Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Der Kiez ist Legende. Künstler lebten hier, Unangepasste. Und der Prenzlauer Berg heute? Ein Experimentierfeld für alternative Lebensentwürfe oder nur der Laufsteg einer sich selbst bespiegelnden Neo-Schickeria? Die ARD-Doku von Kristian Kähler kann sich nicht recht entscheiden.
Berlin-Bashing ist in den Medien gerade angesagt. Die Hauptstadt wird ordentlich runtergeputzt. «Ballermann an der Spree» überschrieb Reinhard Mohr kürzlich seine Polemik gegen den Party-Tourismus nach Berlin. Der Spiegel-Autor empörte sich über trinkfeste Ausländer, die zum Zwecke des billigen Besäufnisses in Mannschaftsstärke in die Szene-Kieze in Friedrichshain oder eben Prenzlauer Berg einfallen. Krakeelende Touristen vor seiner Wohnung mag der Spiegel-Schreiber (Mohr wohnt in Prenzlauer Berg) nicht dulden.
Mohrs Artikel ist bemerkenswert, weil er einiges aussagt über den Wandel des ehemaligen Künstler-Kiezes und seiner Bewohner. Zu DDR-Zeiten entdeckte die junge Boheme des SED-Staates das Viertel unmittelbar an der Mauer. Schriftsteller und Maler nisteten sich in den verfallenen Altbauten ein. Die kreative Szene in Prenzlauer Berg trotzte dort erfolgreich dem Konformismus der DDR.
Nach der Wende kamen dann Studenten und Intellektuelle, die hier billigen Wohnraum fanden. Der «Prenzlberg» wurde hip. Investoren begannen die Gründerzeithäuser zu sanieren. Das zog wiederum eine wohlhabende Klienel in den Kiez. Ärzte, Anwälte und Medienleute wie Mohr verdrängen nach und nach die alteingesessenen Bewohner.
An diesem Punkt setzt der Film von Kristian Kähler ein. Er zeigt einen Stadtteil, in dem die so genannte «Gentrifizierung» beinahe abgeschlossen ist. Der 145.000 Einwohner zählende Prenzlauer Berg hat einen gewaltigen Bevölkerungsaustausch hinter sich. In den schicken Altbauwohnungen haben sich Akademiker und allerhand Klischees breitgemacht.
Kählers Film unternimmt erst gar nicht den Versuch, diese Klischees ein wenig zu relativieren. Er hat sich als Gesprächspartner zielsicher Protagonisten gesucht, die den Prenzlauer Berg zu dem gemacht haben, was er heute (auch) ist: ein Paradies für Besserverdienende mit mindestens zwei Kindern und Bio-Bewusstsein. Die Boheme ist abgewandert. In den Cafés lümmelt jetzt das «Bionade-Biedermeier» und nippt am Fair-Trade-Kaffee.
Einer, der sein Scherflein zum Wandel des Viertels beigetragen hat, ist Andreas Stahlmann. Der Makler vermittelt mittlerweile nur noch exklusive Dachgeschosswohnungen. 3300 Euro pro Quadratmeter ist für seine Kundschaft kein Problem. Im europäischen Vergleich sind das immer noch Schnäppchenpreise. «Über den Dächern Berlins macht es sich das Geld gemütlich», konstatiert der Film treffend.
Über die Thesen des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann, den Kähler im Mauerpark getroffen hat, geht Kähler dagegen recht schnell hinweg. «Antibürgerlich» sei der Lebensstil im Prenzlauer Berg, findet der Wissenschaftler von der Humboldt-Universität. Bemerkenswert, denn eigentlich impliziert Kählers Film das genaue Gegenteil. «Antibürgerlich» sind die vorgestellten Lebensentwürfe jedenfalls nicht – weder der einer Wohngenossenschaft, die in Eigenregie ein Mehrfamilienhaus hochzieht, noch der von Schauspieler Christian Kahrmann (Lindenstraße), dessen Freundin gerade eine Massagepraxis für Schwangere eröffnet hat.
Womit auch schon die Brücke zum allgegenwärtigen Kult ums Kind geschlagen ist. Der nimmt in Kählers Film einigen Platz ein. Moderatorin Sandra Maischberger (auch eine Prenzlbergerin) bringt den im Viertel ausgeprägten Gebärzwang hübsch auf den Punkt. «Ohne Kinderwagen gehört man hier nicht dazu.»
Nicht mehr dazu gehört irgendwie auch das Ehepaar Kaus. Seit 50 Jahren lebt es in der Nähe des Kollwitzplatzes im Epizentrum des Booms. Die beiden Rentner trotzen Miethaien und Schicki-Schnöseln. Einmal laufen sie durch ihre Straße und entdecken einen neuen Szeneladen. Herr Kaus liest das Schild über der Tür und berlinert los: «Caramello – Wat is’n det?» Ein Blick in die Auslage klärt ihn auf. «Is’n Eisladen», stellt Her Kaus beruhigt fest. Der Schein bestimmt das Bewusstsein. Für die meisten Prenzlberger ist das okay. Hauptsache das Eis ist bio.
Berlin – Prenzlauer Berg, Mittwoch, 26.8., 23.30 Uhr, ARD
voc/news.de