Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Vor siebzig Jahren brach der Zweite Weltkrieg aus, viele Leben wurden zerstört, getroffen, verändert. News.de stellt vier Bücher vor, die sich auf unterschiedliche Arten mit der Tragik dieses dunklen Kapitels der Geschichte auseinandersetzen.
David Benioff: Stadt der Diebe
Leningrad im Januar 1942. Es herrscht Ausgangssperre, die Stadt ist von der Wehrmacht belagert. Einer der Verteidiger ist der 17-jährige Lew. Ein ganz normales Schicksal in diesen Tagen, bis ein deutscher Fallschirmjäger vom Himmel fällt - tot. Lew und seine Freunde durchsuchen ihn, werden entdeckt und fliehen vor der Polizei. Lew aber bleibt zurück und wird verhaftet, auf Plündern steht die Todesstrafe.
Im Gefängnis lernt er Kolja kennen, einen Charmeur und notorischen Lügner, den auch der Tod erwartet. Doch es kommt anders: Der Geheimdienstchef stellt ihnen eine Aufgabe, die schier unlösbar scheint: Er lässt sie frei, wenn sie ihm dafür in der völlig verarmten und ausgehungerten Stadt zwölf Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter besorgen - innerhalb von sechs Tagen.
Unlösbar? Nicht für Kolja. Er beschließt, sich mit Lew zu einer Geflügelfarm hinter den feindlichen Linien durchzuschlagen. Es beginnt ein Abenteuer, das den beiden nicht nur die Gräuel des Krieges vor Augen führt, sondern vor allem aus zwei fremden und grundverschiedenen Menschen Freunde macht.
David Benioffs teilweise biographischer Roman Stadt der Diebe - Benioff schildert die Geschichte seines Großvaters - ist ein großartig erzähltes Abenteuer und ein schauriger Bericht von der Belagerung Leningrads, zugleich erstaunlich leichtfüßig und manchmal sogar komisch für ein solch dunkles und schwer verdauliches Thema, das keine Schattenseite des Krieges auslässt. Echtes Kopfkino.
Autor: David Benioff
Titel: Stadt der Diebe
Verlag: Karl Blessing
Seitenzahl: 384 Seiten
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungsdatum: Januar 2009
Nicholson Baker: Menschenrauch
Der amerikanische Autor Nicholson Baker hat sich einiges anhören müssen in diesem Jahr. Als Revisionist wurde er beschimpft, als Geschichtsklitterer. Auslöser für diese emotionale Debatte rund um den 52-Jährigen war sein Buch Menschenrauch, erschienen im März. Der Untertitel: Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete. Darin bereitet Baker schnipselweise die Geschichte auf, in Zitaten, Anekdoten und Berichten. Er erzählt vom Judenhass der Roosevelts, von der Abneigung Churchills gegen die Deutschen, von den Interessen der Industrie und den Gedanken der Intellektuellen.
Immer scheint bei diesem Versuch aber der Autor Baker durch, immer bleibt Menschenrauch ein Stück Literatur. Und das verändert nach und nach die Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg, auf die Auslöser, auf die Schuldfrage. Nicht unumstritten, war die doch in den Augen vieler mit Hitler und seinem Polenfeldzug ausreichend beantwortet. Nicht für Baker. Und dennoch schreibt er die Geschichte nicht um. Er verschiebt den Fokus, lenkt die Aufmerksamkeit auf Nebenschauplätze und kratzt an den Bildern, die es vom Zweiten Weltkrieg gibt. Eines der umstrittensten aber auch lesenswertesten Bücher zum Thema überhaupt.
Autor: Nicholson Baker
Titel: Menschenrauch
Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 640 Seiten
Preis: 24,90 Euro
Erscheinungsdatum: März 2009
Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder der Eigensinn
Dass es bisher kaum Literatur oder brauchbare Aufsätze über die Familie Hammerstein gab, verwundert. Kurt von Hammerstein-Equord (1878 bis 1943) gehörte zur obersten Riege des Heeres in der Weimarer Republik, war General und Chef der Heeresleitung und versuchte 1933, seinen Einfluss gegen die Ernennung Hitlers geltend zu machen - umsonst. Zwei seiner Töchter waren Mitglieder der Kommunistischen Partei, Hammersteins ältester Sohn am Attentat des 20. Juli 1944 beteiligt. Allein diese Konstellation schon lohnt einen Blick auf die Geschichte der Hammersteins. Doch kein Historiker hat sich 2008 daran gewagt, sondern ein Literat: Hans Magnus Enzensberger.
Auf vielfältige Weise nähert er sich dem Clan der Hammersteins, er berichtet nicht nur biografisch, sondern spricht auch mit ihnen, mit Freunden, Zeitzeugen. In fiktiven Totengesprächen mischt sich Enzensberger ein, versucht zu deuten und schafft so eine Collage, aus der die komplizierte politische Gemengelage der Weimarer Republik deutlich wird. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland etwa, auch auf militärischer Ebene oder die Spannungen innerhalb der Hammerstein'schen Familie, der Charakter des Generals, des Unbestechlichen. Ein dringend notwendiges Buch, auch, um zu verstehen, wie es zur Machtergreifung Hitlers kommen konnte.
Autor: Hans Magnus Enzensberger
Titel: Hammerstein oder der Eigensinn
Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 375 Seiten
Preis: 9,90 Euro (Gebundene Ausgabe 22,90 Euro)
Erscheinungsdatum: Januar 2008
Ralf Georg Reuth: Hitlers Judenhass - Klischee und Wirklichkeit
Das große Thema in der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs ist der Holocaust, die massenhafte Vertreibung und Vernichtung der Juden und anderer für die Nationalsozialisten nicht lebenswerter Menschen. Viel ist geschrieben worden über die Motive Hitlers, die Ursachen für seinen Judenhass, fasst könnte man meinen, diesen Diktator zu kennen, ihn psychologisch deuten zu können. Und dennoch hat Ralf Georg Reuth all den Büchern zu diesem Thema ein weiteres hinzugefügt. Der Untertitel sagt, warum: Um Klischee und Wirklichkeit zu trennen.
Am Anfang steht dabei eine verblüffende Beobachtung: 1919, als der ermordete bayerische Ministerpräsident und linke Revolutionär Kurt Eisner beerdigt wird, nimmt an dieser Zeremonie auch Adolf Hitler teil. Nicht das einzige Detail, das Reuth zutage befördert und das infrage stellt, ob Hitlers Einstellung sich wirklich so früh entwickelte, wie oft angenommen und auch von ihm behauptet. Ein wahrer Historikerstreit wird seit Jahrzehnten über diese Frage geführt, darüber, ob Hitlers Rassenwahn aus der historischen Befindlichkeit der Deutschen erwachsen ist oder aus der spezifischen politischen Situation nach 1919. Reuth bereichert diese Debatte mit vielen Indizien, aber auch mit nur wenigen Beweisen. Das aber macht das Buch kaum weniger lesenswert.
Autor: Ralf Georg Reuth
Titel: Hitlers Judenhass - Klischee und Wirklichkeit
Verlag: Piper
Seitenzahl: 376 Seiten
Preis: 22,95 Euro
Erscheinungsdatum: Februar 2009