Von news.de-Redakteurin Katharina Peter
Kult-Autor Chuck Palahniuk (Fight Club) ist zu seinen subversiven Wurzeln zurückgekehrt und liefert mit seinem zehnten Roman ein kleines sprachliches Meisterwerk ab. Doch genau das - die Sprache - macht es auch so schwer, in die Welt des Schläferterroristen Bonsai abzutauchen.
Es ist erst ein paar Jahre her, dass Chuck Palahniuk verkündete, die Zeit der subversiven Literatur sei vorbei - zumindest in den USA. Nach den Schrecken des 11. Septembers seien solche Texte, die zuvor noch große Erfolge feierten, sang- und klanglos von den Schreibtischen der Verlage verschwunden. Die Themen Terrorismus und gesellschaftlicher Protest seien in fiktionaler Form kommerzielles Gift. Wer sich dennoch kritisch äußern wolle, der müsse sich dem Übersinnlichen zuwenden.
Das hat Palahniuk, der mit seinem Debütroman Fight Club (1996) und einstürzenden Hochhäusern zu literarischem Weltruhm aufstieg, auch getan. Der Autor mit der treuesten und größten Fangemeinde (The Cult), die ein amerikanischer Schriftsteller je sein eigen nennen konnte, schrieb über mordende Schlaflieder, Figuren, die überfahrene Tiere am Straßenrand wieder auferstehen ließen, sich dekadent in eine Tollwutepidemie knutschende Jugend und zeitreisende Männer, die ihre Urgroßmütter vergewaltigen, um eine perfekte Version von sich selbst zu zeugen.
Mit seinem neuen Roman kehrt Palahniuk nun endlich zu seinen subversiven Ursprüngen zurück und knüpft an seine ursprüngliche Brillianz an. Doch die formalen Experimente seiner zwischenzeitlichen literarischen Ausflüge sind nicht spurlos an dem virtuosen Minimalisten vorbeigegangen. So ist Bonsai viel mehr als eine Geschichte über einen 13-jährigen Schläferterroristen, der wegen seiner geringen Größe Bonsai genannt wird.
Während der namenlose Erzähler aus Fight Club in seiner Suche nach Identität und erholsamem Schlaf konsequent in den Strudel des terroristischen Aufbegehrens gegen die Konsumgesellschaft gerät, wurde Bonsai vom vierten Lebensjahr an auf dem zerstörerischen Pfad platziert. Aus «Projet Mayhem» in Fight Club (zu deutsch «Projekt Chaos») wird in Bonsai «Operation Havoc» (übersetzt «Operation Chaos»). Der kleinwüchsige Schläfer lebt als Austauschschüler in einer ganz normal verkommenen amerikanischen Familie. Seine leiblichen Eltern wurden angeblich durch eine US-Bombe getötet. Sein anerzogenes, indoktriniertes Ziel ist es, sie zu rächen und seinem Staat zu dienen.
Das Buch ist eine sprachliche Glanzleistung, die es dem Leser jedoch schwer macht, Palahniuks wuchtigen wie sperrigen Satzwirren zu folgen. Der Schriftsteller aus Portland erzählt die episodenhafte Geschichte von Bonsai aus der von ihm präferierten Ich-Perspektive. Ein schwieriges Unterfangen. Nicht nur, dass das Englische für Bonsai keine Muttersprache ist. Auch versteht der Junge die Kultur hinter der Sprache nicht. Im Gegenteil, ist sie doch verzerrt durch den Idealismus seines verehrten Vaterlandes, einer unspezifischen Mischung aus den Diktaturen von Nordkorea, Russland, Nazi-Deutschland und südamerikanischen Staaten, das die USA verachtet und hasst.
So fehlt den Sätzen nicht nur die korrekte Grammatik. Auch liegt der Erzähler mit seinen verschrobenen Sprachbildern und Vokabeln meist ein kleines bisschen daneben. Es fordert viel verbildlichte Vorstellungskraft vom Leser, um den Gedanken folgen zu können. So führt Bonsai, der von sich selbst als «Agent Ich» spricht, in eine Kirchenszene mit Jesuskreuz und Kerzen ein, indem er beschreibt: «Gefälschte Statue von tote Mann, gefälschte Gefolterte aus Gips an zwei gekreuzte Stöcke, gefälschte Blut gemalt rot an Hand und Fuß … duftende Genitalien von Pflanzen … Zylinder aus weiße Wachs mit Brennschnur inmitten, viele winzige kleine Feuer.»
Man beneidet Palahniuks Stamm-Übersetzer Werner Schmitz um keinen Satz. Dennoch muss man sich sehr wundern, warum Schmitz den Antihelden und damit den Roman Bonsai nennt. Hatte sich Palahniuk doch für Pygmy (auf deutsch Pygmäe oder auch Zwergmensch) entschieden. Vielleicht liegt es daran, dass die Wahl des Autors weniger politisch korrekt ist als der harmlose und unpolitische Bonsai.
Darauf aber hat der in Interviews so höflich und sanft auftretende Schriftsteller noch nie Wert gelegt. Im Gegenteil. Nutzt er doch gerade das Sprengen solch sprachlicher Konvention, um den USA und oft der gesamten westlichen Welt einen unbarmherzigen Spiegel vorzuhalten. So sagt er von sich selbst: «Immer wenn ich denke, ich gehe zu weit, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.» Warum also Schmitz' Vorsicht?
Zumal Palahniuk vor seinem terroristischen Plan zurückschreckt und ihn nie durchführt. Zwar gibt es einen grotesken Amoklauf an einer Schule, brutale Vergewaltigungen, kleine Morde unter Nachbarn und spektakulär explodierende Dildos. Aber zum konsequenten Ende mag Bonsai irgendwie doch nicht gehen. Die verklärt grundamerikanische Ursache für den Zweifel des gehirngewaschenen Teenagers: Er verliebt sich. Irgendwo dazwischen macht Palahniuk das, was er am besten kann. Er hält seinen Lesern den Spiegel vor. Aber der ist diesmal so verzerrt und schwerverdaulich, dass es mühsam ist, einen Zugang zu diesem Meisterwerk zu finden.
Wer sich schon immer gefragt hat, wie der kompliziert geschriebene Name des Autoren ausgesprochen wird, der findet die Antwort in den Vornamen seiner Großeltern, die aus der Ukraine in die USA ausgewandert waren. Nämlich «Paula» und «Nick».
Autor: Chuck Palahniuk
Titel: Bonsai
Verlag: Manhattan Verlag
Seitenzahl: 256 Seiten
Preis: 16,95 Euro
Erscheinungsdatum: 24. August 2009
Kommentar des Übersetzers: Eine gelungene Renzension, die leider einen sachlichen Fehler enthält: der deutsche Titel des Roamns war vom Verlag bereits festgelegt, bevor ich überhaupt mit dem Übersetzen angefangen hatte. Ganz allgemein gesagt: Übersetzer haben nur in den seltensten Fällen Einfluss auf die Titel ihrer Bücher. Werner Schmitz
jetzt antwortenKommentar melden