaos der Moderne, debattieren den Tod als Erlösung, als weiteren Schritt in einem erfüllten Leben. Diese und andere Texte lassen ins Grübeln geraten, wecken Vergleiche mit der eigenen Identität und sorgen bisweilen für ein heiteres Schmunzeln.
Immer neue Aspekte fördern die Autoren zutage. Doch sie verzetteln sich dabei nicht in komplexen Erklärungen, machen aus ihren Sätzen keine wissenschaftliche Kunst. Sie bleiben sprachlich auf dem Boden und erlauben so, das Buch immer wieder beiseite zu legen, im Herrn der Ringe Passagen nachzuschlagen, über die Ansichten der Autoren nachzudenken und sich des nächsten Arguments anzunehmen. Ganz ohne Fremdwörterbuch und den Zwang, jedes Mal wieder am Anfang eines Kapitels zu beginnen.
Keiner der Denker besteht darauf, dass seine Ansicht tatsächlich im Sinne Tolkiens gestanden habe. Doch einem Buch mit philosophischem Ansatz wie diesem fehlt etwas entscheidendes: der Widerstreit. Die ausgewählten Denker, die zu Wort kommen dürfen, sind ausnahmslos – und das wird hervorgehoben - «glühende Verfechter» des literarischen Mittelerdes. Kritische Ideen – und mehr noch Tolkiens Kritiker – werden hier, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Absicht? Manchen Widerspruch des Lesers kann das freilich nicht verhindern.
Insgesamt ist die Sammlung kreativen Interpretierens unterhaltsame Lektüre für den Lesesessel. Und selbst wenn mancher Vergleich im Buch weit hergeholt ist, es eröffnet neue Blickwinkel, stimmt nachdenklich und lässt erneut nach Tolkiens Meisterwerk greifen. Auch wenn dabei dann philosophische Aspekte völlig ausgeblendet und die Geschichte nur um ihrer Selbst willen gelesen wird.
Titel: Der Herr der Ringe und die Philosophie
Herausgeber: Gregory Bassham, Eric Bronson
Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 288 Seiten
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungsdatum: August 2009