Von den news.de-Redakteuren Ines Weißbach und Michael Kraft, Ferropolis
20.000 Fans blicken nach drei Tagen mit rund 100 Bands auf ein sehr gelungenes Melt-Festival zurück. Stürmisch war nicht nur das Wetter. Und zum Abschluss gab es das lang ersehnte Highlight.
«Unser Versprechen, das Festival nicht mehr größer, aber besser zu machen, haben wir einhalten können», lautet das Fazit von Veranstalter Matthias Hörstmann. In der Tat: Die imposante Kulisse in dem ehemaligen Tagebau mit Baggern so groß wie Häuserblocks, kurze Wege zwischen den fünf Bühnen und Floors und eine trotz der widrigen Wetterbedingungen mit Regengüssen und Sturmwarnungen perfekte Organisation tragen zu einem gelungenen Wochenende in Ferropolis bei.
Auch die Künstler zeigen sich davon beeindruckt. Kasabian sind wohl unlängst im Kino gewesen und fühlen sich in der «Stadt aus Eisen» so sehr daran erinnert, dass sie in den Kränen an beiden Seiten der Bühne Megatron und Optimus Prime sehen. Und irgendwie erinnern die Stahlkolosse tatsächlich an Transformers. Es steht zu befürchten, dass sie demnächst ein Lied namens Robots In Disguise schreiben werden, denn diese Zeile baut Sänger Tom Meighan – übrigens ein langhaariger Kurt-Cobain-Verschnitt – immer wieder in seine Ansagen und Liedtexte ein. Seinem alten Saufkumpanen, einem gewissen «Mr. Liam Gallagher», der nach Kasabian mit Oasis auf der Bühne stehen wird, widmet Meighan den Song Fast Fuse.
Ansonsten verwandelt das Quartett mit den aktuellen Hits Fire und Underdog, sowie dem Klassiker Shoot The Runner das Melt zum ersten Mal an diesem Wochenende in ein Rockfestival. Bloc Party, die am Samstag spielen, haben das bereits versucht. Sänger Kele Okereke gibt sich etwas launisch und hat insbesondere Probleme damit, dem Publikum seine Ansagen verständlich zu machen. Immerhin offenbart er aber eine angesichts der zuletzt immer elektronischeren Songs erstaunliche Lust an der Gitarre.
Neben der Sprachbarriere scheitern Bloc Party gelegentlich an der Komplexität der eigenen Songs. Oder aber sie liefern den Beweis für den Zusammenhang zwischen Talent und Intensität. Hits wie Banquet, Talons oder The Prayer lösen sie eine Euphorie aus, die erklärt, warum sich fast jeder hier auf diese Band gefreut hat. Und spätestens die ausgiebige Zugabe macht klar, dass Bloc Party nach nur drei Alben für fast jeden Fan einen Song haben, der die Welt bedeutet.
Noch besser machen es Phoenix. Die Franzosen feuern zunächst die Kracher ab und bringen so als erste Band des Festivals die Leute auf den Tribünen zum Tanzen. Danach gönnen sie sich ein paar kleine Experimente mit ihrer Hitformel.
Die von Phoenix im Interview noch gepriesenen Animal Collective bestachen mit einem famosen Intro. Leider war es 60 Minuten lang – und man fragte sich die ganze Zeit, wann endlich der verdammte Song losgeht. Die Antwort lautet: nie.
Der zweite musikalische Tipp von Phoenix-Gitarrist Laurent Brancowitz ist im Festivalkontext auch mit Vorsicht zu genießen. Gerade als die Stimmung kocht, ziehen Fever Ray runter. Das Projekt der The-Knife-Sängerin Karin Dreijer Andersson macht grandiosen psychedelisch, metallisch, folkigen Synthpop. Festival-tanzbar ist das jedoch nicht. Dazu gibt es eine krude Lichtshow mit Oma-Wohnzimmer-Stehlampen.
Zu den Verlierern des Festivals zählen auch Polarkreis 18. Sie legen sich zwar mit viel Gehopse ins Zeug, doch unterm Strich haben all diejenigen nichts verpasst, die während des Auftritts am Sonntagnachmittag ihr Zelt abgebaut haben. Rufe wie «Ihr könnt nach Hause gehen», quittiert Sänger Felix Räuber mit einem «Machen wir auch gleich». Währenddessen stiehlt ein splitternackter Zuschauer, der die Fans mit seinem Striptease in Aufregung versetzt, den Chartstürmern aus Dresden locker die Show. Auch Sängerin Jennifer Rostock und Wilson Gonzales Ochsenknecht im Publikum wenden den Kollegen auf der Bühne lieber den Rücken zu, um Handyfotos vom Nackten zu machen.
Einen ähnlichen Sex-Appeal legen Glasvegas vor. Sänger James Allan löst mit dem Ablegen seiner obligatorischen schwarzen Lederjacke Jubel aus und lädt die Fans zum Spannen in die Garderobe ein. Ansonsten spielen die Schotten Hymne um Hymne und eine famose Akustik-Version des Ronettes-Klassikers Be My Baby. Das Ergebnis war reichlich Gänsehaut – nicht nur, weil ein kühler Wind gerade die Sonne verdrängt hatte.
Während sich viele Festivalbesucher bereits mit ihren leeren Bierkisten vom Zeltplatz in Richtung Heimat trollen, endet das Melt mit dem Paukenschlag, der von allen erwartet wurde. Oasis sind wahrscheinlich ein Grund, warum es fürs Melt im zwölften Jahr zum ersten Mal schon im Vorverkauf keine Tickets mehr gab. Sänger Liam Gallagher zeigt sich zwar stimmlich angeschlagen, dafür glänzt sein Bruder Noel mit grandiosen Versionen von The Masterplan und Don’t Look Back In Anger.
Die Britpop-Väter geben sich die Ehre und spielen ihre Hits wie Cigarettes & Alcohol oder Roll With It und vom aktuellen Album nur zwei Stücke. Insgesamt zeigen sie sich in der Stadt aus Eisen von ihrer zarten, versöhnlichen Seite. Manche Fans bevorzugen vielleicht die arrogante und aufmüpfige Version, die schon mal handgreiflich wird. Doch andere sind begeistert.
Die Jungs aus Manchester können immer noch Hits wie Some Might Say oder Stop Crying Your Heart Out weglassen, ohne dass man es merkt. Und eine B-Seite wie Half The World Away zu einem Highlight machen. In solchen Momenten können sie die Klasse herüberretten, die sie in den 1990er Jahren ausgemacht hat.
Größer sollte das Melt-Festival wirklich nicht mehr werden, aber ein bisschen besser geht noch - und wenn es nur das Wetter ist.
ruk