Fr., 10.02.12

«Das Recht auf Rückkehr» Zwischen Desaster und Katastrophe

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 26.08.2009

Die USA sind politisch tot, Russland ist Weltmacht, Israel nur noch ein schmaler Küstenstreifen und der Islamismus auf dem Vormarsch. Das ist das Szenario in Leon de Winters neuem Roman – einem großartigen Thriller und komplexen Drama um Terrorismus und Liebe.

Das Leben bestehe nicht nur aus der Wahl zwischen Mallorca und Ibiza, Thailand oder Madagaskar, hat Leon de Winter 2005 in einem Interview mit dem Spiegel gesagt. «Manchmal hat man nur die Wahl zwischen einem Desaster und einer Katastrophe, und dann muss man sich daran erinnern, dass es die erste und wichtigste Aufgabe des Staates ist, das Leben und die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Wenn er das nicht kann, schafft er sich selbst ab.»

So israelfreundlich und islamkritisch de Winter, 1954 im niederländischen 's-Hertogenbosch geborener Autor jüdischer Herkunft, auch sein mag – rückblickend könnte man meinen, er habe seinerzeit gerade das Land gemeint, in dem seine Vorfahren seit 1948 ihre Heimat gefunden haben. Ein Land, das seit Jahrzehnten einen Konflikt austrägt, der weit über einen Krieg hinausgeht und der sich durch emotionale, historische und religiöse Aufladungen auszeichnet. In seinem neuesten Roman nun, Das Recht auf Rückkehr, wirft de Winter einen weitschweifigen Blick auf diesen Konflikt, der in den Augen der meisten Beobachter kaum mehr als ein heilloses Durcheinander sein dürfte, in dem Interessen und Intrigen aufeinandertreffen und in dem Gut und Böse nicht auseinanderzuhalten sind.

Leon de Winter räumt zumindest einen Teil dieses wirren Politgemäldes gründlich auf, indem er die Last seines Romans auf die Schultern einiger weniger Protagonisten verteilt. Auf Hartog und Bram Mannheim etwa, Vater und Sohn, niederländische Juden und beide große bis geniale Wissenschaftler. Oder auf Brams wunderschöne Frau Rachel und ihren gemeinsamen Sohn Bennie. Oder auf Ikki, Brams findigen Kompagnon bei der «Bank», einer Organisation, die nach verschwundenen israelischen Kindern fahndet.

All die Einzelteile aber, die de Winter entwirft, liegen weit auseinander. Zeitlich zwischen 2004 und 2024, einer Science-Fiction-artigen Zukunft, in der Israel auf einen schmalen Streifen an der Küste Tel Avivs zusammengeschrumpft ist, die Strände leer, die Hotels geschlossen, die meisten Menschen ins Ausland geflohen. Und auch diesen letzten Rückzugsraum drohen die Palästinenser zu vernichten – mit perfiden Mitteln. Dahinter aber, in der Erinnerung der Protagonisten, in den Dialogen, weitet sich der Roman aus, bis zum Zweiten Weltkrieg, bis zur Geschichte Israels, in die Tiefen der Zeit.

Eine grausame Entdeckung, die alles verändert

De Winter erzählt mehrere Handlungsstränge. Zum einen die Geschichte von Brams kleinem Sohn, der eines Tages im Jahr 2008 in Princeton, wo Bram eine Professur angenommen hat, verschwindet. Ein Ereignis, das sich durch das ganze Buch zieht – es vernichtet die Ehe zwischen Bram und Rachel, es raubt Bram seinen scharfen Verstand, es wird psychologisch und politisch seziert. Um diesen Strang herum erzählt de Winter die Geschichte von Brams Vater Hartog, der nach einem Leben, das mit dem Nobelpreis belohnt wurde, allmählich dement wird. Er erzählt vom Leben in einem Land, das Geheimdienstarbeit und Terroranschläge dominieren. Er erzählt von den Versuchen Ikkis und Brams, verschwundene Kinder aufzutreiben und von einer grausamen Entdeckung der beiden, die alles verändert – nicht nur ihr Leben, sondern den gesamten Nahost-Konflikt. Schlussendlich aber sucht Bram eigentlich nur zwei Dinge: Seinen Sohn und die Wahrheit. Beides wird er finden.

De Winter hat die seltene erzählerische Gabe, all diese Fäden so zusammenzuhalten, dass der Leser nie den Überblick verliert. Er hat einen Roman geschrieben, der atmet, der sich ausdehnt und zusammenzieht, der den Blick weitet und wieder verengt und der die Schauplätze spielerisch vom Nahen Osten an die Ost- und Westküste der USA, nach Kasachstan und in die Niederlande verlegt. Er hat ein Drama geschrieben, einen Thriller und Science-Fiction. Und er greift seine Aussage von 2005 wieder auf und wirft sie als Frage zurück: Was ist, wenn es einem Staat nicht gelingt, das Leben und die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren? Oder, anders gefragt: Gibt es in diesem Nahost-Konflikt tatsächlich keinen anderen Ausweg, als dass eine Seite die andere vernichtet?

Leon de Winter kann und will diese Fragen nicht beantworten, wohl auch, weil er dafür zu sehr auf Seiten Israels steht. Und beim Blick auf die Eigentümlichkeiten, die er in Das Recht auf Rückkehr erzählt, sollte man auch äußerst vorsichtig sein, seinen Roman als historisches Werk anzusehen. Wie sonst wäre es wohl zu werten, dass ausgerechnet die USA in der Zukunft des Romans keine weltpolitische Rolle mehr spielen? Wie sonst wäre es wohl zu werten, dass bei de Winter die nächste Großmacht dieser Welt Russland ist, regiert von Wladimir Putin, Zufluchtsort all jener Juden, die es in dem kleinen Streifen rund um Tel Aviv, der ihnen geblieben ist, nicht mehr aushalten?

Die 560 Seiten, die de Winter geschrieben hat, sind düstere Seiten. Sie verlangen dem Leser emotional einiges ab, ziehen ihn hinab in die Abgründe der menschlichen Seele, in die Einsamkeit und den Wahnsinn, den Krieg, Fundamentalismus und Hass. Es ist ein Schreckensszenario, aber eines, das realistisch erscheint, das Angst machen kann. Im Buch noch vorhandene Fehler, schreibt de Winter in seiner Danksagung, seien seiner Unzulänglichkeit zuzuschreiben. Zumindest erzählerisch hat er keine gemacht. Alles andere wissen wir in 16 Jahren.

Autor: Leon de Winter
Titel: Das Recht auf Rückkehr
Verlag: Diogenes
Seitenzahl: 560 Seiten
Preis: 22,90 Euro
Erscheinungsdatum: September 2009

iwe/news.de
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