Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Sand, Strand und die Sonne Kaliforniens faszinieren auch die kühlen Europäer. Doch was wäre, wenn der Golden State etwas beherbergen würde, dass jeder sehen will, aber keiner sehen darf? Das ist der Lesestoff, den Die Drachen der Tinkerfarm bietet.
Lucinda und Tyler sind typische Stadtkinder. Kein Wunder, dass ihnen die Vorstellung, die Sommerferien auf einer Farm zu verbringen, überhaupt nicht behagt. Noch dazu bei Gideon Goldring, einem Onkel, den bis dato niemand kannte. Und schon nimmt das große Geheimnis seinen Lauf. Denn der Onkel hat den Geschwistern für die Reise ein obskures Buch geschickt - über fliegende Kühe. Doch den Geschwistern geht bald auf, dass es sich dabei gar nicht um Kühe handelt.
Durch einen dummen Zufall stolpern sie über ein Drachenweibchen, begegnen einem fliegenden Affen, Einhörnern und anderen Fabelwesen. Dass Onkel Gideon angesichts dessen ausflippt, ist verständlich. Denn seine Begeisterung für seltene Exemplare würde jede Regierung der Welt auf den Plan rufen, wäre sie erst einmal bekannt. Ein Gegenspieler lässt nicht lange auf sich warten, der Onkel Gideon und der Farm ans Leder will.
Die Drachen der Tinkerfarm zeichnet sich vor allem durch eines aus: Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Das zeigt bereits die Eröffnungsszene, die mit ihrem biblischen Bild von Adam und Eva die Hoffnung weckt, dass es in diesem Buch nicht um eine brave Welt geht. Doch wer ein Stück weiter liest, dem wird schnell klar, dass es ist nicht der erste Eindruck ist, der zählt. So wie die Schlange Adam und Eva zum Start der Geschichte die Schau stiehlt, ist es auch im übrigen Buch.
Noch mehr allerdings fällt das Tempo auf, mit dem die beiden Autoren Tad Williams und Deborah Beale durch die Geschichte hetzen. Kaum sind die Geschwister auf der Farm, stecken sie auch schon mitten im schönsten Schlamassel – und sehen sich immer neuen seltsamen Begegnungen gegenüber.
Eines muss man Williams und Beale dabei lassen: Sie kommen ohne große Umschweife zum Punkt. Das mag allerdings auch daran liegen, dass das Dauerfeuer kurzer Sätze keinerlei Nebenschauplätze zu bieten hat. Stattdessen wird immer schön geradeaus erzählt und nicht abgebogen. Selbst die Verwerfung – eine Art Riss in der Zeit – ist nicht mehr als eine Geradeaus-Lösung dafür, eine Erklärung für ungewöhnliche Menschen und Wesen zu finden.
Die beiden Autoren liefern hier ein Spiel aus menschlicher Vorstellungskraft und kindlich rudimentären Träumen. Und all jene sind dabei gut aufgehoben, die bisweilen den Wunsch verspüren, in die Welt der Märchen und Legenden aufzubrechen. Wer Vorstellungskraft besitzt, kann das auch tun. Denn Anhaltspunkte, aus den Wörtern Bilder zu formen, gibt es genügend.
Allerdings hat die Geschichte einen großen Schönheitsfehler. Viel zu glatt passen sich die Charaktere in die Handlung ein. Was fehlt, sind die Reibungspunkte, die Ecken und Kanten der Figuren, die doch eigentlich wesentlich zur Spannung beitragen sollten. Damit werden die pessimistische Lucinda und der draufgängerische Tyler genauso austauschbar wie Onkel Gideon, der mit seinem Bademantel-Pantoffel-Outfit eigentlich einen wunderbar komischen Kauz abgeben könnte. Da lässt sich gerade Tad Williams, der mit Büchern wie Otherland und Shadowmarch für echte Begeisterung gesorgt hat, ein wenig hängen.
Letztendlich ist das Fantasy-Jugendbuch in sich geschlossen. Doch die große Frage, die sich schon nach 200 Seiten ankündigt, lautet: War das jetzt alles? So viele Wege sind gelegt, aus denen sich wunderbare Knoten knüpfen und die Geschichte weiterstricken ließe. Die brach liegen zu lassen, wäre eine Sünde für das Fantasy-Genre. Wer so denkt, wird vielleicht 2010 belohnt. Denn dann kommt der zweite Band der als Trilogie geplanten Serie auf den Markt. Bis dahin sind Die Drachen der Tinkerfarm kurzweilige Freizeitlektüre.
Titel: Die Drachen der Tinkerfarm
Autoren: Tad Williams, Deborah Beale
Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 380 Seiten
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungstermin: 31. August 2009