Von news.de-Redakteur Christian Mathea, Barcelona
Das Sonar in Barcelona ist nicht bloß eine Tanzveranstaltung. Die Hallen des Museums für Moderne Kunst CCCP laden im Rahmen einer Musikgerätemesse während des Festivals zum Entdecken ein. Neben vielen Neuheiten gibt es aber auch etwas Nostalgie.
Wildes Wummern, Pfeifen und lautes Rauschen - akustisch sind die Räume der Musikgerätemesse auf dem Sonar kein wirklicher Hörgenuss. An einem Computer zerhäckselt gerade jemand eine alte Michael-Jackson-Platte, wobei er den Refrain vorwärts und rückwärts laufen lässt.
Und daneben eine Szene, die sich auf der Messe häufig abspielt und die ein Klischee über elektronische Musik bestätigen dürfte: Der junge Nachwuchs-DJ schiebt irgendwelche Regler eines Synthesizers hoch und runter und erklärt seiner Freundin, welchen Effekt das hat. Mehr oder weniger begeistert hört sie ihm zu. Es scheint eher, sie toleriert sein Hobby der Beziehung wegen. Wirkliche Begeisterung sieht anders aus.
Ein paar Meter weiter testet ein DJ den Plattenspieler der Zukunft. Einen Tonabnehmer gibt es nicht mehr. Die durch die Hand verursachten Bewegungen der Platte überträgt die Maschine in den Computer.
Die Nachfolgegeräte der legendären analogen Moog-Synthesizer, deren Klänge in vielen Techno-Klassikern zu hören sind, werden am Stand der gleichnamigen Firma genau unter die Lupe genommen. Von einem Poster aus beobachtet Robert Moog, der Erfinder dieser Klangerzeuger, das Treiben an seinem Messestand wie ein Geist. Da er vor einigen Jahren gestorben ist, kann er den Ruhm nicht mehr genießen, der ihm mittlerweile zuteil wird. Ob ihm Technomusik eigentlich gefallen würde?
Seine Geräte jedenfalls freuen sich bei den Produzenten elektronischer Musik weiter großer Beliebtheit. Und das weiß man im Hause Moog auch. «Für uns ist das Sonar-Festival ein wichtiges Podium, um unsere Produkte vorzustellen», sagt Darwin Barbaroz, der für den Vertrieb in Spanien zuständig ist. «Hier kommen sehr viele Künstler zusammen, die sich für elektronische Musik interessieren.»
Einige Stände weiter gibt es «Handmade in Germany». Mit ihrem selbstgebauten Plattenrecorder wirken die beiden Mittfünfziger Ulrich Sourisseau und Fritz Schien wie aus einer anderen Welt. Von den Besucherzahlen her sind sie indes der Höhepunkt der ganzen Messe. Verständlich, denn sie erfüllen vielen DJs, die jahrelang zu Hause an eigenen Stücken tüfteln, einen Traum. Die Festivalbesucher geben den beiden Deutschen ihre CDs und nach ein paar Minuten Bumm-Bumm-Musik ist die eigene Platte fertig.
«Wir haben früher Musikautomaten aufgebaut, aber irgendwann gab es keine Singles mehr. Deshalb sind wir auf die Idee mit der Maschine gekommen», erklärt Sourisseau. «Heute stellen wir zwar keine Automaten mehr auf. Stattdessen verkaufen wir aber diese kleinen Maschinen.» Ebenso wie die Firma Moog nutzen sie das Festival, um den Plattenrecorder möglichst vielen Musikern schmackhaft zu machen.
Neben der Musikmesse ist in den Hallen des CCCP während des Festivals die Sonar Matica untergebracht - eine Art interaktives Museum, in dem die Besucher zu Klangerzeugern werden, sei es durch das Berühren von Metallstäben oder das Verschieben von Gegenständen.
Natürlich fehlt auch auf der Sonar Matica der gute alte Plattenspieler nicht. Doch hier hat er nicht einen, sondern gleich fünf Tonabnehmer, die sich umsetzen lassen. «Die Platte hat 20 in sich geschlossene Rillen, die jeweils einen Loop beinhalten», sagt der Japaner Yuri Suzuki, der den fünfarmigen Plattenspieler gebaut hat. Wie er auf die Idee gekommen ist? «Ich hatte irgendwann mehrere Gigabyte Musik auf meinem Computer und kein Gefühl mehr für die wahre Menge. Mit dieser Installation möchte ich jungen Menschen die physische Seite von Musik näherbringen.»
Ein weiteres interessantes Exponat ist der Reactable, eine Art musizierender Wundertisch. Er funktioniert, indem man kleine Plastikkörper auf eine Glasscheibe legt, beispielsweise lösen Würfel Töne aus und Quader Rhythmussequenzen. Je nachdem, wie man die Körper dreht, werden die Klänge verändert.
Diese Reactables seien bereits in einigen Museen zu sehen, sagt Sergi Jorda, der den Tisch gemeinsam mit einem Spanier und zwei Deutschen entwickelt hat. Im kommenden Jahr soll zudem ein portables Gerät für Musiker auf den Markt kommen, erklärt Jorda. Für die Musikerin Björk hätten sie bereits einen Reactable ausgeliefert.
aro