«Hand aufs Herz» Die Abgründe im alltäglichen Wahnsinn

Manchmal beherrscht nur eins das Leben: Besitz. Wer nichts hat, der will was. Wer schon hat, will noch mehr. Dass mancher dabei seine Kinderstube vergisst? Nicht ungewöhnlich. Doch wofür? Eine Frage, der Anthony McCartens neuer Roman unterhaltsam nachgeht.

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Bild: news.de

Wer darüber nachdenkt, der kann nur ungläubig den Kopf schütteln. Doch es passiert täglich. Hier ist es ein B-Promi, der Maden essend um Aufmerksamkeit heischt, dort ein ganz normaler Bürger, der unter einer Wahl von Koffern um den mit dem vermeintlichen Millionenbetrag kämpfen soll. Wie kann ein Mensch sich darauf nur einlassen?

In Anthony McCartens (Superhero) neuem Roman Hand aufs Herz ist es ein Auto. Auf 230 Seiten rechnet McCarten ab mit dem Streben nach Materialismus. Zugleich aber fordert er mit Augenzwinkern ein wenig Egoismus. Hand aufs Herz wird damit zu einer Geschichte, die bei aller Kritik zwischen den Zeilen das einzelne Schicksal nicht vergisst.

Der Roman beginnt mit einer eigentlich geschickten Werbestrategie: Ein kleiner Autohändler will auf der Welle der Rekordjagd mitschwimmen. Was er dahinter versteckt, ist seine finanziell prekäre Lage. Doch das interessiert die vierzig Männer und Frauen nicht, die ihre Hand an einen Landrover legen. Der letzte, der nicht loslässt, gewinnt das Auto nämlich.

Anfangs sind sie bereit, alles zu geben. Nicht schlafen, nicht sitzen, und in viel zu kurzen Pausen auch noch um die Chance kämpfen, aufs Klo zu gehen. Unter ihnen: Jess Podorowski und Tom Shrift. Zwei Menschen, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Sie, die Politesse, die jede Beschimpfung ertragen muss, die sich privat jedes Lebensglück verweigert und sich für ihre an den Rollstuhl gefesselte Tochter aufopfert - mit ihrer Mutter, einer ostpolnischen Matrone, im Nacken. Er, der Selbstverliebte, immer geraderaus, dem das eigene Wohl grundsätzlich vor das anderer geht und der keine Skrupel hat, andere anzuschwärzen.

Ihre Konkurrenz ist hart und ein Abbild sozialer Schichten: ein alter Mann, ein Straßenjunge, ein vermeintlich reicher Erbe, ein ehemaliger Soldat. Wider die Vernunft haben sie nur den einen Gedanken: gewinnen! Genährt von ihren ganz persönlichen Dämonen. Sie alle gehen deshalb an ihre Grenzen, darüber hinaus - und scheitern am eigenen Körper. Doch der finale Kampf entscheidet sich nur durch eines: den Geist. Und er ist auch ein Kampf der Geschlechter.

Dass schnell klar wird, wer letztendlich die Hände am Auto haben wird, ist Absicht. Aber deswegen ist McCartens Roman nicht weniger lesenswert. Humorvoll, ironisch, menschlich und mit einem Hauch Verachtung dafür, dass Menschen oft genug nicht rational agieren, sondern sich in ihre Abgründe ergeben, hat der Neuseeländer ein Buch geschrieben, das man nicht so schnell aus den Händen legt.

Der Wettkampf um das Auto ist nichts anderes als der alltäglich Kampf gegen die Nachbarn, die Kollegen und ihr Haus, Auto, Boot und was sonst noch dem materiellen Erfolg Ausdruck verleiht. Vor allem aber ist Hand aufs Herz ein Plädoyer dafür, amüsiert auf die eigenen irrationalen Entscheidungen zu blicken und mal ehrlich mit sich selbst zu sein.

Titel: Hand aufs Herz
Autorin: Anthony McCarten
Verlag: Diogenes
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: September 2009
Preis: 9,90 Euro

bla/news.de

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