Von Stephan Maurer und Angelika Rausch
Das Leben des Wagner-Clans gleicht manches Mal einer Seifenoper, manches Mal gar einer Wagner-Oper. Dramen, Streitigkeiten und Skandale füllen die Berichte aus Bayreuth. Über Jahre war Wolfgang Wagner der prägende Geist auf dem Grünen Hügel. Ein Rückblick zum 90. Geburtstag.
Sein ganzes Leben widmete er dem Erbe des berühmten Großvaters: Wolfgang Wagner, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, hat mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth gelenkt. Als er vor einem Jahr als dienstältester Intendant der Welt seinen Abschied nahm, ging Wagner als Sieger: Nach langem Tauziehen hatte er sich im Streit um die Nachfolge durchgesetzt und die Herrschaft seiner Familie auf dem Grünen Hügel gesichert. Seine Töchter Katharina Wagner (31) und Eva Wagner-Pasquier (64) geben jetzt den Ton im Festspielhaus an.
Mit Charme, List und einem gehörigen Maß Sturheit widerstand Wagner jahrelang allen Versuchen, ihn aus dem Amt zu drängen. Mit einem lebenslangen Vertrag ausgestattet, galt für ihn das Motto des Lindwurms Fafner aus Richard Wagners Oper Siegfried: «Ich lieg und besitz.» Da er Katharina, seine Tochter aus zweiter Ehe, als Nachfolgerin zunächst nicht durchsetzen konnte, verweigerte er den Rücktritt. Zugleich verschanzte sich der von vielen Seiten angefeindete Festspielchef zunehmend; der Ton zwischen Bayreuth und den Regierungen in Berlin und München wurde immer gereizter.
Die Situation war festgefahren, als ein Drama von Richard Wagnerscher Dimension die Lösung brachte: Völlig überraschend starb Wolfgang Wagners zweite Ehefrau Gudrun, 25 Jahre jünger als er und heimliche Herrscherin auf dem Hügel, im November 2007. Für Wagner ein schwerer Schlag, der aber zugleich die Tür öffnete für die verstoßene Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier. Es kam zur Wiederannäherung und schließlich zur Einigung auf die schwesterlichen Doppelspitze - der gesundheitlich angeschlagene Wolfgang Wagner konnte in Frieden seinen Abschied nehmen.
Geboren wurde Wolfgang Wagner am 30. August 1919 in Bayreuth als drittes Kind von Siegfried und Winifred Wagner. Siegfried, einziger Sohn Richard Wagners, und von seiner Mutter Cosima als «Meistersohn» abgöttisch verehrt, erlitt im Juli 1930 während der Generalprobe der Götterdämmerung einen Herzinfarkt und starb wenige Tage später. Winifred übernahm die Festspielleitung und freundete sich eng mit Adolf Hitler an. «Wir waren fast wie eine Ersatzfamilie für ihn», erinnerte sich Wolfgang in der Süddeutschen Zeitung. Und so habe auch er Hitler gut kennengelernt. Der sei aber mehr an seinem Bruder Wieland interessiert gewesen. «Allerdings hat er mich auch einmal besucht: 1939, als ich mit einer Kriegsverletzung in der Berliner Charité lag.» Mit ihrer Nähe zu den Nationalsozialisten war Winifred Wagner nach dem Krieg als Chefin nicht mehr tragbar und das ungleiche Brüderpaar Wieland und Wolfgang übernahm 1951 gemeinsam die Leitung.
Sie schienen sich perfekt zu ergänzen: Wieland als genialer Regisseur, Wolfgang als geschickter Organisator. Als Bayreuther Regisseur debütierte Wolfgang 1953 mit «Lohengrin». Beruflich verstanden sich die beiden gut, doch ihre Familien waren heillos zerstritten. Das ging sogar so weit, dass Wolfgangs und Wielands Kinder nicht miteinander spielen durften, wie berichtet wird. Im Oktober 1966 starb der ältere Bruder mit 49 Jahren und Wolfgang wurde alleiniger Festspielleiter.
Fast 60.000 Besucher ziehen die Festspiele jährlich an und erfreuen sich einer weltweiten Nachfrage. Es gelang ihm, die besondere Atmosphäre am Grünen Hügel zu erhalten. Bis heute versammeln sich im Sommer renommierte Sänger und Musiker aus aller Welt in Bayreuth, um hier - zu deutlich niedrigeren Gagen als anderswo üblich - aufzutreten.
Unter Wagners Ägide entstanden mehr als 1700 Aufführungen im Festspielhaus. Daneben schuf er zwölf eigene Inszenierungen. Während er für seine eigenen, oft konventionellen Arbeiten auch Kritik ertragen musste, bewies Wagner als Intendant immer wieder Mut zu Neuerungen. Er öffnete die Festspiele für Regisseure von außen und holte schon 1972 Götz Friedrich, dessen Tannhäuser für einen Skandal sorgte.
Später kamen Patrice Chéreau (Der Ring des Nibelungen 1976), Heiner Müller (Tristan und Isolde 1993) und Christoph Schlingensief (Parsifal 2004) hinzu. Auch alle großen Wagner-Dirigenten von Hans Knappertsbusch bis Christian Thielemann folgten Wagners Ruf. Daneben lag sein großes Verdienst in der finanziellen Stabilisierung der Festspiele. Auch die bauliche Substanz im Festspielbezirk sanierte und erneuerte er unermüdlich.
Zwist im Wagner-Clan sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Nach dem Tod von Bruder Wieland brach Wolfgang Wagner zunächst mit dessen Familie. Nichte Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagner, gehörte danach zu seinen schärfsten Kritikern. 1976 ließ sich Wagner von Ehefrau Ellen Drexel (gestorben 2002) scheiden, um seine Mitarbeiterin Gudrun Mack zu heiraten. In der Folge kam es zum Bruch mit Tochter Eva und Sohn Gottfried, der in seinem Buch Wer nicht mit dem Wolf heult mit dem Vater abrechnete.
Das endlose Nachfolgeverfahren hat dem Bayreuther Gralshüter in der Öffentlichkeit viel Kritik eingebracht. Doch selbst Bayreuth-Kritiker Schlingensief gab sich nach dem Abgang milde gestimmt. «Ich werde Wolfgang Wagner als liebenswerten Patriarchen in Erinnerung behalten, erstaunlich besessen, erstaunlich tolerant», sagte er dem Tagesspiegel. Er sei ein fürsorglicher und guter Hausvater gewesen.
bla/news.de/dpa