Von news.de-Redakteurin Mara Schneider
Das Telefon klingelt. Die Nummer ist unbekannt, die Person am anderen Ende auch. Aus solchen Situationen können sich die interessantesten Gespräche entwickeln. Auch die Internetplattform Omegle spielt mit dem Unbekannten. Ein Erfahrungsbericht.
Kristie ist 17, Schülerin und kommt aus Brasilien. Vor wenigen Tagen haben wir uns zusammen ein Fußballspiel der Selecao, der Nationalmannschaft ihres Landes, im Fernsehen angeschaut. Sie in Brasilien. Ich in Deutschland. Ganz spontan. Dabei kannten wir uns gar nicht.
Ich habe Kristie bei Omegle kennengelernt. Das Motto der neuen Internetplattform lautet: «Talk to strangers» - sprich mit Fremden. Im Gegensatz zu vielen anderen Chaträumen und Social Communites kann ich bei Omegle direkt loslegen. Das lästige Anlegen eines Profils entfällt. Ein Klick auf den großen blauen Knopf der übersichtlich gestalteten Startseite, und der Chat beginnt.
Wer am anderen Ende der Leitung sitzt, weiß ich nicht. Es gibt keine Fotos, keine Spitznamen, keine Altersangaben, kein Herkunftsland. Nur mich und «stranger», den Fremden. Vollkommene Anonymität. Wie startet man so ein Gespräch, wenn das Gegenüber überall in der Welt sitzen könnte? Ich entscheide mich für das konventionelle «Hi».
Fünf Minuten später weiß ich, dass mein Chatpartner weiblich ist, 17 Jahre alt, Kristie heißt und Brasilianerin ist. Und witzigerweise genau wie ich gerade im Fernsehen das Finale des Confederation Cups zwischen Brasilien und den USA verfolgt. Ein gefundenes Fressen. Die nächsten Minuten verbringen wir mit Fachsimpeleien und fiebern mit der Selecao um die Wette. Am Ende kann Kristie aufatmen, «ihre» Jungs haben den Cup geholt.
Dann entschuldigt sich Kristie, sie habe noch etwas vor. Sekunden später informiert mich Omegle, dass «stranger» die Verbindung unterbrochen hat und bietet mir an, einen neuen «random user» für mich zu finden. Wieder klicke ich den «start-a-chat»-Knopf. Diesmal macht «stranger» den Anfang – doch statt einer netten Begrüßung werde ich mit Obszönitäten überhäuft.
«Leider gibt es bei Omegle Nutzer, die statt interessante Konversationen führen zu wollen andere lieber beschimpfen und sie zuspammen», gibt Omegle-Erfinder Leif K-Brooks zu. Auf seinem Blog verspricht der 18-jährige Gymnasiast und Computerfreak, dieses Problem so bald wie möglich zu beheben. «Ich hoffe, bis dahin lassen sich die Omegle-Nutzer nicht davon unterkriegen und erfreuen sich trotzdem an der Seite.»
Ich breche das Gespräch mit einem Klick auf den «disconnect»-Knopf ab und entscheide mich, noch einen neuen Versuch zu wagen. Der nächste «stranger» entpuppt sich wenig später als Chris, Student in den Mittzwanzigern, aus Eastbourne, England. Wie interessant, denke ich. In Eastbourne habe ich als 14-Jährige einen zweiwöchigen Schüleraustausch absolviert. Ob es das Internat noch gibt, frage ich Chris, und die nächste halbe Stunde plauschen wir über Gott und die Welt. Bis Chris das Gespräch plötzlich ohne Vorwarnung beendet.
«Möchten Sie einen neuen zufälligen Chatpartner?», fragt mich Omegle auf englisch. Doch für heute habe ich genug und schließe das Browserfenster. Aber ich werde wiederkommen. Die totale Anonymität des eigenen Ichs ist eine willkommene Abwechslung im Reich des sonst so datengefüllten Web 2.0. Bei Omegla bestimme ich, was ich preisgebe. Ich entscheide, wann ein Gespräch beendet ist - ohne Angst haben zu müssen, von einem nervigen User wieder und wieder kontaktiert zu werden. Und letztlich ist der Reiz des Unbekannten auch einfach zu groß.
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